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Studium

Zum Semesterstart noch ohne Zimmer

In Regensburg eine Wohnung zu finden, ist für Erstsemester nicht einfach. Besondere Probleme haben Studenten aus dem Ausland.
Von Louisa Knobloch, MZ

Ali Rakouki (l.) und Fares Elouissi aus Tunesien beginnen am 4. Oktober ihr Elektrotechnik-Studium an der OTH Regensburg. Ein Zimmer haben sie kurz vor Semesterbeginn aber noch nicht gefunden.
Ali Rakouki (l.) und Fares Elouissi aus Tunesien beginnen am 4. Oktober ihr Elektrotechnik-Studium an der OTH Regensburg. Ein Zimmer haben sie kurz vor Semesterbeginn aber noch nicht gefunden. Foto: Knobloch

Regensburg.Seinen Studienstart an der OTH Regensburg hätte Joseph Kazarian sich anders vorgestellt: „Ich dachte, es wäre schwer, eine Zulassung zu bekommen. Das Schwierigste ist aber, hier eine Wohnung zu finden.“ Seit einem Jahr ist der 21-Jährige aus Syrien in Deutschland, hat zunächst in Kassel, später in Coburg Deutschkurse besucht und dort auch die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) abgelegt. „In Coburg habe ich eine Mail mit meiner Zulassung an die Wohnheimverwaltung geschickt und vier Stunden später bekam ich den Vertrag für ein Zimmer“, erzählt Kazarian. In Regensburg lief das nicht so reibungslos. Ein Problem: Die Bewerbungsfrist der Wohnheime für das Wintersemester lief im Juli aus – seine Zulassung für einen Studienplatz in Informatik an der OTH erhielt Kazarian aber erst am 14. August.

Irgendwann drängte die Zeit: „Am 30. Juli musste ich in Coburg ausziehen – bis 28. Juli hatte ich aber noch kein Zimmer in Regensburg gefunden.“ Über die Online-Plattform „WG-gesucht“ hatte er keinen Erfolg: „In den meisten Fällen bekam ich gar keine Antwort und wenn doch, hieß es, das Zimmer sei schon weg.“ Ein tunesischer Student sah schließlich seine Anzeige auf dem Online-Portal und bot ihm an, sein Zimmer als Zwischenmieter in den Semesterferien für zwei Monate zu nutzen. Am 1. August kam Kazarian nach Regensburg. „Ich dachte, die Suche würde einfacher, wenn man vor Ort ist“, sagt der 21-Jährige. Doch es blieb schwierig: „Private Vermieter wollten eine Bürgschaft meiner Eltern – die leben aber in Damaskus.“ Also sucht er weiter – denn Ende September muss er sein temporäres Zuhause verlassen.

Joseph Kazarian studiert ab Oktober an der OTH Regensburg Informatik.
Joseph Kazarian studiert ab Oktober an der OTH Regensburg Informatik. Foto: Knobloch

So wie Joseph Kazarian sind kurz vor Beginn des Wintersemesters noch viele – vor allem ausländische – Studenten auf der Suche nach einem Zimmer. An der OTH Regensburg ist das Büro von Hannelore Siegl-Ertl ihre Anlaufstelle. Sie ist im Akademischen Auslandsamt für die Unterbringung von ausländischen Studenten zuständig. „Viele, die zu mir kommen, sind völlig verzweifelt“, erzählt Siegl-Ertl. Auch per Mail wenden sich die Studenten an sie. „Sie sind meine letzte Hoffnung“, schreibt einer. Siegl-Ertl möchte helfen – derzeit bleibt ihr aber oft nichts anderes übrig, als einen weiteren Namen auf die ohnehin schon lange Warteliste für einen Wohnheimplatz zu setzen.

Seit 2011 hätte sich die Wohnsituation für Studenten in Regensburg permanent verschlechtert, sagt Siegl-Ertl. „Für ein WG-Zimmer oder eine Wohnung gibt es in der Regel 20 bis 30 Bewerber.“ Ausländische Studenten hätten auf dem privaten Wohnungsmarkt deutlich schlechtere Chancen als Deutsche. „Die bleiben immer auf der Strecke“, sagt sie.

Austauschstudenten haben Vorrang

Dabei steigt die Zahl der internationalen Studenten in Regensburg seit Jahren: An der Universität waren laut Elli Wunderlich vom International Office zuletzt rund 1600 Studenten aus dem Ausland eingeschrieben, an der OTH sind es etwa 1250. Davon absolvieren 1000 Studenten ein reguläres Studium an der Hochschule – doppelt so viele wie noch 2012. Hinzu kommen etwa 250 internationale Austauschstudenten, die nur für ein oder zwei Semester in Regensburg bleiben. Aufgrund von Partnerschaftsvereinbarungen zwischen den Hochschulen haben diese bei der Vergabe von Wohnheimplätzen Vorrang. „Für die regulären ausländischen Studenten bleibt da kaum etwas übrig“, so Siegl-Ertl.

Aktuell kann sie auf ein Kontingent von 172 Zimmern in Wohnheimen des Studentenwerks Niederbayern-Oberpfalz (STWNO) sowie Anlagen weiterer öffentlich geförderter Träger wie dem Oberpfalzheim, dem Johann-Hiltner-Heim oder dem Erzbischof-Buchberger-Heim zurückgreifen. „Wir sind froh und dankbar für diese Zimmer“, sagt Siegl-Ertl. „Aber sie reichen leider nicht aus, um den steigenden Bedarf zu decken.“

Wohnraum gesucht

  • Bedarf

    An der OTH und der Universität Regensburg beginnen im Wintersemester jeweils rund 200 reguläre Studenten aus dem Ausland ihr Studium. Sie suchen für die ersten Wochen und Monate des Semesters – gerne auch länger – günstigen Wohnraum (max. 300 Euro/Monat).

