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Kultur

Wie die Welt lustvoll entziffert wird

Als Schauspielerin liest Eva Sixt die Welt. Als Sängerin feiert sie Musik. Die MZ sprach mit ihr über Heimat, den Erfolg und den Kulturbetrieb.
Von Flora Jädicke, MZ

Regensburg. „Das können wir schon machen“, sagt sie am Telefon. Eva Sixt ist vorsichtig. Die Bühnenfrau drängt sich nicht nach vorne. Für die Interviewanfrage hatte sie sich einen Tag Bedenkzeit ausgebeten. „Man gibt ja immer so viel von sich preis“, erklärt sie. Dabei bleibt sie gerne privat, für sich. Nur auf der Bühne, in der Musik oder bei Lesungen kann sie in allen ihren Facetten glänzen.

Aber dann kommt es doch anders. Sie sitzt im Goldenen Kreuz in einer Ecke und liest Zeitung. Nach einem kurzen Hallo geht sie schnell in die Vollen. Ihre Hände fliegen durch die Luft. Ihre Sprache ist gewählt, artikuliert und dynamisch. Ihr ganzer Körper wiegt sich mit jedem Wort vor und zurück. Und so wird das Gespräch alles andere als ein zähes Ringen um Worte. Nein, es ist ein vibrierendes Gedankenfeuerwerk. Eva Sixt ist eine flirrende Person. Zart und mit forschenden Augen liest sie die Welt. Auf überflüssigen Small-Talk kann sie verzichten. „Ich häng mich immer rein“, sagt sie, „ganz gleich, ob ich Theater spiele, Filme drehe oder in einer Lesung einen Text zum Klingen bringe . Ich arbeite immer intensiv auch an der kleinen Lösung.“

Die Arbeit muss brennen und lodern

Und dann spricht die Schauspielerin, Sängerin und Dramaturgin über Erfolg. „Man hat doch viel weniger in der Hand, als man denkt“, sagt sie. Sie liest Marieluise Fleißers „Eine Zierde für den Verein“ und „die FAZ jubelt und bringt die Rezension ganz groß“. Das ist schön. Daran lässt sie keinen Zweifel. „Aber wichtig ist etwas anderes.“ sagt sie. „Die Arbeit muss brennen, sie muss lodern.“ Das Weil-Programm zum Beispiel. Das war kein Erfolg in diesem Sinne. Die Tochter von Robert Stolz hat sie beschworen, wie sehr sie die Interpretationen liebt, aber irgendwie lief es nicht. Der Erfolg ist Zufall für Eva Sixt. „Er ist ein Glücksfall, das muss man wissen“. Beide sollen keine allzu engen Gefährten werden. Der Erfolg nicht und der Misserfolg nicht. Die Bühne sei kein Ort des Erfolgs. „Sie ist allein der Ort des Ausdrucks“, sagt Eva Sixt.

„Wir alle interpretieren die Welt unablässig“, hatte einst Umberto Ecco festgestellt. „Die Wahrheit gibt es für Schauspieler nicht. Meine Berufe ermöglichen es mir, auf meine subjektive Art lustvoll die Welt zu entziffern.“ Aber die Bühne bedeute immer Abenteuer, Zweifel, ob man es kann. Haut es hin? „Wenn ich beim Publikum bin, dann bin ich bei mir“, sagt sie. Für Sixt ist dieser Moment wichtiger als Erfolg.

Sie rennt dem großen Wurf nicht hinterher. Aber es gab ihn. 2011 spielte Eva Sixt die weiblich Hauptrolle in Josef Mayerhofers „Mischgebiet“. Der Film war eine echte Überzeugungstat, wie alle ihre Arbeiten. Frei wählen zu können, ist der einzige Luxus, den sich die seit 2000 freiberuflich arbeitende Schauspielerin leistet. Der Film ist voller wunderbarer Dialoge, langsam geschnitten. Kleines Budget und kleine PR. „Aber das sind Inseln“, sagt sie.

