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Sicherheit

Wenn der Nachhauseweg zur Tortur wird

Viele haben ein mulmiges Gefühl, wenn sie nachts alleine nach Hause gehen. Wir haben eine Regensburger Studentin begleitet.
Von Anna-Leandra Fischer

Von der Innenstadt kommend sind nach der Galgenbergbrücke nachts nur noch wenige Menschen unterwegs. Foto: Fischer
Von der Innenstadt kommend sind nach der Galgenbergbrücke nachts nur noch wenige Menschen unterwegs. Foto: Fischer

Regensburg.Es ist 4.15 Uhr am Samstagmorgen, als Alina das Gatsby – einen Club in der Regensburger Innenstadt – verlässt, in dem sie den Geburtstag ihrer Freundin gefeiert hat. Drinnen war es stickig und heiß, draußen steckt sie die Hände tief in die Taschen ihrer zu dünnen Jacke. Sie kann ihre Atemluft kondensieren sehen. Statt froh zu sein, bald im Bett zu liegen, ist sie angespannt: Sie muss alleine nach Hause laufen und stellt sich die Frage: Was kann mir dabei passieren?

Das Problem im Dunkeln alleine nach Hause zu laufen, kennen viele Frauen: Gerade in der kalten Jahreszeit ist es oft schon nach der Arbeit oder Uni finster. Aber auch nach dem Restaurantbesuch, einem Treffen in einer Bar oder Diskothek bleibt der Nachhauseweg nicht erspart. Unter der Woche fahren die Busse im Regensburger Stadtgebiet bis 0 Uhr. Wer später heim möchte, muss zu Fuß gehen, das Rad, Taxi oder Auto nehmen. Nur am Wochenende gibt es auch Nachtbuslinien. Allerdings muss auch hier noch der Weg von der Bushaltestelle bis zur Wohnung zurückgelegt werden. Die Studentin Alina wohnt in einer WG, sie kann mit ihren Mitbewohnern und Freundinnen, die in der Nähe wohnen, oft zusammen nach Hause gehen – wenn auch nicht immer. Andere Frauen haben weniger Glück, wohnen alleine oder haben Freunde, die am anderen Ende der Stadt leben.

Wie sicher fühlen sich Regensburger auf dem nächtlichen Nachhauseweg?

Wie sicher fühlen sich Regensburger auf dem Nachha

Müde sieht die 20-Jährige aus, die mit entschlossenen Schritten in Richtung ihrer WG läuft. Ihre Stirn und ihr Haaransatz glänzen vom Schwitzen. Ihre Augen kneift sie zusammen, während sie ausgedehnt gähnt. Von dem Club in der Tiefgarage macht sich Alina auf den Weg, vorbei an Albertstraße, Arcaden und weiter in Richtung Galgenberg. Vor allem beim Überqueren des Busumschlagpunkts merkt man ihr ein Unbehagen an. Alina erhöht ihr Schritttempo. Während sie erzählt, dass sie die Albertstraße am liebsten meiden würde, weil hier oft komische Leute die Nacht verbrächten, sitzt ein dunkel gekleideter Mann höheren Alters auf einer Bank und döst vor sich hin.

Woher kommt das mulmige Gefühl?

Viele Männer würden sich durch Alkoholeinfluss aufdringlich verhalten, „was nicht heißen soll, dass sie einem was tun würden“, sagt Alina. „Außerdem bekommt man durch die Medien so viel mit, was alles passieren kann“, sagt sie. Hanna Heinrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Uni Regensburg, setzt sich wissenschaftlich mit dem Einfluss von Medien auf die persönliche Sichtweise auseinander. „Wenn man dazu neigt, ängstlich zu reagieren, nimmt man Medienmeldungen zu Sexual- und anderen Delikten eher wahr“, sagt sie. Medien könnten aber auch zur Aufklärung beitragen und Menschen für Themen sensibilisieren.