  • Kontakt

    OTH Regensburg: Hannelore Siegl-Ertl, Tel. (09 41) 9 43 11 31, E-Mail: hannelore.siegl-ertl@oth-regensburg.de ; Universität Regensburg: Gabriele Jäger, Tel. (09 41) 9 43 23 71, E-Mail: international.accommodation@ur.de

Auch Robert Klughardt, Leiter Studentisches Wohnen beim STWNO, weiß, dass sich ausländische Studenten auf dem privaten Wohnungsmarkt schwertun. Er verweist aber darauf, dass diese Gruppe bei der Vergabe von Wohnheimzimmern bereits „weit überproportional berücksichtigt“ werde. Der Anteil ausländischer Studenten in Regensburg liege insgesamt bei knapp acht Prozent – in den Wohnanlagen des Studentenwerks seien aber rund 30 Prozent ausländische Studenten untergebracht. „Eine Vollversorgung mit öffentlich gefördertem Wohnraum können wir als Studentenwerk nicht anbieten“, so Klughardt.

Hannelore Siegl-Ertl betreut die ausländischen Studenten an der OTH Regensburg.
Hannelore Siegl-Ertl betreut die ausländischen Studenten an der OTH Regensburg. Foto: Knobloch

Das Studentenwerk tue im Rahmen seiner Möglichkeiten viel für die ausländischen Studenten, bestätigt Elli Wunderlich. „Natürlich würden wir uns immer mehr Zimmer wünschen.“ Verschärft werde die Situation in diesem Wintersemester dadurch, dass Haus 1 des Wohnheims in der Regensburger Dr.-Gessler-Straße generalsaniert wird. Eine nötige Maßnahme, wie auch Siegl-Ertl einräumt. „Aufgrund der niedrigen Mieten war dieses Haus bei ausländischen Studenten aber besonders beliebt.“

Die privaten Wohnheime seien in der Regel zu teuer für die ausländischen Studenten. „An der OTH kommen die meisten aus Nicht-EU-Ländern wie Kamerun, Tunesien, Marokko, der Türkei oder Vietnam“, so Siegl-Ertl. Mehr als 250 Euro Miete pro Monat könnten sich diese Studenten nicht leisten, zumal sie sich ihren Lebensunterhalt über Nebenjobs oft selbst verdienen müssten.

Aus Tunesien stammen auch Fares Elouissi und Ali Rakouki, die ab Oktober Elektrotechnik an der OTH Regensburg studieren. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, ein Zimmer zu finden“, sagt Fares Elouissi. Er hat online bei „WG-gesucht“ geschaut und auch die privaten Wohnheimbetreiber angeschrieben – ohne Erfolg.

„Bald stehe ich auf der Straße“

Derzeit übernachtet Elouissi bei einem Freund in München. Dort hat er auch den Deutschkurs besucht und die DSH-Prüfung gemacht. „Lange kann ich dort aber nicht mehr bleiben – wenn ich hier nichts finde, stehe ich dann auf der Straße“, sagt er. Denn während des Oktoberfests sei auch in München kein günstiges Zimmer zu bekommen. Ali Rakouki wohnt nach dem Sprachkurs aktuell ebenfalls noch in München. In der ersten Zeit könnte er notfalls pendeln. „Viele Studenten haben dasselbe Problem wie wir“, sagt er. Ihn wundert, dass die Hochschulen nicht darauf reagieren. „Es wiederholt sich ja jedes Semester.“

Elli Wunderlich kann von Studenten aus dem Ausland berichten, die ihren Studienplatz nicht antreten konnten, weil sie kein Zimmer gefunden haben. „Das sind Einzelfälle, aber es kommt vor.“ Eine Wohnung zu haben, ist für die ausländischen Studenten noch aus einem anderen Grund wichtig: Nur mit einer gültigen Wohnadresse erhalten sie eine Aufenthaltsgenehmigung. Die von Joseph Kazarian aus Syrien gilt noch bis Ende Oktober. „Wenn die Genehmigung bald abläuft, ist es noch schwerer, ein Zimmer zu finden – aber ohne Adresse kann ich sie nicht verlängern“, beschreibt er das Dilemma. Im schlimmsten Fall droht die Ausweisung.

Mit roten Aushängen suchte Joseph Kazarian nach einem Zimmer für das Wintersemester.
Mit roten Aushängen suchte Joseph Kazarian nach einem Zimmer für das Wintersemester. Foto: Knobloch

Für seine Aushänge am Schwarzen Brett der OTH nahm Kazarian diesmal rotes Papier – passend zu seiner verzweifelten Lage. Tatsächlich erhielt er daraufhin einen Anruf von einem jungen Mann aus Sinzing, der ihm ein Zimmer im Wohnhaus der Familie anbot. Die Eltern seien zunächst etwas skeptisch gewesen, erklärten sich aber bereit, den 21-Jährigen für das Wintersemester bei sich aufzunehmen. Jetzt kann er sich endlich auf sein Studium konzentrieren. In sechs Monaten, so hofft er, klappt es dann vielleicht doch noch mit einem Wohnheimplatz.

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