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Regensburg-Stadt
Mittwoch, 23. Mai 2018 26° 8

Einsatz

Gaffer auf A 3: Die Polizei greift durch

Der Fahrer eines Gefahrguttransporters bleibt nach einem Crash auf der Überholspur stehen und fotografiert. Das hat Folgen.
Von Bettina Mehltretter

Kurz nach der Donaubrücke war am Mittwochmorgen gegen 8.25 Uhr ein Lastwagen umgekippt. Der Fahrer eines Gefahrguttransporters fand das besonders spannend – und fotografierte den Unfall durch sein Beifahrerfenster. Foto: Alexander Auer

Wörth. Eigentlich hatte Polizeihauptkommissar Johann Scherübl an diesem Aschermittwochmorgen eine andere Mission. Er war als Spezialist der Schwerlastkontrollgruppe unterwegs. Kurz nach 8.25 Uhr dann die Alarmierung: Auf der A 3 in Fahrtrichtung Regensburg war zwischen den Anschlussstellen Wörth/Wiesent und Rosenhof ein Lastwagen nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und umgekippt. Scherübl sollte seine Kollegen an der Unfallstelle unterstützen. Der Lkw-Fahrer war schwer verletzt im Führerhaus eingeklemmt. Zur Bergung des Transporters, der mit Motoren beladen war, musste die rechte Spur der A 3 gesperrt werden.

Während dort die Arbeiten von Polizei und Rettungskräften im Gange waren, ist auf der Gegenfahrbahn plötzlich ein Lastwagen immer langsamer geworden. Scherübl hat das bemerkt: „Der Lkw-Fahrer ist auf der Überholspur stehengeblieben und hat schön gemütlich aus dem Führerhaus rausgefilmt, Fotos von der Unfallstelle gemacht und wollte dann weiterfahren.“ Wenig später zogen Polizisten den Mann aus dem Verkehr. Üblicherweise, berichten Beamte, versuchen sich Schaulustige wie er dann mit Ausreden zu schützen.

In Deutschland gelten für die, die mit einem Handy am Steuer erwischt werden, seit Oktober höhere Bußen. Für Verstöße werden seither 100 statt 60 Euro fällig, zudem ein Punkt in Flensburg. Für Gaffer wird es noch teurer. 2017 hat Bayerns Polizei 68 185 Handy-Verstöße geahndet. Wie viele Gaffer erwischt worden sind, zeigt jedoch keine Statistik. Ein Sprecher des Polizeiverwaltungsamts rechnet aber damit, dass unter den 68 185 Handysündern nur eine geringe Zahl an Schaulustigen sein dürfte.

Sehen Sie hier ein Video von der Unfallstelle:

Gaffer: Polizei kassiert Lastwagenfahrer sofort ab

Johann Datzer, Sprecher der Regensburger Verkehrspolizei, sagt: „Natürlich halten wir immer wieder Gaffer fest.“ Doch der Einsatzschwerpunkt liegt nicht bei der Jagd nach den Schaulustigen. Häufig binden die vielen Unfälle im Zuständigkeitsbereich der Verkehrspolizei das komplette verfügbare Personal. „Wenn sich andere dann am Leid von Menschen ergötzen, tut uns das aber schon weh“, erklärt Datzer.

„Wir haben aufgehört, uns über Gaffer Gedanken zu machen.“

Ralf Amann, Kommandant in Wörth

Ralf Amann, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Wörth, und seine Kameraden, die an der A 3 immer wieder im Einsatz sind, haben den Kampf gegen die Gaffer längst aufgegeben. „Wir haben aufgehört, uns über sie Gedanken zu machen“, sagt Amann. Noch bis vor zweieinhalb Jahren hatten die ehrenamtlichen Einsatzkräfte die Fahrer mit Armbewegungen aufgefordert, zügig an der Unfallstelle vorbeizufahren. Sie hatten dafür wüste Beschimpfungen und Beleidigungen geerntet. Häufig, sagt Amann, hätten die Autofahrer auch den „Stinkefinger“ gezeigt.

