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Leben

Wenn man alles alleine schultern muss

Alleinerziehende haben oft das Gefühl, ihren Kindern nicht zu genügen. Betroffene haben uns von ihren Problemen erzählt.
Von Kathrin Robinson

Unter den Klienten, die in den Regensburger Erziehungsberatungsstellen Hilfe suchen, sind viele Alleinerziehende. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Unter den Klienten, die in den Regensburger Erziehungsberatungsstellen Hilfe suchen, sind viele Alleinerziehende. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Regensburg.Anitas Leben tuckerte gemütlich dahin wie ein großes Kreuzfahrtschiff über den Ozean. Da kam der Tsunami, der ihr bisheriges Leben völlig auf den Kopf stellte: die Trennung von ihrem Mann. Plötzlich stand sie mit ihren beiden Töchtern im Alter von zwei und vier Jahren alleine da. „Ich fand mich auf einmal in einer Nussschale auf dem Meer wieder“, erinnert sich Anita, die genauso wie alle anderen Alleinerziehenden, die in diesem Artikel zu Wort kommen, ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Wenn die 37-Jährige an die Anfangszeit nach der Trennung zurückdenkt, die nun gut zwei Jahre zurückliegt, kommen ihr noch heute die Tränen. „Da stehst du plötzlich, zwei Kleinkinder an der Hand, und du hast niemanden, an den du dich wenden kannst. Für mich war gerade am Anfang auch diese finanzielle Bodenlosigkeit das Schlimme.“

„Für mich war gerade am Anfang auch diese finanzielle Bodenlosigkeit das Schlimme.“

Anita, Alleinerziehende aus Regensburg

Nach der Elternzeit wollte Anita wieder in ihren alten Job als Krankenschwester zurück, doch nach zwei Wochen merkte sie: „Alleinerziehend und ein Job mit Schichtzeiten: völlig unmöglich.“ Sie stellte einen Antrag auf Versetzung – und hatte Glück. Nun arbeitet sie halbtags in einer anderen Position. „Eine Stelle mit so geregelten Arbeitszeiten in der Krankenpflege zu finden, ist absoluter Luxus“, sagt sie. Mehr als die Hälfte ihres Einkommens sowie der Unterhalt für die Kinder gehen für die Miete ihrer Wohnung in Regensburg und Betreuungskosten drauf. Zum Sparen bleibt am Ende des Monats nicht viel übrig. Trotzdem ist sie dankbar. Die Arbeit ist für sie elementar, „mein Kopfausgleich“, wie sie sagt.

Der Alltag ist genau durchgetaktet

Damit Anita Kinder, Job und Haushalt unter einen Hut bekommt, ist der Alltag der Familie genau durchgetaktet. Um fünf Uhr morgens fängt der Tag für Anita an, um 15 Uhr holt sie die Kinder nach der Arbeit und der Erledigung von Einkäufen aus der Kita ab. Der Nachmittag gehört dann den Töchtern. Diese gemeinsamen Stunden sind ihr wichtig. Sie habe sich gerade anfangs sehr einsam gefühlt, sagt sie. „Aber ich will das alleine schaffen – und ich schaff das auch.“ Doch für mehr als Job und Familienalltag bleibt keine Kraft. „Man selbst bleibt schon auf der Strecke, weil man nur damit beschäftigt ist, dass die Familie rund läuft.“ Das ist auch etwas, was ihr in manchen Momenten Angst macht: „Was soll werden, wenn meine Gesundheit mal nicht mehr so mitmacht?“

Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg, kennt die Probleme vieler Alleinerziehenden. „Sie kämpfen mit Stress und mit Armut. Und sie sind ganz besonders auf einen guten Betreuungsplatz angewiesen.“ Rund 19 Prozent aller Eltern sind laut Scheuerer-Englisch alleinerziehend. Doch unter den Klienten, die in den Regensburger Erziehungsberatungsstellen Hilfe suchen, sind sie mit 36 Prozent deutlich überrepräsentiert.

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Problem: Die Wohnungssuche als Alleinerziehende

Auch Karin kennt Augenblicke, in denen sie so fix und fertig ist, dass sie am liebsten den Kopf in den Sand stecken würde. „Aber du musst ja funktionieren, dir bleibt gar nichts anderes übrig“, sagt die 36-Jährige aus dem Landkreis Regensburg. Ihren siebenjährigen Sohn und ihre vierjährige Tochter zieht sie alleine auf. Unterstützung bekommt sie von ihren Eltern. Trotzdem ist ihr Nervenkostüm bei einem Alltag am Limit zwischen zwei Kindern und einem Teilzeitjob oft sehr angespannt. „Mir tut es in Nachhinein leid, wenn ich zu den Kindern mal lauter werde. Ich versuch dann zu erklären: Die Mama ist ganz allein und muss das alles alleine schaffen.“ Auch sie arbeitet mehr oder weniger nur für die Miete. Karin sucht derzeit nach einer größeren Wohnung. Der große Wunsch: Ein Heim mit zwei Kinderzimmern, damit sich die Geschwister nicht so oft streiten. Doch das ist nicht nur aus finanziellen Gründen schwierig. „Überall, wo man anruft und sagt, dass man alleinerziehend ist, kassiert man sofort eine Absage.“

„Du musst ja funktionieren, dir bleibt gar nichts anderes übrig.“

Karin, Alleinerziehende aus dem Landkreis Regensburg

Die Hoffnung, als Alleinerziehende in Regensburg eine bezahlbare Wohnung zu finden, hat die 37-jährige Nicole aufgegeben. 15 Jahre lang lebte und arbeitete sie in Regensburg, dann wurde sie schwanger und der Kindsvater verabschiedete sich schnell aus ihrem Leben. Nach einem Jahr stellte sie sich die Frage, wie es weitergehen soll: eine auf Dauer zu kleine Wohnung, keine Aussicht auf eine neue, die Kosten für eine Krippe enorm. „Die Lebensqualität für mich und meine Tochter erschien mir gleich null.“ Nicole wohnt mittlerweile wieder in Niederbayern bei ihren Eltern, die sie unterstützen.

Auch die alleinerziehende Miriam aus Regensburg hat mit ihren vier Kindern jahrelang „nur auf Überlebensmodus“ gelebt, wie sie sagt. Teils wusste sie nicht, wie sie ihnen etwas zum Anziehen kaufen soll. Ein Urlaub zu fünft war undenkbar. Zwei ihrer Kinder sind nun schon erwachsen. Im Nachhinein hätte sie sich gern auch mal für jedes ihrer Kinder einzeln Zeit genommen. „Das kam viel zu kurz“, sagt sie. Ob ihre Kinder das auch so wahrgenommen haben, weiß sie nicht. „Darüber würde ich eigentlich gern mal mit ihnen sprechen.“

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