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Kultur

Welle der Solidarität für Ostentor-Kino

Die Nachricht vom „Aus“ der Regensburger Institution am Ostentor Ende 2015 löst im Netz einen Proteststurm aus. Auch die Politik schaltet sich ein.
Von Marianne Sperb, MZ

Claudia Eis, Achim Hofbauer und Richard Kattan (von links) von der Neue Filmstudio GmbH: Die NFS rettete das Ostentorkino im November 2010. Jetzt droht dem Filmtheater erneut das Aus: Ohne schlüssiges Konzept wird der Vertrag, der Ende 2015 ausläuft, wohl nicht verlängert werden. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Dem Ostentor-Kino mit Kinokneipe und dem Lokal Chaplin droht Ende 2015 die Schließung; der Mietvertrag läuft in zwei Jahren aus. Verhandlungen um eine vorzeitige Verlängerung des Vertrags sind vor einigen Wochen gescheitert. Die Nachricht, zu Weihnachten in der MZ publiziert, löst bei Fans einen Proteststurm aus. Betreiber Achim Hofbauer, einer der vier Gesellschafter in der Neuen Filmstudio GmbH (NSF), ist baff über die Welle der Solidarität. Der Aufruf bei Facebook, das Kino zu erhalten, erhielt bereits knapp 10 000 „Gefällt mir“-Buttons, und die Petition, die ein Fan aus Weiherhammer am Samstagnachmittag aus eigenen Antrieb startete, fand binnen 24 Stunden mehr als 3000 Unterzeichner. „Sensationell“, sagt Hofbauer. „Das ist echt unglaublich.“

„Gehört zu Regensburg wie der Dom“

Im Netz ist eine heiße Debatte entbrannt. Die Fans posten Liebeserklärungen, „Ostentorkino, Chaplin und Kinokneipe sind Kult und ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Szene Regensburgs. Zuflucht und Inspiration vieler kreativer Köpfe.“ „Nur durch solch jahrelang bestehende Kultstätten behält eine Stadt Charakter.“ „Das systematische Ausrotten der Regensburger Kultur muss ein Ende haben. Wir brauchen nicht noch eine Disco oder Eventlocation, die vor sich hindümpelt und nur daran erinnert wie viel besser die alte Location war.“ „Eine Regensburger Institution (die das Wort verdient hat), eine Bereicherung für jeden Cineasten (Kurzfilmwoche). Das, was Regensburg im Grunde so liebenswert macht. Bitte bleib.“ oder: „Chaplin und Ostentorkino gehören zum Regensburger Kulturgut wie der Dom, das Rathaus, der Leere Beutel, der Donaumarkt.“ So und ähnlich lauten die Sympathieadressen Hunderter User auf Facebook.

Huber: Pop-Kultur-Szene trocknet aus

Auch die Politik schaltet sich ein. Stadtrat Jürgen Huber, OB-Kandidat der Bündnisgrünen, nimmt das drohende Aus für das Kino zum Anlass für eine Generalkritik am „Ausbluten“ der jungen Kulturszene Regensburgs. Huber schreibt in einem Pressepapier, die die hiesige, einmal für Bayern maßgebliche Pop-Kultur-Szene, trockne seit geraumer Zeit immer mehr aus. „Nun wird also auch die Regensburger Kinolandschaft um einen wichtigen Ort, um eines der ältesten Programmkinos Deutschlands, beraubt.“ Werner Hofbauer habe seit 1971 mit seinem Studentenkino am Ostentor für viele Regensburger das erste Programm-Kino angeboten und so die heute quirlige Studentenstadt erst mit geprägt.

Der Kulturmanager und Künstler möchte auf größere Zusammenhänge der Regensburger Kulturpolitik hinweisen, wenn er den Abgesang auf das Ostentorkino in einem Atemzug mit dem RKK und dem Schlachthof nennt: „Der Ausbau des Kongresszentrums am Alten Schlachthof wird mit 6,5 Steuer-Millionen bezuschusst, das Betriebsdefizit auf 25 Jahre übernommen, das unternehmerische Risiko ist null, dabei will OB Schaidinger ja ein Kongresszentrum am Ernst-Reuter-Platz! Während die vorhandene, vor allem die junge Kultur, austrocknet, vorhandene Infrastruktur verfällt, wie beim Historischen Museum, wird neue Infrastruktur hochsubventioniert. Die damit verbundenen explodierenden Immobilienpreise treffen nicht nur Wohnungssuchende aller Preisklassen, sondern auch Handwerker sowie Künstler und Musiker, aber auch veritable Gewerbetreibende aus der Kreativwirtschaft. Regensburg wird wieder ärmer, am Ende eines so genannten Boom-Jahres.“

Wolbergs: Ausverkauf der Kultur

„Das Ostentorkino muss bleiben!“, fordert Bürgermeister Joachim Wolbergs, OB-Kandidat der SPD, in einem Statement vom Sonntag. Er sagt Achim Hofbauer „vollste Unterstützung beim Kampf für den Erhalt des Altstadtkinos“ zu. Regensburg würde „ein großes Stück seiner Identität“ verlieren. „Das darf nicht sein!“, empört sich Wolbergs. „Unsere Stadt verliert immer mehr Gesicht. Das, was Regensburg ausmacht, geht langsam aber sicher verloren. Ein Ausverkauf unserer Kultur muss gestoppt werden!“

