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Vom Unheil der Alphatierchen

In unserer Reihe „Bücher aus Regensburg“ stellen wir Lesestoff aus der Feder von Autoren aus Stadt und Landkreis vor.
Von Heinz Klein

Ein Donald Trump, der schamlos puren Atavismus lebt, dürfte nach einer „Zweiten Aufklärung“ keinen hohen Rangplatz in der Gesellschaft einnehmen, sagt Prof. em. Dr. Klaus Rolinski. Foto: dpa/Michael Reynolds
Ein Donald Trump, der schamlos puren Atavismus lebt, dürfte nach einer „Zweiten Aufklärung“ keinen hohen Rangplatz in der Gesellschaft einnehmen, sagt Prof. em. Dr. Klaus Rolinski. Foto: dpa/Michael Reynolds

Regensburg.Sie drohen sich mit dem Allerschlimmsten und sie beschimpfen sich gegenseitig als alt, fett oder verrückt. Diktator Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump sind für den emeritierten Regensburger Professor für Strafrecht und Kriminologie ein Paradebeispiel für ein Verhalten, das er als Erbe der Evolution sieht. Fatal ist allerdings, dass in diesem Fall zwei Entscheidungsträger, die Befugnis über den Start von Atomraketen haben, anhand von Entscheidungsmustern aus der Zeit von Primaten handeln.

„Äffisch oder schimpansiös“ nennt Klaus Rolinski solches Agieren. Was für das Überleben unserer Vorfahren wichtig war, erweise sich heute zunehmend als gefährlich – zumindest bei Leuten, die wirklich weitreichende Entscheidungen treffen, also den Alphatieren in Politik, Wirtschaft und Religion. Deshalb hat Klaus Rolinski ein Plädoyer für eine „Zweite Aufklärung“ geschrieben. Wir müssen weg von einer „Politik im Lendenschurz“, sagt er.

Rang, Einfluss und Kontrolle

Der Jurist kennt das menschliche Seelenleben. In Mainz machte er sein Diplom in Psychologie, studierte dazu parallel Jura und biss sich dann in der Juristerei fest. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 an den Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie der Universität Regensburg berufen. Freilich blieb die Psychologie treue Begleiterin des Rechtswissenschaftlers, der sich vor allem auf die Suche nach den Ursachen für Kriminalität machte.

Diktator Kim Jong Un beim angeblichen Test einer Hwasong-12-Mittelstreckenrakete Foto: dpa
Diktator Kim Jong Un beim angeblichen Test einer Hwasong-12-Mittelstreckenrakete Foto: dpa

Bei einer Forschungsreise nach Papua-Neuguinea wurde Rolinski die Bedeutung von Rangordnungen deutlich vor Augen geführt. Wo es Gruppen gibt, braucht es Rangordnungen, sagt er. Gruppen brauchten unsere Vorfahren, um erfolgreich jagen und überleben zu können. Wenn Einzelpersonen in der Gruppe zur Einheit werden, reduziert sich innerartliche Aggression. Dafür grenzt sich die Gruppe nach außen ab und wer nicht dazugehört, wird zum Fremden oder gar zum Feind. „In der nahezu menschenleeren Welt vor 40 000 Jahren war das kein Problem, in unserer übervölkerten Welt ist es aber ein großes Problem geworden“, bedauert Rolinski.

Das urmenschliche Bedürfnis nach Rang, Einfluss und Kontrolle, das eine Gruppe stabilisiert, ist bis heute in unseren Köpfen geblieben. „Wir hätten heute allerdings Köpfchen genug, uns durch Selbstreflexion aus diesem Käfig der Evolution zu befreien und atavistisches Verhalten zu reduzieren“, hofft Klaus Rolinski. Das würde den Entscheidungsträgern neue Handlungsmöglichkeiten und Spielräume eröffnen. Frei vom Streben nach Rang und Macht könnten sie Konfliktsituationen umstrukturieren, neue Handlungsalternativen entdecken, sich gar in die Rolle des Gegenübers versetzen und dabei womöglich auch noch Verständnis finden oder neue Aspekte entdecken.

Prof.em. Klaus Rolinski fordert ein Ender der „Politik mit Lendenschurz“. Foto: Klein
Prof.em. Klaus Rolinski fordert ein Ender der „Politik mit Lendenschurz“. Foto: Klein

Rolinskis „Zweite Aufklärung“, die vom äffischen Erbe zur humanisierenden Vernunft führen soll, hätte weitreichende Folgen. Ein anderer Umgang mit Natur und Umwelt, eine Korrektur der Eigentums- und Vermögensdisproportionalität, eine Neugewichtung der Wertehierarchie, eine Neuformulierung von Rangplatzkriterien und eine Verringerung der Belastungen der nächsten Generation durch Müll, Radioaktivität oder Schulden wären hier zu nennen.

Klaus Rolinski spricht leise und mit Bedacht, argumentiert bestechend logisch und erlaubt sich in seinem wissenschaftlich geschriebenen Buch bisweilen auch Anflüge von Sarkasmus. Dass hinter seinen Forderungen eine Menge Dynamit steckt, wird erst auf den zweiten Blick klar. So müssten zum Beispiel für Alpha-Rangplätze Qualitätskriterien formuliert und eingefordert werden und die Inhaber von hohen Rangplätzen hätten sich einer gründlichen Kontrolle zu unterziehen, mahnt der Autor. Ein Donald Trump, der schamlos puren Atavismus lebt, würde dann niemals einen hohen Rangplatz erreichen.

Burgfrieden mit der Kirche

Widerstand gegen eine Zweite Aufklärung käme vor allem von Inhabern hoher Rangplätze und auch von der Kirche, ist sich Rolinski sicher. Mit der Kirche kann er aber eine Art Burgfrieden schließen: „Es gibt ein menschliches Bedürfnis nach metaphysischer Einbindung. Und psychische Grundbedürfnisse kann man nicht abschaffen.“

Dass der Spezialist für Strafrecht, Strafvollzug und Jugendstrafrecht selbst nach neuen Strategien der Konfliktlösung suchte, lässt sich aus seiner beruflichen Vita lesen. Rolinski schmiedete im Tübinger Arbeitskreis deutscher und schweizerischer Strafrechtslehrer an Gesetzesvorhaben, machte sich für Therapie statt Jugendarrest stark und war Mitbegründer des Vereins Kontakt Regensburg e.V., der Richter und Strafgefangene zusammenbrachte.

Nun ist ein renommierter Professor ja selbst ein Alphatier. Bei dieser Sichtweise wäre Rolinski beinahe erschrocken. Das Alpha-Bedürfnis sei bei ihm aber sehr gering ausgeprägt gewesen, versicherte er. Und am Lehrstuhl lief die Zusammenarbeit ohne Machtgefälle. Das war ihm wichtig.

Das Buch „Über die Notwendigkeit einer Zweiten Aufklärung“ ist in der Schriftenreihe „Am Zügel der Evolution“ beim Verlag für Wissenschaft und Bildung WBV erschienen.

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