Hanna Heinrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Uni Regensburg. Foto: Heinrich
Hanna Heinrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Uni Regensburg. Foto: Heinrich

Wenn man Alina das erste Mal sieht, könnte man meinen, sie sei im Ernstfall wehrlos. Sie ist eine schlanke junge Frau mit blonden Haaren. Noch dazu ist sie klein – gerade einmal 1,60 Meter. Doch der Eindruck trügt: Sie erzählt, dass ihr Freund bei der Polizei arbeitet und sie einige Griffe und Befreiungstaktiken von ihm gelernt hat. Dabei zeigt sie geschickt eine Bewegung, wie sie sich im Fall der Fälle aus einem festen Griff um ihr Handgelenk befreien kann. Im Unterton schwingt die Angst mit, dass eine solche Situation tatsächlich einmal passieren könnte.

„Wenn man dazu neigt, ängstlich zu reagieren, nimmt man Medienmeldungen zu Sexual- und anderen Delikten eher wahr.“

Hanna Heinrich, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie

Tatsächlich gab es laut Polizeipräsidium Oberpfalz in Regensburg im öffentlichen Raum im vergangenen Jahr zur Nachtzeit 18 Sexualdelikte. Im Vorjahr, 2015, waren es 29. Insgesamt hat die Straßenkriminalität in den vergangenen Jahren abgenommen. Die Delikte, die hier berücksichtigt wurden, sind Diebstähle, Sachbeschädigungen, gefährliche und schwere Körperverletzungen, Raubüberfalle und Sexualdelikte, die im öffentlichen Raum, also auf Straßen, Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln, von 20 Uhr bis 6 Uhr begangen wurden. Während 2009 noch 1615 Straftaten zur Nachtzeit in Regensburg registriert wurden, waren es 2016 1467. Die sinkenden Zahlen zeichnen ein anderes Bild, als Medien oft vermitteln.

Mut zur Verteidigung

Natürlich haben nicht alle Frauen Bekannte bei der Polizei wie Alina. Trotzdem können sie in Selbstverteidigungskursen lernen, was in brenzligen Situationen zu tun ist. An der Universität Regensburg wird ein solcher Kurs gegen alle Arten von Angriffen auf der Straße angeboten. Hier erlernte Fähigkeiten kommen hoffentlich nicht zum Einsatz, können Frauen aber beruhigen. Solche Kurse stärkten zwar auch die objektiv – vorrangig aber die subjektiv wahrgenommene Sicherheit: „Wenn ich mich besser vorbereitet fühle, fühle ich mich automatisch sicherer“, sagt Psychologin Hanna Heinrich von der Uni Regensburg.

„Wenn mir jetzt jemand entgegenkommen würde, würde ich bestimmt die Straßenseite wechseln.“

Studentin Alina

Während der Wind über die Galgenbergbrücke bei den Arcaden hinweg pfeift und die Blätter wegweht, verschränkt Alina die Arme fest vor der Brust und zieht die dünne Kapuze über den Kopf und tief in das Gesicht hinein. Die Brücke ist die ganze Nacht lang hell erleuchtet, danach wird der Weg immer finsterer und weniger belebt. Vorher sind immer wieder Menschen und kleine Gruppe vor Alina gelaufen, ihr entgegengekommen oder haben sie überholt. Nach den Arcaden werden es langsam weniger Menschen, bis irgendwann niemand mehr zu sehen ist. „Wenn mir jetzt jemand entgegenkommen würde, würde ich bestimmt die Straßenseite wechseln“, sagt sie. Auch ein ganzes Stück nach Hause gerannt sei sie schon einmal, weil ein Mann hinter ihr gelaufen sei. Damals hat sie Panik bekommen.

Einen Erklärungsansatz, warum manche Menschen auf dem Heimweg ängstlicher sind als andere, bietet laut Hanna Heinrich von der Uni Regensburg das Big Five Modell aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie. Nach diesem Modell spielen fünf Faktoren für die Persönlichkeit eines Menschen eine Rolle. Einer davon ist Neurotizismus – also die emotionale Labilität eines Menschen. „Menschen, die hohe Neurotizismuswerte mitbringen, neigen zu höherer Ängstlichkeit und können sich so auf dem Nachhauseweg auch unsicherer fühlen“, sagt Heinrich. Außerdem spielten Kontrollüberzeugungen eine Rolle: Wer denkt, dass er eine hohe Kontrolle über die Situation hat, empfindet auch weniger Angst.

Apps und Nummern für den Nachhauseweg

  • Telefon:

    Das Heimwegtelefon ist unter der Telefonnummer 030-120 74 182 erreichbar. Unter der Woche ist das Telefon allerdings nur von 20 bis 24 Uhr und am Wochenende von 22 bis 4 Uhr besetzt.

