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Lehrpfad

Zeitreise in die Erdgeschichte

Einst herrschte hier Karibik-Feeling: Auf dem Gelände der Friedrich-Zeche werden die 140 Millionen Jahre sicht- und greifbar.
Von Elisabeth Angenvoort

  • Die Fahrt mit der Lorenbahn ist nur eine von vielen Besonderheiten des Geolehrpfades. Jetzt soll ein zweiter Lehrpfad entstehen. Fotos: Angenvoort
  • Der Nachwuchs interessiert sich schon.
  • Interessant sind die Vorführungen.
  • Jede Menge ist geboten.

Regensburg. Einst herrschte Karibik-Feeling hier, und die Wassermassen eines warmen Golfstroms bedeckten das Land: das „Meer der Kreidezeit“. Das war vor 140 Millionen Jahren. Nicht nur Muscheln und Krebse, sondern auch Schildkröten und Haie bevölkerten das Wasser dort, wo jetzt etwa 60 Menschen stehen, um sich im Gelände der Friedrich-Zeche Regensburg auf eine Zeitreise durch die Geschichte unserer Erde zu begeben.

Der Himmel ist wolkenverhangen; kühler Wind lässt vergessen, dass wir es im Jahr 2019 unserer Zeitrechnung mit einer globalen Klimaerwärmung zu tun haben. Wobei, sagt Wolfgang Rösl, „der Erde unser menschlicher Klimawandel ziemlich egal ist“. Rösl, seit 20 Jahren im Bauunternehmen Rösl GmbH tätig, teilt sich heute die Führung der Besuchergruppen mit Wolfram Salberg, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Regensburger Straßenbahn-, Walhallabahn- und Eisenbahnfreunde (RSWE), und stellt gleich die erste Frage: „Warum gibt es überhaupt Kohle hier in Regensburg, und was macht man damit?“

Sie wohne ganz in der Nähe, sagt daraufhin eine der Besucherinnen, und habe sich schon lange gefragt, was in der Friedrich-Zeche eigentlich so vor sich geht. Aus diesem Grund wurde im September 2004 der Geolehrpfad seiner Bestimmung übergeben: Um die Öffentlichkeit zu informieren. Dabei geht es nicht nur um die Arbeit in einer Braunkohle- und Tongrube, sondern viel mehr noch: Man kann hier die komplette Erdzeitgeschichte durchwandern.

Weg zeigt die Dimensionen

Kaum vorstellbar, in welchen Dimensionen man sich bewegt. Ein 31 Meter langer Plattenweg versucht, dies zu veranschaulichen. Ein Schritt entspricht etwa 100 Zentimetern. Wenn also ein Zentimeter für eineinhalb Millionen Jahre Erdgeschichte steht, so hat das kleine Mädchen mit seinem Rad von einer Platte zur nächsten soeben 150 Millionen Jahre durchquert.

„Und es ist nichts passiert“, sagt Rösl. Der Mensch existiert bis dahin noch nicht einmal als Idee. Lediglich die letzten eineinhalb Zentimeter des Erdzeitbandes entsprechen der Zeit, seit der es Menschen auf der Erde gibt. „Für die Erde ist der Mensch ein Fliegenschiss“, formuliert es Rösl.

Das kleine Mädchen radelt mit den anderen Besuchern über die Steinplatten hinaus zum eigentlichen Beginn des Lehrpfades in der Kreidezeit. Es ist die Ära der Dinosaurier, die, übertragen auf das Zeitband, etwa 50 Zentimeter lang existierten. Aus dieser üppigen Tier- und Pflanzenwelt blieben kalkhaltige Knochen übrig, Hüllen von Muscheln und anderen Meerestieren, woraus sich eine 40 bis 50 Meter dicke Schicht bildete: der heutige Kalkstein.

Rösl verteilt Fundstücke zum Anfassen und demonstriert die Größe der hier gefundenen Haifischzähne, die man neben versteinerten Schildkröten im Naturkundemuseum Regensburg sehen kann. Die Kreidezeit endete vermutlich mit dem Einschlag eines gewaltigen Meteoriten, der ein weltweites Massenaussterben zur Folge hatte. Der „Regensburger Golfstrom“ bildete sich zurück in ein flaches, verästeltes Flussdelta. An der Wechselzone zwischen Wasser und Land setzte die Fäulnis der Bäume an, ein Baumriese stürzte sozusagen auf den anderen, und so formte sich eine meterdicke Pflanzenschicht, aus der sich Torf und Braunkohle bildeten.

Tertiärwald und Orchideen

Erdgeschichtlich sind wir beim Tertiär angelangt. Auf dem Gelände hat man hier erfolgreich versucht, aus Abkömmlingen und winterharten Sorten tertiärzeitlicher Pflanzen einen Wald aus dieser Epoche nachzubilden. Kleine Schilder im Boden verweisen auf die Besonderheiten des fossilen botanischen Gartens: eine Mooreiche zum Beispiel, wie sie schon vor 15 Millionen Jahren hier zu finden war, im Zeitalter der Reptilien und Säugetiere. Es ist die Epoche, in der sich auf dem Talboden die Tonflöze bildeten: der zweite Rohstoff, der hier abgebaut wird.

Man bewegt sich zwischen fremdartig wirkenden Bäumen und Pflanzen und stößt völlig unerwartet auf eine weitere Besonderheit: ein „Orchideenstandort“, sagt Rösl. Tatsächlich wächst hier eine Vielzahl farbenprächtiger Blüten in einem ausgewiesenen Naturschutzgebiet. Im Laufe des Sommers wird sich die ganze Pracht entfalten. Auf das Tertiär folgte das kalte Quartär, und es entstand der „eiszeitliche Staub“, der Lösslehm, die Vorstufe des lockeren Lössgesteins und damit Grundlage eines sehr fruchtbaren Bodens, wie man ihn heute im Gäuboden bei Straubing findet.

Ein kleiner Junge hat auf dem ganzen Weg kleine Steine gesammelt, Fundstücke, die Jahrmillionen widerspiegeln, eine ganze Tüte voll. Am Ende trägt sich die Erdgeschichte so schwer, dass die abschließende Fahrt mit der Lorenbahn gerade recht kommt. Warum die alte Bahn hier fährt? Das und alles andere kann man ganz genau auf einer der Tafeln nachlesen, die durch den Lehrpfad auf seiner ganzen Länge begleiten.

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