Der Bürgermeister beklagt: „Regensburger Institutionen verschwinden zunehmend aus dem Stadtbild. Mieten steigen, Geschäfte und kulturelle Einrichtungen weichen dem Profit von Kapitalanlegern. Individuelle und charakteristische Einrichtungen, die über Jahrzehnte das Stadtbild prägten und Regensburg zu dem machten, was es heute ist, weichen austauschbaren gesichtslosen Einrichtungen, die in jeder beliebiger Stadt zu finden sind.“ Das Ostentorkino sei eines der ältesten Programmkinos Deutschlands. „Das ist nicht irgendwas, was austauschbar ist. Das ist Regensburger Kultur. Auch ich habe dort viele Filme gesehen und war und bin regelmäßiger Besucher des Restaurants Chaplin“, betont Joachim Wolbergs. „Wir brauchen keine Event-Location oder eine weitere Disco. Wir müssen uns ganz schnell auf unsere Werte und Identität besinnen. Wir leben in einer der schönsten Städte. Und dazu gehören auch und gerade Einrichtungen wie das Ostentorkino und die Kinokneipe! Deswegen appelliere ich an die Besitzer, die jetzige Nutzungsstruktur zu erhalten. Damit würden sie ein Stück Regensburger Kultur sichern!“

Schlegl: Aufstampfen hilft nicht

Auch Christian Schlegl, OB-Kandidat der CSU, meldete sich am Sonntag zu Wort: „Keine Frage, das Ostentorkino ist ein fester Bestandteil der Regensburger Szene und eine kulturelle Institution in dieser Stadt.“ Allerdings entgehe es Wolbergs und Huber, dass die Eigentümer der Immobilie ein Recht darauf haben, mit ihrem Gebäude so zu verfahren, wie sie es für vernünftig halten. Es helfe dem Kino nicht, wie von dem Grünen- und dem SPD-Politiker suggeriert, öffentlichkeitswirksam und heftig aufzustampfen. „Der einzige Weg, sich für das Ostentorkino zu engagieren, ist es, sich zusammenzusetzen mit Betreibern, Vermietern und Investoren, und eine Lösung zu suchen.“ Der Familienverbund Schürger/Stark sei in Regensburg bekannt als bodenständiger und verantwortungsbewusster Immobilieneigentümer. „Man muss davon ausgehen, dass sich Schürger/Stark gut überlegt haben, wie sie mit dem Komplex verfahren wollen.“ Schlegl kündigte an, er wolle sich engagieren, um die Möglichkeiten für einen Erhalt des Kinos auszuloten. Falls das Kino Ende 2015 tatsächlich schließen müsse, bot Schlegl Achim Hofbauer bzw. der Betreibergesellschaft an, sich bei einer Suche nach einem alternativen Standort einzubringen.

Stark: NFS blieb Konzept schuldig

Für die Immobilieneigentümer ist die Schließung des Kinos noch keine ausgemachte Sache. „Ich frage mich schon, wie man zu der Aussage kommt, das Ostentorkino muss schließen“, so Michael Stark von der Eigentümerfamilie, der am Sonntag den Fall zurecht rückte. „Falls ein schlüssiges Konzept für ein Filmtheater vorgelegt wird, werden wir uns natürlich auch damit befassen“, so Stark zur MZ. Im Übrigen sind nicht die Immobilieneigentümer die Vermieter der NFS, sondern die Thurn und Taxis Brauerei Vertriebsgesellschaft.

Stark skizzierte den Hintergrund der Debatte, die jezt in der Regensburgs Kulturszene hohe Wellen schlägt: Vor rund neun Monaten baten unterschiedliche Personen der NFS GmbH um eine vorzeitige Vertragsverlängerung für das Kino, um Fördergelder für die anstehende Digitalisierung beantragen zu können. Vertreter von Immobilieneigentümer, Brauerei-Vertriebsgesellschaft und NFS trafen sich zu einem Gespräch. „Achim Hofbauer sagte: Ich brauche eine Vertrag über 2015 hinaus. Wir sagten: Wir brauchen ein Konzept“, so Stark. Dieses Konzept sei die NFS bisher schuldig geblieben.

Auf der Grundlage der aktuellen Unterlagen bzw. Zahlen könne man den Kinobetreibern derzeit keinen positiven Bescheid geben, so Stark. „Wir können Herrn Hofbauer und der NFS keinen Freifahrschein ausstellen.“ Der Unternehmer verweist auf hohe Investitionen, die zuletzt in die Immobilie gesteckt wurden. Der Komplex ist inzwischen – bis auf eine Wohnung, das Kino und das Chaplin – saniert und als Wohnraum für Studenten hergerichtet. „Wir sind in hohe Vorleistung gegangen. Wir haben hier ein denkmalgeschütztes Gebäude zu erhalten. Das muss auch wirtschaftlich darstellbar sein.“

Michael Stark sieht in dem Fall noch keinen Zeitdruck: Hofbauer bzw. die NFS hätten jetzt rund zwei Jahre Zeit, sich in Position zu bringen und ein nachhaltiges Konzept zu entwickeln, das auch zuverlässige Mietzahlungen erwarten lasse. Spekulationen, das Ostentorkino werde künftig zur Eventlocation, widerspricht Stark klar: „Dass hier eine Disco oder so geplant ist, ist völliger Quatsch.“

„Der Sommer 2013 ist schlecht gelaufen“, räumte Achim Hofbauer, der seit acht Jahren auch das Garbo-Kino betreibt, am Sonntag ein. Kino sei aber immer ein Saison-Geschäft. „Der letzte Winter war zum Beispiel im Garbo der erfolgreichste überhaupt. Und die jetzige Wintersaison wird wieder stark.“ Bis Ende 2015 wolle man den Betrieb des Ostentorkinos in jedem Fall durchziehen, so Hofbauer. „Wir wollen zeigen, dass das Kino erfolgreich ist und wir die richtigen Mieter sind.“ Der 45-Jährige schaut sich inzwischen allerdings auch nach anderen Standorten um: „Falls wir raus müssen, werden wir vielleicht woanders weiter machen.“

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