  • Apps:

    Apps für den Nachhauseweg gibt es viele. Sie sollen vor allem Frauen sicher nach Hause begleiten und für ein gutes Gefühl sorgen. Dazu zählen beispielsweise die Apps „KommGutHeim“ und „Wayguard“. Dort kann man Freunden oder einem Angestellten der App per Pushbenachrichtigung Bescheid sagen, dass man sich nun auf den Heimweg macht. Dabei kann man immer wieder seinen Standort durchgeben und das Gegenüber am anderen Ende der Internetverbindung kann den Weg live mitverfolgen.

Wenn Alina von vornherein weiß, dass sie am Abend oder nachts alleine nach Hause gehen muss, überlegt sie es sich gut, ob sie überhaupt weggehen soll. Oft bleibe sie auch einfach zu Hause, weil ihr die Lust auf einen unbeschwerten Abend vergangen sei, sagt sie. Eine andere Möglichkeit stellt für sie das Fahrrad dar: „Dann bin ich schneller daheim“, sagt Alina während sie sich auf der leeren Straße umschaut, „aber eigentlich fühle ich mich auch auf dem Rad unwohl... “. Taxifahren wäre aber auch keine Option für sie, weil die Fahrt für eine Studentin alleine zu teuer sei und ihr Taxifahrer suspekt vorkämen. Als Lachen und Geschrei in der Ferne zu hören sind, dreht sich Alina um, kann aber niemanden sehen.

Was tun, wenn man sich unwohl fühlt?

Wenn die junge Frau alleine ist, läuft sie immer den längeren Weg, der an der Hauptstraße entlangführt. Denn der ist besser beleuchtet. Alina erzählt, dass sie ihr Smartphone auf dem Nachhauseweg oft schon mit dem Ziffernblock auf dem Bildschirm in der Hand hält, um im Notfall möglichst schnell zu telefonieren. Wenn sie sich unwohl fühlt, versucht sie, auch auf dem gesamten Heimweg mit einer Freundin oder ihrem Freund zu telefonieren. „Falls niemand meine Anrufe beantwortet, werde ich dann aber noch unruhiger“, sagt sie.

„Falls niemand meine Anrufe beantwortet, werde ich dann aber noch unruhiger.“

Studentin Alina

Viele Frauen haben ein Pfefferspray, das eigentlich nur gegen Tiere eingesetzt werden darf, in der Handtasche. Alina aber nicht: „Im Ernstfall könnte ich mich damit bestimmt auch nicht wehren“. Hanna Heinrich von der Uni Regensburg warnt vor dem Gebrauch von Pfefferspray, denn damit könne man sich auch selbst schädigen. Piepser am Schlüsselanhänger, die bei Knopfdruck ein lautes Geräusch von sich geben, seien besser geeignet: „Das laute Schrecksignal ist hilfreicher, um den Angreifer in die Flucht zu schlagen“, sagt sie. Eine weitere Möglichkeit ist das Heimwegtelefon. Das ist eine kostenlose Nummer, die man anrufen kann, um auf dem Heimweg mit jemandem zu telefonieren und seinen Standort durchzugeben. Aber auch hier gilt – wie auch beim Versuch Freunde anzurufen: Nicht immer ist jemand erreichbar. Für Alina kommt diese Option nicht in Frage: „Ich selbst würde dort nie anrufen, weil ich mir dämlich vorkommen würde, mit jemand Fremden zu telefonieren.“ Auch Hanna Heinrich warnt vor solchen Telefonnummern und Apps, die einen auf dem Heimweg begleiten. „Hier ist die wahrgenommene Sicherheit natürlich höher, im Ernstfall kann eine solche Methode aber auch mal nicht richtig funktionieren“.

„Ich würde mich eigentlich nur sicherer fühlen, wenn mehr Polizei präsent wäre“, sagt Alina, „einschränken lassen will ich mich von dem mulmigen Gefühl aber auch nicht“
Und dann ist Alina endlich in ihrer sicheren Wohnung. Die Eingangstür zu ihrer WG wird sie im Dunkeln wohl auch in Zukunft noch einige Male alleine aufsperren.

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