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Inklusion

Barrierefrei auch in den Köpfen

Regensburg hat sich aufgemacht, inklusiv zu werden. Alle Menschen sollen an allen Lebensbereichen teilhaben. Dann wird es normal, anders zu sein.
Von Heinz Klein, MZ

  • „Wer lebt in Regensburg schon den Gedanken der Inklusion?“, fragen (von links) Sebastian Müller, Thomas Kammerl und Wiebke Richter. Foto: Klein
  • Freie Fahrt für Rollis fordert die Teilnehmerin eines Flashmobs zum Thema Inklusion. Foto: dpa-Archiv

Regensburg.„Regensburg wird inklusiv!“ Dieses Projekt ist längst angelaufen. Es setzt darauf, dass alle Menschen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit von Anfang an Teil unserer Gesellschaft sind und es auch bleiben. Darum das Motto: „Es ist normal, anders zu sein.“

Anders sind zum Beispiel Wiebke Richter und Sebastian Müller. Beide sitzen im Rollstuhl und beide meinen, dass die Sichtweise von Behinderung eine andere werden sollte. „Da sind Menschen, die sind nicht nur behindert, die werden auch noch behindert, weil ein paar Treppen sie davon abhalten, an etwas Interessantem teilzuhaben“, schildern sie ihre Sichtweise. Deshalb müssen Barrieren verschwinden. Doch eine mittelalterliche Stadt hat unzählige Barrieren. Und viele davon sind sogar denkmalgeschützt.

Viel Arbeit also, aber es geht nicht nur darum, Regensburg barrierefrei zu machen, es geht auch darum, die Regensburger barrierefrei zu machen – in den Köpfen. Da gibt es nämlich auch viele Barrieren.

Sonderwelten gehören aufgelöst

Um von dem Projekt „Regensburg inklusiv“ zu erzählen, sind Wiebke Richter und Sebastian Müller in die MZ-Redaktion gerollt. Gott sei Dank ist das neue Verlagsgebäude barrierefrei. Freie Bahn also bis zum großen Tisch im Interviewraum. Dort stehen drei Kaffeetassen bereit, für Wiebke Richter, Sebastian Müller und Thomas Kammerl, den Koordinator des Projekts „Regensburg inklusiv“ bei der Katholischen Jugendfürsorge.

Es ist völlig normal, drei Tassen bereit zu stellen, wenn man drei Gäste erwartet. Aber diesmal ist es anders, denn gekommen sind fünf Besucher. Ach ja, Rollstuhlfahrer haben Begleiter, lernt man dazu. Auch, dass man diese Begleiter nicht mehr Betreuer nennt sondern viel treffender Assistenten. Und dann fehlt auch noch der Strohhalm. Denn Wiebke Richter braucht einen Strohhalm, um Kaffee oder Wasser trinken zu können, weil ihre Hände nur sehr wenig beweglich sind. Ja, es ist eben anders mit Gästen mit Behinderung, das ist völlig normal – und deshalb exakt unser Thema.

Treppen diskriminieren

Es geht um Inklusion. Um das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe, wie es in der UN-Behindertenkonvention festgelegt ist. Teilhabe am Leben, Teilhabe an Bildung, Teilhabe an Gesundheitsversorgung und Rehabilitation, Zugang zum Arbeitsmarkt, Zugang zur politischen Teilhabe. Menschen mit Behinderung sollen einen diskriminierungsfreien Zugang zum Leben in dieser Gesellschaft haben. Aber schon ein paar Treppen können sehr diskriminierend sein.

Man bleibt ein Alien

Bisher war immer von Integration die Rede. Integration heißt, dass sich Menschen mit Behinderung an die vorhandenen Strukturen anpassen müssen. Inklusion dagegen heißt, dass die Gesellschaft durch Veränderung der Strukturen die Möglichkeit zur Teilhabe schaffen muss. Für Wiebke Richter heißt Integration, „man kommt von außen rein und bleibt ein Alien. Bei Inklusion ist man drin und wird Teil des Ganzen.“ Menschen mit Behinderung wollen teilhaben, sie wollen nicht in „Sonderwelten“ leben, wie Wiebke Richter sagt. Deshalb plädiert sie für „die Auflösung von Sonderwelten“.

