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Geschichte

162 Messingtafeln erinnern an NS-Opfer

In Regensburg gibt es 17 neue Stolpersteine. Vier von ihnen erinnern an das traurige Schicksal der Familie von Karla Gerhard und Monika Springer.
Von Heike Haala, MZ

  • Der Gedenkstein für Jenny Einstoss Foto: Haala
  • Karla Gerhard (l.) und Monika Springer halten den Gedenkstein für den ermordeten Bruder ihres Großvaters in der Hand. Foto: Haala

Regensburg.Karla Gerhard hat den Bruder ihres Opas Gustav Freising nie kennengelernt. Trotzdem stockt ihr am Mittwochvormittag die Stimme, als sie eine kurze Rede in der Landshuterstraße spricht, nachdem für Carl und drei weitere Mitglieder der Familie Freising jeweils ein Stolperstein in das Pflaster auf dem Gehweg eingelassen wurde. Die Nazis ermordeten den Familienvater im Jahr 1942. Damals wurde der Mann zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern aus seiner Wohnung in der Landshuter Straße 14 b abgeholt und nach Piaski deportiert. Das Ghetto der ostpolnischen Stadt war die vorletzte Station im Leben vieler deportierter Juden, bevor sie ins Vernichtungslager Belzec abtransportiert und dort schließlich ermordet wurden.

Karla Gerhard und ihre Schwester Monika Springer waren am Mittwoch für die Stolperstein-Verlegung nach Regensburg gekommen. Eigentlich leben sie in Berlin und Darmstadt. Die beiden Enkelinnen von Gustav Freising sind an diesem Vormittag ziemlich aufgewühlt. Sie können sich nur zu gut an die Geschichten ihres Opas Gustav erinnern, in denen er ihnen von seiner Flucht aus Nazi-Deutschland berichtete.

Mit letzter Kraft

Gustav und Carls Tochter Ruth sind die einzigen Mitglieder der Familie Freising, die dem Naziterror durch Auswanderung entgangen sind. Gustav war in der sächsischen Stadt Plauen Inhaber eines Geschäfts – bis zur Reichskristallnacht. Danach wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, wo ihn die Nazis nur unter der Auflage freiließen, dass er sein Geschäft aufgab. Da war für den Mann klar, dass er auswandern musste. Verwandte aus Israel liehen ihm das Geld für die Ausreise. Schließlich ging es mit dem Schiff von Bologna aus in Richtung Brasilien, wo er eine neue Heimat fand. Nach und nach brachte es Gustav dort mit einem kleinen Zigarrengeschäft wieder zu Wohlstand.

Mahnen und Erinnern

Es sind Geschichten wie diese, die die 15 Mitarbeiter des Arbeitskreises Stolpersteine am Evangelischen Bildungswerk nun schon 162 Mal recherchiert haben. Die goldenen Pflastersteine erinnern überall in der Stadt an Menschen, die unter den Nazis zu leiden hatten. Am Mittwoch sind 17 neue Steine dazugekommen.

15 dieser Steine erinnern an Menschen, die wegen ihrer jüdischen Religion von den Nazis terrorisiert wurden, zwei weitere erinnern an zwei Regensburger Wiederstandskämpfer, die der Gruppe Neupfarrplatz angehörten. In ganz Europa liegen etwa 40 000 dieser Stolpersteine in 700 Städten. In Regensburg wurden die ersten Exemplare im Jahr 2007 in den Boden eingelassen.

Die Idee für die Stolpersteine hatte der Künstler Gunter Demnig. Die goldenen Inschriftplatten erinnern an die Opfer der NS-Zeit, indem vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir eingelassen werden. Mit den Steinen vor den Häusern soll die Erinnerung an die Menschen, die einst darin wohnten, lebendig gehalten werden. Auf den Steinen steht der Name des Opfers, seine Lebensdaten und wie er ums Leben kam.

Norbert Hartl, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat sagte, dass es sich dabei um ganz normale Menschen gehandelt habe, die Mitten im Leben gestanden sind, als sie die Nazis aus dem Schlaf rissen und ihrer Vernichtung zuführten. „Das waren Kinder, die sich mit ihren Geschwistern stritten, Diskussionen mit ihren Eltern führten oder die Geburtstagsgeschenke gebastelt haben. Sie hatten alles noch vor sich und wären nicht vor dem Ablauf ihrer Lebenszeit gestorben.“

Die Suche nach Opfern

In Regensburg sorgt sich der Arbeitskreis Stolpersteine am Evangelischen Bildungswerk darum, dass kein Regensburger Opfer der Nazis vergessen wird. Dieter Weber vom Arbeitskreis Stolpersteine weiß, dass die Spur dieser Opfer gut verfolgt werden kann. Auf die Geschichten zu kommen, sei allerdings das Schwierige. Besonders schwierig, wenn es sich dabei um die Lebensspuren von Sinti und Roma oder von Homosexuellen handelt. Deswegen ist die Arbeitsgruppe auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen.

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