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Menschen

Weihnachten in der Ganghofersiedlung

Als die Ganghofersiedlung 1945 geräumt wurde, waren einige der Betroffenen noch kleine Kinder. Unterm Christbaum kommen die Erinnerungen hoch.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Das erstgeborene Kind der Familie Bauer: Elfriede war zwischen zwei und drei Jahre alt, als dieses Foto in der späteren Ganghofersiedlung entstand. Foto: Hutschenreuther
  • Im ersten Stock dieses Wohnblocks (links oben) wohnte die Familie des technischen Zeichners Theobald Bauer. Foto: Hutschenreuther
  • Elfriede Hutschenreuther heute: Das Fotoalbum hält die Erinnerungen an ihre Jugend fest. Foto: Wanner

Regensburg.Die MZ-Berichte über die Ganghofer-Siedlung von 1945 bis 1949 finden bei der älteren Leserschaft großen Anklang. Von überall her schreiben ehemalige Bewohner der Siedlung. Aus Köln meldet sich ein Karlheinz Wießner, dem die Berichte von seinem Bruder zugeschickt wurden. Er wohnte in der Theodor-Storm-Straße 14, einem Häuserkarree an der Krimhild-, Nibelungen-Straße am Fuße des Ziegetsberges, kurz nach der Abzweigung des Karthauserwegs stadtauswärts.

Der 1940 Geborene sagt: „Ich habe dem deutschen Polizisten, der den Räumungsbefehl überbrachte, die Tür persönlich aufgemacht.“ Die Botschaft brachte die Mutter an den Rand ihrer Kräfte. „Sie war total aufgelöst“, sagt Wießner. Der Vater war bis 1948 in Gefangenschaft, Karl Heinz Wießner war fünf Jahre alt. Weil er noch nicht stark genug war, seiner Mutter beim Räumen zu helfen, musste er „die Klamotten bewachen“, die auf dem Hof zum Abtransport bereitstanden.

Seine Schulzeit dagegen fand er lustig, „Ich habe drei Jahre meiner Schulzeit in Wirtshäusern und in Karthaus verbracht.“ Er hat noch den Gestank in der Nase, beim Wiedereinzug in die Wohnung. „Alle Häuser wurden von den Behörden vor Wiederbezug entlaust. Die chemischen Mittel stanken fürchterlich.“

Slavische Spuren

Auch die Regensburgerin Elfriede Hutschenreuther aus der Hedwigstraße las die Berichte mit großem Interesse. Die Geschichten, die durch die Jahresgabe des Europaeums mit dem Titel „Slavische Spuren“ ausgelöst wurden, vor allem aber durch den Aufsatz von Prof. Walter Koschmal über „die kleine Ukraine“ am Fuße des Ziegetsbergs, weckten auch bei dieser Leserin Erinnerungen. Elfriede Hutschenreuther wurde im Dezember 1941 geboren.

„Dass man nun über diese Dinge erfährt, die ja auch Geschichte der Regensburger Kriegs- und Nachkriegszeit sind, finde ich gut“, sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Nach einigem Überlegen hat sie sich deswegen entschlossen, ihre ganz persönliche kleine Ganghofer-Geschichte zu erzählen. Die ehemalige Verwaltungsangestellte beim Paritätischen Wohlfahrtsverband schrieb ihre Erinnerungen auch für ihre Nachkommen auf.

Ihr Vater Theobald Bauer arbeitete als technischer Zeichner bei den Messerschmitt-Werken und wohnte mit seiner Frau und seiner erstgeborenen Tochter in der Herman-Göring-Siedlung, Anton-Hechenberg-Str. 3, heute Anzengruberstraße. Alle Straßen in der Siedlung wurden nach den Nazi-Helden des 9. November benannt. Die junge Familie bewohnte eine kleine Wohnung im ersten Stock eines Mietshauses in der Nähe der damaligen Horst-Wessel-Schule.

Nach dem Bombenangriff auf Messerschmitt arbeitete ihr Papa ganz in der Nähe. „Seine Abteilung war zerstört und wurde in die heutige Wolfgangsschule ausgelagert.“

Lungenentzündung

Nach dem Krieg teilten alle 2000 bis 3000 Bewohner dasselbe Schicksal. Auch die Bauers mussten von heute auf morgen die Wohnung räumen, Elfriede Hutschenreuther erinnert sich: „Ich war dreieinhalb Jahre alt und meine Mutter schwanger. Die Möbel verstauten sie auf einem klapprigen Lastwagen, so erzählten mir später meine Eltern, und sie wussten nicht, wohin. Mein Vater ging wie die anderen auf Wohnungssuche. Mit einer ebenfalls aus der Siedlung ausgewiesenen siebenköpfigen Familie konnte er sich dann eine Etagenwohnung in einem Zweifamilienhaus in der Adolf-Schmetzer-Straße teilen, die ihm vom Wohnungsamt zugewiesen wurde. Darin hatten wir zwei kleine Zimmer zur Verfügung. Kochen musste meine Mutter auf einem Elektrokocher, Wasser zum Kochen, Spülen, Waschen usw. holte sie sich in einer Schüssel aus dem gemeinsamen Bad. Und in dieser Enge lebten wir vier Jahre lang. Hier wurde auch mein kleiner Bruder geboren, der allerdings mit zwei Jahren an Lungenentzündung starb, da es kein Penicillin gab.“

Ein paar Lamettafäden

Als ihre Eltern 1949 zurück in ihre ehemalige Wohnung konnten, erinnert sie sich noch, wie verkommen sie aussah. „Dicke lange Nägel waren in die Wände geschlagen, daran Stricke, an denen sie wohl ihre Tiere festgebunden hatten. An einem Strick hing noch ein alter Fleischklumpen.“ Trotz dieser harten Zeit versuchten die Erwachsenen immer, den Kindern die Not so wenig wie möglich spüren zu lassen.

Das erste Nachkriegsweihnachten 1945 in den engen zwei Zimmern des vorübergehenden Asyls ist für Elfriede Hutschenreuther überhaupt das erste Weihnachten gewesen, an das sie sich erinnern kann. „Ich wurde gerade vier Jahre alt, dieser Tag war auch mein Geburtstag. ,Heute kommt das Christkind!’, sagte meine Oma zu mir. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Und zu Hause stand dann auf dem einzigen kleinen Tisch, den wir hatten, ein Tannenbäumchen mit ein paar roten Kugeln, einigen Lametta-Fäden und brennenden Kerzen. Er war wunderschön! Mein Vater griff zwischen die Zweige, holte eine kleine ausgestopfte Stoffpuppe mit einem Papp-Gesicht hervor und drückte sie mir in die Hand. Es war meine erste Puppe. Und mein schönstes Weihnachten!“

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