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Ärzte rüsten sich für ältere Patienten

Regensburger Mediziner behandeln immer mehr Senioren, die viele Leiden haben und viele Pillen nehmen – eine Herausforderung.
Von Marion Koller, MZ

Für viele alte Menschen ist der Hausarzt einer der wichtigsten Ansprechpartner. Foto: Andrey Popov/Fotolia
Für viele alte Menschen ist der Hausarzt einer der wichtigsten Ansprechpartner. Foto: Andrey Popov/Fotolia

Regensburg.Der Hausarzt ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für Elisabeth Segerer (Name geändert). Alle 14 Tage sucht die alte Dame die Praxis auf, berichtet von ihrem Befinden, holt sich Rezepte und Rat. Am Donnerstag war sie dort. Sie hat über Schwindel und ihre wackeligen Beine geklagt.

Während junge Menschen mit einer Erkältung oder zum Impfen kommen, leidet die 83-Jährige wie viele andere betagte Patienten unter vielen Beschwerden. Die Arthrose an Knie und Hüfte schreitet voran, eine Osteoporose schwächt die Wirbelsäule, Bluthochdruck und die Folgen eines Herzinfarkts setzen ihr zu.

Sechs Minuten pro Patient



Wegen ihrer vielen Leiden nimmt Elisabeth Segerer unterschiedliche Medikamente ein. In der schnell alternden Gesellschaft gibt es immer mehr Patienten wie sie. Das ist für die Regensburger Allgemeinmediziner eine große Herausforderung. Ihr langjähriger Hausarzt Dr. Wolfgang Peter erklärt, die Schwierigkeit liege darin, die vielen Erkrankungen sachgerecht zu behandeln. „Man kann nicht jedes Symptom mit einem neuen Medikament therapieren, denn die Symptome hängen zusammen.“ Beim Schwindel von Elisabeth Segerer treffe das zu. Der Doktor stellt sich stets die Frage: „Muss man die bisherige Behandlung optimieren oder verändern oder handelt es sich um völlig neue Ursachen, die mit oder ohne Medikamente bekämpft werden müssen?“

Vordringlich behandeln die Hausärzte bei betagten Patienten die Symptome und Schmerzen, die die Lebensqualität besonders einschränken. Allerdings wirken Therapien bei alten Menschen anders, vor allem weil sich die vielen Medikamente gegenseitig beeinflussen oder zu starken Nebenwirkungen führen.

Zugleich müssen die Hausärzte schnell entscheiden. Etwa sechs Minuten Zeit hat ein Allgemeinmediziner laut Dr. Peter durchschnittlich für den Patienten. In Akutfällen nehmen sich die Ärzte nach Aussage eines weiteren Allgemeinmediziners auch mal 15 Minuten. Zugleich steigt die Zahl der älteren Patienten wegen des demografischen Wandels. In einer typischen Hausarztpraxis machen über 65-Jährige rund ein Drittel aus. Zehn bis 20 Prozent davon sind über 80 Jahre alt.

Die Ärzte Wolfgang Peter, Ildiko Grell und Bernhard Riedl (v. li.)
              Foto: Caritas-Krankenhaus
Die Ärzte Wolfgang Peter, Ildiko Grell und Bernhard Riedl (v. li.) Foto: Caritas-Krankenhaus

Damit die Ärzte gut für die Bedürfnisse der Senioren gerüstet sind und auf den neuesten Wissensstand kommen, haben der Regensburger Dr. Peter, der eine Praxis in Zeitlarn leitet, und Dr. Bernhard Riedl aus Wenzenbach eine Fortbildung „Geriatrische Basisversorgung“ mit ärztlichen Spezialisten und anderen Gesundheitsberufen organisiert. Dr. Ildiko Grell, Geriaterin und Oberärztin am Caritas-Krankenhaus St. Josef, unterstützt sie. Der erste Kurs füllte sich rasch mit 28 Hausärzten. Die Organisatoren selbst ließen sich ebenfalls schulen und bildeten aus, künftig werden sie ausschließlich referieren. Ein zweites 60-stündiges Seminar für Hausärzte mit zahlreichen Fachleuten werden sie am letzten Januar- und Februarwochenende 2018 in St. Josef anbieten.

Stürze gefährden Senioren

Dr. Stephan Hülsmann, Facharzt für Allgemeinmedizin aus dem Stadtnorden, hat im Kurs Zusatzwissen erworben. „Ich bin zwar ein alter Hase, mache seit 30 Jahren Altersmedizin und die Patienten bestätigen mir, dass ich das meiste gut mache“, betont er. „Aber ich habe gelernt, bei der medikamentösen Versorgung noch wesentlich vorsichtiger zu sein wegen der Wechsel- und Nebenwirkungen.“ Hülsmann will die Senioren vor Stürzen bewahren. Auch zum schnellen Erkennen dieser Gefährdung trägt die Altersmedizin bei. „Mindestens 30 bis 40 Prozent der Betagten sind nach einem Sturz dauerhaft auf Hilfe angewiesen“, umreißt der Arzt das Problem. Außerdem wolle die Praxis weitere Vorteile bieten. Hülsmann spricht bestimmte Patienten, die mit weit über 80 ein Auto steuern, nun an, ob sie ein Probefahrtraining für Senioren absolvieren wollen. Denn während die einen einwandfrei fahren, verschlechtert sich bei Senioren mit beginnender Demenz das Reaktionstempo. Die im Kurs geknüpften Kontakte zu Klinikspezialisten kommen den Patienten zugute.

Der Arzt aus dem Stadtnorden und die anderen Fortbildungsteilnehmer wissen jetzt, wie sich Altsein anfühlt. Mit Aging-Anzügen, Brillen, die Sehstörungen simulieren, Wackelbrettern und Gewichten, die gen Boden ziehen, haben sie es erlebt.

In Stadt und Landkreis Regensburg praktizieren laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns 242 Hausärzte. Jeder betreut im Schnitt 1200 Patienten, inklusive Privatversicherte. Die Fortbildungsreihe könnte also noch eine ganze Weile laufen. Auch die Angehörigen profitieren davon, weil gut geschulte Doktoren früh erkennen, wenn ein Senior eine Demenz entwickelt oder sich bald nicht mehr selbst versorgen kann.

Passgenaue Behandlung

  • Senioren brauchen

    eine altersgerechte Behandlung und Pflege. Seit vier Jahren gibt es am Caritas-Krankenhaus St. Josef die Station CURA (Caritas Unfallmedizin Regensburg Alterstraumatologie), angegliedert an die Klinik für Unfallchirurgie mit Chefarzt Prof. Dr. Michael Nerlich. Senioren mit Verletzungen, mit schweren und chronischen Leiden werden dort altersgerecht behandelt. Dazu zählen neben dem Verständnis für Veränderungen, die das Altern mit sich bringt, altersgerechte Operationstechniken, angepasste Arzneimitteltherapie, Physio- und Ergotherapie.

  • Niedergelassene Hausärzte

    betreuen seit langem Senioren. Eine erste Schulung „Geriatrische Grundversorgung“ (Altersmedizin) haben Dr. Wolfgang Peter und Dr. Bernhard Riedl, Leiter des Qualitätszirkels Allgemeinmedizin Regensburg, und Dr. Ildiko Grell, St. Josef, initiiert. Die Schulung ist laut Caritas-Sprecher Marcus Weigl einzigartig.

  • Die Deutschen

    werden immer älter. Ein heute geborenes Kind hat eine Lebenserwartung von durchschnittlich 90 Jahren. Damit werden auch die Krankheitsbilder komplexer.

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