MyMz
Anzeige

Wahlparty

Wie Regensburger auf Trump reagieren

Hoffen und Bangen im Audimax: Mehr als 1500 Gäste verfolgten den Ausgang der US-Wahlen bei der „Akademischen Wahlparty“.
Von Curd Wunderlich, MZ

Gut besetzt war der Hörsaal zu Beginn der Wahlparty. Foto: Ronja Bischof
Gut besetzt war der Hörsaal zu Beginn der Wahlparty. Foto: Ronja Bischof

Regensburg.Erst nach halb vier ist Schluss. Eigentlich hatte Stephan Bierling, Professor für Internationale Politik an der Universität Regensburg, geplant, die „Akademische Wahlparty“ zu den Wahlen in den Vereinigten Staaten im Audimax der Uni bereits um 2.30 Uhr zu beenden. Da hätte eigentlich alles klar sein sollen, hatte er nicht nur gehofft, sondern war der Amerika-Experte sogar überzeugt gewesen: Seine Vorlesung kommende Woche hatte er bereits vor Wochen mit „Warum Hillary gewonnen hat“ betitelt.

Bierling: Widerwärtig und gefährlich

Als Bierling dann mehr als eine Stunde später als geplant die Party bei eher gedrückter Stimmung beendet, muss er konstatieren, es sei „viel enger als erwartet“. Doch alles verloren sei für Clinton auch noch nicht, ist er weiter überzeugt. Stunden bevor die ersten Ergebnisse aus den USA eintrudelten — gezeigt live über CNN auf großer Leinwand — hatte Bierling den späteren Wahlsieger Donald Trump als „nicht nur widerwärtig, sondern auch gefährlich“ bezeichnet.

Weit über 1500 Gäste hatten den Weg ins Audimax gefunden. Die Sitzplätze reichten nicht aus, auch die Treppen waren voller junger Menschen, die dem Abend gespannt entgegen sahen. Zur Eröffnung kam Jennifer Gavito, US-Generalkonsulin in München. Sie zeigte sich — lange bevor das Wahlergebnis feststeht — überzeugt, dass „die USA eine freie Gesellschaft bleiben“ werden.

„Fakt und Fiktion haben sich in diesem Wahlkampf vermischt, wie wir das noch nicht gekannt haben.“

Dr. Gerlinde Groitl

Viel Diskussionsstoff boten auf der Akademischen Wahlparty die aktuelle Stimmungslage in den Vereinigten Staaten und der zurückliegende Wahlkampf zwischen Trump und Clinton. Laut Bierling habe es „keine Diskussionen über Sachthemen“ gegeben. Seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Gerlinde Groitl schlägt in die gleiche Kerbe: „Fakt und Fiktion haben sich in diesem Wahlkampf vermischt, wie wir das noch nicht gekannt haben.“ Das deckt sich auch mit den Beobachtungen vieler der jungen Besucher: Medizinstudent Simon Sirtl findet, die Schlammschlacht zwischen Trump und Clinton passe ins Bild des „postfaktischen Zeitalters“, sei geradezu ein Paradebeispiel für einen Wahlkampf, wie er nicht laufen sollte.

Was bedeutet Trumps Wahlsieg für Deutschland? Wir haben Regensburger gefragt:

Das sagen Regensburger zu Trump

„Trump gibt simple rassistische Antworten“

Professor Volker Depkat (American Studies) versucht auf dem Podium der „populistischen Tradition in amerikanischen Wahlkämpfen“ auch positives abzugewinnen: Populismus habe der Demokratie auch schon mal Schübe versetzt. Den Präsidentschaftskandidaten Trump sieht Depkat vor dessen Wahl allerdings auch mehr als kritisch. „Das was Trump präsentiert, sind keine Lösungen für die politischen Fragen unserer Zeit“, macht er seinen Standpunkt klar. Kritisch müsse man aber auch sehen, dass Hillary Clinton es nicht schaffe, Antworten für diejenigen zu geben, „die einfache Antworten suchen“.

