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Projekt

Er hat die „Pille“ gegen Radikalisierung

Die Ausstellung über die Ballonauten ist im Bürgerbüro Stadtmitte zu sehen. Hubertus Wiendl will Schüler crossmedial gegen Extremismus immunisieren.
Von Helmut Wanner, MZ

Hubertus Wiendl öffnet das Ballonauten-Mobil für Schülerinnen und Schüler. Foto: Wanner

Regensburg.Ob man nun zum Islamischen Staat abwandere oder in die Neo-Naziszene, die Lockmittel seien letztlich dieselben, meint Hubertus Wiendl. Beide zeigten in einer komplizierten Welt einfache Wege auf, unterschieden zwischen Gut (also: „wir“) und Böse („die Anderen“), und wähnten sich im Besitz der absoluten Wahrheit. In der Tat zeigten die schwarzen IS-Kämpfer und die schwarzen SS-Verbände erschreckende Parallelen: Angst und Schrecken gehen ihnen wie eine Bugwelle voraus. In der Ornamentik ihres Auftretens ähnelten sie sich.

Gegen diese gefährlichen Tendenzen zieht der Regensburger Kunsterzieher und Filmemacher Hubertus Wiendl seit geraumer Zeit mit einem einfachen Spielgerät zu Felde: Vor vier Jahren fiel ihm das Buch der Regensburger Arbeitslosen Jakob Schmid und Franz Perzl in die Hände, die 1933 mit einem bewohnbaren Ball quer durch Deutschland zogen und eine der ersten Werbetouren für den Fußballsport veranstalteten. Er entdeckte in den Tagebucheinträgen und 900 privaten Fotos ein beindruckendes Zeitdokument.

Herein ins Ballonauten-Mobil

Das von einem Verein getragene Projekt Revival-Projekt sorgte bereits im Rahmenprogramm der Fußball-WM im Auswärtigen Amt in Berlin für Aufsehen. Jetzt sollen über das Kuriosum Ball Jugendliche der Regensburger Realschulen und Gymnasien einen Zugang zur Zeit des aufkommenden Faschismus erhalten. „Sie sollen die Strukturen entdecken, die zur Radikalisierung der Gesellschaft geführt haben, und erkennen, dass Rechtsradikalismus heute noch nach denselben Prinzipien funktioniert. So sollen die Jugendlichen gegen rechtsradikales Gedankengut gestärkt werden“, schreibt Wiendl in einem Brief an die Kollegen der Fächer Kunsterziehung, Geschichte und Deutsch.

Seit Samstag steht das originelle Wohnmobil am Eingang des Regensburger Bürgerzentrums Mitte. Wo sich die Kunden Nummern ziehen ist die multimediale Ausstellung aufgebaut. Hinter Glas wird das Tagebuch ausgestellt. Die Seite ist aufgeschlagen, die eine Rarität zeigt – ein privates Mannschaftsfoto des FC Bayern, nachdem er am 12. Juni 1932 in Nürnberg seinen ersten deutschen Titel holte. Doch Hubertus Wiendl ist die hölzerne Pille vor dem Eingang wichtiger. Er will, dass die Schüler alle mal ins Ballonauten-Wohnmobil kriechen, das er mit Kissen und Wandbehang ausgestattet hat. Hier können sie über einen Bluetooth-Lautsprecher Tonfilmschlager der 1930er Jahre hören, sich dabei am i-Pad Videos und Fotos der Ballonauten-Tour durch Deutschland ansehen.

Crowdfunding fürs Musical

Bis zum 15. Dezember steht das Ballonauten-Projekt im Bürgerzentrum. Nur Samstags rollt es über die Plätze der Stadt, um Werbung zu machen für das durch Crowdfunding finanziertes Ballonauten-Musical. Bei Bedarf präsentieren die Vereinsmitglieder Bianca Haslbeck und Hubertus Wiendl das Ballonauten-Projekt vor Ort in Schulen. Danach wird es durch die Städte ziehen, in denen die Ballonauten auf ihrer damaligen Reise selbst Halt machten.

Wiendl begreift die Aktion als großes Online-Geschichtsprojekt. „Wir wollen Geschichtsinteressierten, Schülern und Stadtarchivaren die Möglichkeit geben, sich auf die Spuren der Ballonauten zu begeben. Uns interessiert vor allem die Frage, wie die Zeit der Machtergreifung jeweils vor Ort aussah. Wer war Bürgermeister? Welche Parteien gab es damals? Wie hoch war die Arbeitslosigkeit? Welche Probleme hatte man damals im Gemeinwesen?“ So soll ein detailliertes Bild der Zeit der Machtergreifung erstellt werden. Die Ergebnisse werden in einem neu entstehenden Ballonauten-Wiki gemeinsam zusammengetragenen. Fakten, Fotos und Geschichten werden dann die Grundlage für den Kinofilm über die Ballonauten sein. Wiendl: „Alle können am Drehbuch über unsere verdrängte deutsche Vergangenheit mitschreiben.“

Material zu Regensburg unter http://www.arsvidendi.com/ballonauten/index.php/de/material

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