„Leichte Sprache“ sichert Teilhabe

Ein wenig modifiziert muss die Welt aber doch werden. Und da sollten Menschen mit Behinderung mitreden und mitgestalten. „Schließlich sind wir doch die Spezialisten in eigener Sache“, sagt Sebastian Müller. Ein Architekt im Rollstuhl weiß am besten, wie man barriefrei baut. Auch bei der Ausbildung von Medizinern sollte Inklusion ein Baustein der Ausbildung sein. Für Menschen mit Lernbehinderung ist komplizierte Sprache mit vielen Fachbegriffen die Barriere zum Verstehen und teilhaben. Um diese Menchen teilhaben zu lassen, gilt es, sich einer „leichten Sprache“ zu bedienen. Für „Kompliziertsprecher“ ganz schön schwer, wie man im Rahmen unserer Serie Inklusion noch sehen wird.

„Und wie weit fährt der Rollstuhl?“

Auch Technik hilft, Barrieren zu beseitigen. Sebastian Müller, der auf einem Auge gar nichts und mit dem anderen Auge nur Schatten sieht, freut sich, dass es bei der Übertragung der nächsten Fußball-WM eine Extra-Tonspur für Sehbehinderte geben wird. Wäre auch schön, wenn man die Mittelbayerische Zeitung nicht nur lesen, sondern auch hören könnte, regt er an.

Für den Abbau von Barrieren in den Köpfen braucht es keine finanziellen Aufwendungen, nur Gedankenarbeit. Wiebke Richter und Sebastian Müller tauchen als Berater für Menschen mit Behinderung viel in der Öffentlichkeit auf. „Wir müssen immer den Boden bereiten, die anderen sensibilisieren. Das ist anstrengend“, gesteht Wiebke Richter ein.

Reduziert auf Mobilität

Sebstian Müller, der oft mit dem Zug unterwegs ist und das auch ohne Assistenz wagt, nennt ein Beispiel. „Manchmal unterhält sich ein ganzer Waggon darüber, wie ich wieder aus dem Zug komme. Und keiner kommt auf die Idee, mich zu fragen“, erzählt er. Oder die Reduzierung des behinderten Menschen auf sein Mobilitätsgerät. „Und wie weit fährt der Rollstuhl?“, lautet eine Frage, die Sebastian Müller schon oft von Zugbegleitern gehört hat. „Also, ich steige in Nürnberg aus. Wie weit der Rollstuhl fährt, weiß ich nicht“, sagt er dann gerne drauf.

„An den Rollstuhl gefesselt“

Die Floskel „an den Rollstuhl gefesselt“ kann Wiebke Richter schon nicht mehr hören. „Wer bindet mich los?“, fragt sie dann bisweilen. Und sie pocht auf Selbstbestimmung. Sogar beim Kochen. Wenn der Assistent beim Kochen nach ihren Anweisungen Verbesserungsvorschläge zur Verfeinerung des Essens anbringt, sagt sie ihm lachend: „Bitte, lass mich doch selbstbestimmt schlecht kochen!“

Thema ist meilenweit weg

Regensburg war trotz seiner vielen Barrieren neben Marburg schon immer die Stadt in Bayern, in die es Menschen mit körperlicher Behinderung zog. Das hängt mit dem Angebot einer persönlichen Assistenz zusammen, die es hier im Rahmen der Hochschule schon seit den 70er-Jahren gibt. Auch Wiebke Richter und Sebastian Müller sind im Bereich der Behindertenarbeit tätig: die Psychologin als psychosoziale Beraterin für Menschen mit Behinderung bei Phoenix, der Sozialpädagoge (MA) als Berater für Schwerstbehinderte in der Diakonie.

Inklusion geht jeden etwas an

Beide wundern sich, dass das Thema Behinderung so meilenweit von den Unbehinderten weg ist. „Dabei wird doch jeder Mensch älter und keiner ist gefeit vor Krankheiten oder Unfällen“, sagt Wiebke Richter und fragt sich, wie Menschen im Alter von 60 Jahren noch auf die Idee kommen können, in eine Wohnung im 4. Stock ohne Aufzug zu ziehen. Und deshalb geht das Thema Inklusion alle Menschen etwas an, meint die Rollstuhlfahrerin: „Interessiert euch dafür, denn es kann jeden treffen. Keiner weiß aber, wann.“

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