Universitäts-Präsident Udo Hebel, selbst auch Amerikanistik-Professor, stimmt dem zwar zu, sagt aber auch ganz deutlich: „Trump gibt auf die Befürchtungen vieler Amerikaner nur ganz simple rassistische Antworten.“ Die USA würden Trump als Präsident zwar aushalten; ob jedoch andere Staaten, die „in welcher Beziehung auch immer zu den USA stehen das aushalten, ist eine ganz andere Frage“.

Das sagen Regensburger zu Trump

Clinton –„das geringere Übel“

Als die ersten Prognosen auf CNN bekannt gegeben werden, herrscht im bereits etwas leerer gewordenen Audimax gedämpfte, aber optimistische Stimmung. Das seien ja nur allererste Staaten, die wohl an Trump gehen, heißt es von vielen. Die Gäste auf der Wahlparty hoffen zum deutlich überwiegenden Teil klar auf einen Sieg Hillary Clintons. Auch wenn es viele kritische Stimmen gegen sie gibt und Trump durchaus seine Anhänger im Saal hat. Doch die meisten hoffen auf das „geringere Übel Hillary“. Trump bediene in erster Linie rassisistische Ressentiments, sei narzistisch und sexistisch: Ein solcher Kandidat eigne sich nicht für das Amt des US-Präsidenten, des wohl mächtigsten Amtes der Welt.

Je länger der Abend, desto bewusster wurde den Wahlparty-Gästen und auch Professor Stephan Bierling (links), wie eng es werden würde.
Je länger der Abend, desto bewusster wurde den Wahlparty-Gästen und auch Professor Stephan Bierling (links), wie eng es werden würde. Fotos: Wunderlich

Als nach und nach mehr Ergebnisse eintrudeln, bleibt die Stimmung gedämpft, der vorherige Optimismus weicht einer großen Unsicherheit bei den mittlerweile deutlich weniger gewordenen Studenten. Zwar keimt immer wieder ein Funken Hoffnung auf, wenn Clinton einen Staat für sich entscheiden kann und es gibt länger anhaltenden Jubel, als sie gegen 2 Uhr gleich einen ganzen Schwung an Bundesstaaten gewinnt. Doch die Einsicht, dass es wohl viel knapper wird als erwartet, es eventuell sogar doch nicht reichen könnte für einen Sieg der ehemaligen First Lady und US-Außenministerin, macht sich langsam auch im Audimax bei den Regensburger Studenten breit.

Trump-Anhänger jubelten

Während alle auf das Ergebnis aus Florida warten, trudelt das aus Texas ein: Trump gewinnt dort 38 Wahlmänner — was zu erwarten war. Der Jubel der verbliebenen Donald-Anhänger fällt im Audimax trotzdem ordentlich aus. Das bange Warten geht weiter. Die Zwischenstände aus Florida sorgen für Hochspannung: Beide Kandidaten liegen dort bis zum Ende nur wenige Prozentpunkte auseinander. „Diesen ersten Swing State sollte Clinton schon gewinnen“, wünschen sich viele der noch anwesenden Studenten.

Das Ergebnis aus Florida sieht schließlich niemand mehr im Audimax. Professor Bierling beendet die Wahlparty vorher. Am Ende holt Trump die 29 Wahlmännerstimmen aus Florida, nachdem er zuvor schon Ohio gewonnen hat. Der Grundstein für den späteren Wahlerfolg von „The Donald“.

Mit seiner Prognose lag Professor Stephan Bierling, wie fast alle Experten, am Ende daneben. Den Titel seiner Vorlesung kommende Woche wird er — wenn auch widerwillig — ändern müssen: „Warum Donald gewonnen hat“ dürften sich tatsächlich viele der Studenten fragen, die bei der Akademischen Wahlparty dabei waren.

Und so haben die US-Amerikaner abgestimmt:

Lesen Sie mehr

Ein Regensburger Trauma-Experte rät zur Verarbeitung politischer Schocks: vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen.

Lesen Sie in unserem Spezial alles zu den US-Wahlen!

In unserem NewsBlog können Sie die Ereignisse der Nacht nachlesen:

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht