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Politik

Werbung mit Kindern: Wo ist Schluss?

Joachim Wolbergs (SPD) lässt im Regensburger OB-Wahlkampf Zweijährige für sich sprechen. Pädagogen und PR-Fachleute halten das für keine gute Idee.
Von Marion Koller, MZ

In seiner Wahlzeitung „Hallo Regensburg“ lässt Joachim Wolbergs Kleinkinder für sich sprechen. Nicht nur Werbefachleute stört, dass den Kleinen Worte in den Mund gelegt werden, die sie nie sagen würden.Foto: Koller

Regensburg.Im Wahlkampf-Endspurt setzen fast alle OB-Kandidaten auf die junge Generation: Christian Schlegl (CSU) tollt auf neuen Plakaten unter dem Titel „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“ fröhlich mit Nachwuchs herum. Mit seiner Familie präsentiert sich Horst Meierhofer (FDP). „Unsere Kinder beflügeln“ heißt es auf einer Großfläche von Joachim Wolbergs (SPD), auf der es um Chancengleichheit in der Bildung geht. Auf dem Bild hält er links und rechts ein Kind im Arm. Diese Kampagnen sind gang und gäbe – fröhliche, junge Gesichter sprechen die Menschen an.

Doch der Sozialdemokrat ist jetzt in der dritten Ausgabe seiner Wahlbroschüre „Hallo Regensburg“, die diese Woche in einer Auflage von 70 000 Stück erschien, noch weiter gegangen. Auf einer der 24 Seiten mit dem Titel „Kinder würden Wolbergs wählen“ werben fünf ganz Kleine für ihn. Der niedlichen Sabrina (2) im Biene-Maja-Kostüm hat die Salzburger Agentur „Platzl zwei“ den Satz in den Mund gelegt: „Weil Schwarz-Gelb nur mir und Biene Maja gut steht.“ Verena (2), verkleidet als Faschings-Teufelchen, findet Wolbergs „teuflisch gut“. Von der fünfjährigen Ida ragt nur der Kopf aus dem Sand. Lachend argumentiert sie für den SPD-Mann: „Weil wir beide bei Problemen den Kopf nicht in den Sand stecken.“

„Der powert ja Emotionen!“

In einer Empfehlung – allerdings für die Produktwerbung in Radio und TV – stellt der Deutsche Werberat fest, der Nachwuchs solle in den Spots auf keinen Fall so dargestellt werden, dass es „nicht den natürlichen Lebensäußerungen des Kindes gemäß ist“. Im Internet erntete Wolbergs eine Reihe kritischer Kommentare für die Kinderwerbung. Die MZ fragte Fachleute, ob eine Grenzüberschreitung vorliegt.

Für Hermann Scheuerer-Englisch, den Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung des Bistums, lautet die Frage, ob die Kinder für irgendetwas instrumentalisiert werden. „Im Fall Wolbergs sehe ich in keinster Weise den Kinderschutz verletzt“, betont der Familientherapeut, der die Broschüre kennt. „Es ist keine Kinderschutzfrage, sondern eine Geschmacksfrage.“ Scheuerer-Englisch spricht von einer „Grauzone“. Die Werbeagentur habe den Kindern die Worte in den Mund gelegt. Eine Zweijährige könne das nicht sagen. Es handle sich um eine abgedrehte Idee. „Das Ganze ist nicht so dramatisch“, urteilt er gleichwohl. Doch fragt er sich auch, ob die Werbeagentur geschickt vorgegangen ist.

Mit den Worten „Der powert ja Emotionen!“ reagiert Christian Huber von der Münchener Werbeagentur Huber und Freunde. Der Spezialist, der selbst Kampagnen entwirft, wirbt gerne und häufig mit Kindern. Doch er macht es anders. Aussagen wie die mit der Biene Maja findet er „billig“. Das erinnere ihn an „Sei kein Frosch, wähle grün!“ Natürlich sei Wahlkampf letztlich Werbung, doch in der Politik müsse ein höherer Anspruch an die Inhalte gestellt werden.

Jacqueline Heimgärtner, Inhaberin von Creativconcept in Regensburg, sagt, es sei rechtlich in Ordnung, die Kinder mit Einwilligung der Eltern abzubilden. Die Seite sei schön gestaltet. Allerdings sieht die Agentur-Chefin die Text-Bild-Kombinationen kritisch, gerade bei der „Biene Maja“. „Mich stört, dass den Kindern Sachen in den Mund gelegt werden, die sie selbst nicht sagen würden. Ob sich Wolbergs damit einen Gefallen tut?“

Lorenz: „Unglaublich zynisch“

Eine erklärte Gegnerin jeglicher Wahlwerbung mit Kindern ist Tina Lorenz, OB-Kandidatin der Piraten und Mutter eines kleinen Sohnes. Sie hat auch Horst Meierhofer kritisch auf sein Wahlplakat mit der Familie angesprochen. Beim SPD-Kandidaten Joachim Wolbergs, der sich stets für Kinderrechte und -selbstbestimmung einsetze, hält sie die Werbung mit den Kleinen für „unglaublich zynisch“. „Die Kinder werden benutzt.“

Mädchen und Buben hätten ein Selbstbestimmungsrecht, das die Eltern für sie ausüben. Kein Zweijähriger könne es überblicken, wenn er in einer Wahlkampagne auftaucht. „Ich finde es schade, wenn Kinder nicht frei von Politik aufwachsen“, bedauert Tina Lorenz. Ihren eigenen Sohn halte sie „weit weg vom Wahlkampf“.

OB-Kandidat Joachim Wolbergs versteht die Missbilligung und auch die kritische Debatte im Internet nicht. „Mir ist es ein Rätsel, wieso Kinder nicht für Kandidaten werben können“, sagt er. Das seien Töchter und Söhne von Bekannten, die ihn mögen. „Alle haben sich darüber gefreut. Den Kindern hat es einen Heidenspaß gemacht.“ Wolbergs versichert, er habe viel positive Resonanz auf die Seite bekommen, die ganz einfach witzig gemeint sei.

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