Feuerwehr zeigt Autofahrer an

Seit die Wörther Feuerwehrleute nicht mehr selbst gegen Gaffer vorgehen, sind die negativen Reaktionen weniger geworden. Ärgern müssen sie sich trotzdem immer wieder riesig. Erst am Aschermittwoch hat ein Autofahrer nicht akzeptieren wollen, dass die Einsatzkräfte die Ausfahrt Wörth-Ost sperren mussten. Offenbar bereits völlig genervt von den erheblichen Verkehrsbehinderungen, hat er sich geweigert, weiter auf der Autobahn zu bleiben. Er hat die Sperre der Wörther Feuerwehrleute durchdrungen. „Aber wir haben sein Kennzeichen“, sagt Kommandant Amann. „Wir werden ihn anzeigen.“ Dem Autofahrer droht ein Bußgeld.

Mehr Bilder von den beiden Unfällen sehen Sie hier:

Feuerwehr befreit eingeklemmte Lkw-Fahrer

Ätzende Mittel auf Lastwagen

Während sich die Rettungskräfte über den unvernünftigen Autofahrer geärgert haben, haben die Verkehrspolizisten den Transporter des Gaffers unter die Lupe genommen. Dabei stellten sie fest, dass der Lastwagen Gefahrgut geladen hatte – 18 Tonnen Farbe und ätzende Stoffe. Datzer und Amann denken lieber nicht darüber nach, was passiert wäre, wenn ein anderer Lastwagen- oder Autofahrer den bremsenden Gefahrguttransporter zu spät gesehen hätte und in den Auflieger gekracht wäre.

Im Stau hat es noch ein zweites Mal gekracht: Ein Kleintransporter war auf einen Lkw mit Tieflader aufgefahren. Foto: Alexander Auer

Bei der Kontrolle des Gaffer-Lkw stellten die Beamten außerdem mehrere Verstöße gegen das Gefahrgutrecht fest. Den Fahrer des Transporters erwartet eine hohe Geldstrafe: 200 Euro für die Handynutzung am Steuer und für die Handyfotos am Unfallort und 400 Euro für die Verstöße gegen das Gefahrgutrecht. Sein Chef, der Spediteur, muss 500 Euro für die Rechtsverstöße zahlen.

Die Folgen des morgendlichen Unfalls zwischen Wörth/Wiesent und Rosenhof waren im Übrigen für viele, die am Mittwoch im südlichen Landkreis unterwegs waren, enorm. Denn kurz vor zehn Uhr vormittags hatte es am Stauende erneut gekracht. Ein Kleintransporter, der mit Pyrotechnik beladen war, war dort auf einen Lkw mit Tieflader aufgefahren. Daraufhin musste die A 3 in Richtung Regensburg komplett gesperrt werden. Bis zum Abend kam es auch auf den Ausweichstrecken zu erheblichen Behinderungen.

Bussgelder für Schaulustige

  • Rettungskräfte behindern:

    Wer den Seitenstreifen der Autobahn befährt und dadurch die Rettungskräfte behindert, muss ein Bußgeld von 30 Euro zahlen. Wer sein Fahrzeug sogar parkt, erhält einen Bescheid über 70 Euro.

  • Gaffen:

    Immer wieder drosseln Schaulustige ihr Tempo, um zu gaffen. Einfaches Gaffen gilt als Ordnungswidrigkeit. Der Regelsatz nach Bußgeldkatalog liegt bei 100 Euro. Ein Fahrverbot oder Punkte gibt es nicht.

  • Unterlassene Hilfeleistung:

    Als Straftat gilt, wenn jemand Notleidenden Hilfe verweigert. Es droht eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. Ebenso bestraft wird, wer Retter behindert. (bm)

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