Den Text zum Klingen bringen

Der schauspielerische Alltag besteht aus vielen kleinen Projekten. Bühnenstücke, Lesungen und Hörbücher wie das von „Bayerns größter Volksdichterin“ Emerenz Meier. Wie sie versprüht auch Sixt diese vibrierende Neugier auf alles. Die Briefe aus Chicago, die Meier in die Heimat sendet, haben sie fasziniert. „Diesen Text von ‚Out of Heimat‘ will ich in der Lesung zum Klingen bringen. Er muss wachsen, wuchern, ins Kraut schießen“, sagt sie. Trotz ihrer „unbandigen Neugier“, ist sie dennoch nie weit von zu Hause weg gewesen. Sie hat nie im Ausland gelebt. Auch kein Fernweh verspürt. Schon alleine wegen der Sprache. „Man versteht sich ja selbst oft kaum“, stellt sie nachdenklich fest. Auf der Bühne des Turmtheaters aber hat sie das Fremdsprachenabenteuer auf höchst amüsante Weise gewagt. Josef Berlingers „Mei Fähr Lady“ ist das erfolgreichste Stück am Turmtheater und Eva Sixt zum weinen köstlich als chinesische Sprachakrobatin, die das Bairische erlernt. Für die Philosophin und Literaturwissenschaftlerin kann Sprache viel, aber nicht alles.

Ihre erste Liebe ist die Musik. Im Grunde sei sie die erste aller Künste. „Eine leichte Muse, ein Fest des Lebens und der schönen Stunden“, schwärmt sie. Wenn es gut läuft bei einem Konzert, dann feiert sie die Musik zusammen mit dem Publikum. „Wir sind dann ein ganz großes Tier“, sagt sie.

Eva Sixt studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Dem wissenschaftlichen Alltag an der Uni zog sie dann doch die Bühne vor. Etwas anderes wäre nicht infrage gekommen. Schon bei der Studienwahl hat sie sich für den unsicheren Weg entschieden und statt Lehramt den Magisterabschluss gewählt.

Es war der Regensburger Regisseur, Bühnenautor, Schauspieler und Theatermacher Joseph Berlinger, der ihr vor 22 Jahren den Weg auf die Bretter, die die Welt bedeuten, ebnete. Über ihn lernte sie den Musiker Sepp Frank (Trio Tricolore) kennen, mit dem sie seither als „Trio Tricolore“ dem französischen Chanson in Regensburg ein Denkmal setzt. „Josef Rödl oder Monika Drasch. Alle kamen über Berlinger“, sagt sie. „Wir sind eine echte Glückkonstruktion.“

Kulturpolitik: Nein Danke!

Als Künstlerin ist sie skeptisch gegenüber Kulturpolitik, wenn sie inhaltlich planen will. „Nein, Danke! Diese Jahresthemen, die sind doch schlimm“, sagt Sixt. „Lasst uns doch einfach arbeiten. Wie es am Ende aussieht, das wissen wir noch nicht“. Auch den Drang der „freien Kulturszene“, unbedingt institutionalisiert zu werden, versteht sie nicht. „Mich drängt es nicht.“ Natürlich wünscht auch sie sich eine „Spielwiese, die finanzieller Natur sein sollte“. Aber von dieser „grausamen Leuchtturmsprache“ hält sie nichts. Und jetzt rutscht sie aufgeregt auf dem Sessel hin und her. „Alles soll eingeschweißt werden in dieses Effizienzdenken.“ Als Künstlerin will sie sich damit nicht beschäftigen. „Das Schöne an der Kunst sei doch, dass sie sich der Effizienz so hartnäckig entzieht.“

Aber auch ihr ist bewusst, dass es beide geben muss: Die Effizienten und die Nicht-Effizienten. Ein heilloses Unterfangen bleibt es für sie dennoch, alles und jeden ausschöpfen zu wollen. Die Kunst, die Bildung und die Menschen. Jedes ihrer Worte sitzt und sie unterstreicht es mit intensiver Körpersprache. „Ich bin ein Mensch des Moments“, sagt sie. „In dem sind wir alle herrlich ineffizient. In dem geben wir keine Konsumanstöße. Was wäre denn, wenn die Kunst nur dazu da wäre, Erholung zu schaffen, damit wir dann alle wieder im System funktionieren können?“ Sie hat die Augen fragend aufgerissen. „Ich habe die Hoffnung auf die anarchischen Momente in der Kultur noch nicht aufgegeben.

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