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Themenschwerpunkt

Der lange Weg zur Radlstadt

Woran krankt es? Wo braucht es ein Umdenken? Was läuft ganz gut? Diesen Fragen gingen die Teilnehmer der Leserkonferenz nach.
von Heike Haala

Leidenschaftliche Debatte, viele Argumente: Zwei Stunden lang diskutierten die Leser am Mittwochabend im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen. Foto: Tino Lex
Leidenschaftliche Debatte, viele Argumente: Zwei Stunden lang diskutierten die Leser am Mittwochabend im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen. Foto: Tino Lex

Regensburg.Was fehlt Regensburg zur Fahrradstadt? Nun, darauf hatten viele Teilnehmer der Leserkonferenz im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen eine ganz konkrete Antwort – oder auch gleich mehrere davon.

Da war etwa CSU-Stadträtin Bernadette Dechant. Sie kritisierte die Zustände in der Weißenburgstraße, wo sie als Radfahrerin für ihr Gefühl zu nahe an den Autos und Bussen fahren müsse, den Verlauf der Galgenbergstraße in die Innenstadt oder auch den Belag auf der Schwabelweiser Brücke. Teilnehmer Johann Heiduck klagte über eine Lücke im Radweg entlang der Donaustaufer Straße in Richtung Schwabelweis. Wolfgang Zettler, ein weiterer Teilnehmer, ist die Markomannenbrücke ein Dorn im Auge. Sie wurde im Zuge des Autobahnausbaus gerade erst erneuert, einen Fahrradweg gibt es dort aber nicht, dafür inzwischen markierte Streifen. „Wann kommt ein Radweg auf den Keilberg?“, fragte Teilnehmerin Dagmar Meßner. Die Antwort war ernüchternd für sie: „Wir zielen darauf ab, die Hintere Keilbergstraße auszubauen“, sagte Thomas Großmüller, Nahmobilitätskoordinator der Stadt. Wann das passieren wird, könne er nicht sagen, aber sicher nicht in den kommenden zwei drei Jahren. „Leben wir da dann überhaupt noch?“, rief Meßner enttäuscht in den Raum.

Fahr Rad!

Ein bewegendes Thema

MZ-Redakteur Dr. Christian Eckl schrieb viele Beiträge und moderierte die Diskussion. Foto: Lex
MZ-Redakteur Dr. Christian Eckl schrieb viele Beiträge und moderierte die Diskussion. Foto: Lex

Das ist nur eine Auswahl konkreter Verbesserungsmaßnahmen im Regensburger Radverkehrsnetz, die die 70 Teilnehmer der zweistündigen Leserkonferenz am Mittwochabend ins Spiel brachten. Sie hatten sich vor dem Podium der MZ-Moderatoren Marina Gottschalk und Dr. Christian Eckl eingefunden. Die Veranstaltung war einer der Höhepunkte des Themenschwerpunkts unter dem Motto „Fahr Rad! Regensburg auf dem Weg zur Fahrradstadt“. Zwei Wochen lang hat die Redaktion die Situation des Radverkehrs in Regensburg nun mit Artikeln, Kommentaren und Analysen durchleuchtet. An einer Online-Umfrage zum Thema beteiligten sich 2300 Teilnehmer, die deutlich machten, wo sie sich unsicher fühlen. Als eines der Ergebnisse der Debatte kann festgehalten werden: Fahrradfahren bewegt – im übertragenen und im Wortsinn. Im direkten Wortsinn aber eben nicht in dem Ausmaß, wie es viele Regensburger gerne hätten.

Die Suche nach Lösungen

Leidenschaftliche Debatte, viele Argumente: Zwei Stunden lang diskutierten die Leser am Mittwochabend im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen. Foto: Tino Lex
Leidenschaftliche Debatte, viele Argumente: Zwei Stunden lang diskutierten die Leser am Mittwochabend im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen. Foto: Tino Lex

Oft war während der Leserkonferenz vom politischen Willen die Rede. So hat der Regensburger Stadtrat im Januar in einem Grundsatzbeschluss einen Maßnahmenkatalog auf den Weg gebracht, wie Regensburg zur Fahrradstadt werden soll. Weiterhin konnte sich die Stadt kürzlich die Empfehlung für eine Auszeichnung abholen: Die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen nimmt Regensburg ab, fahrradfreundliche Kommune werden zu wollen. Viele Regensburger aber sind da skeptischer. Eine Initiative wird kommende Woche 6000 Unterschriften für einen möglichen Bürgerentscheid übergeben, mit dem durchgängige Fahrradrouten per Bürger-Votum erwirkt werden sollen.

MZ-Aktion

Neun Erkenntnisse aus „Fahr Rad!“

Regensburg braucht eine Verkehrswende. Die Mittelbayerische hat sich intensiv damit beschäftigt, wie das gelingen kann.

Teilnehmer Wolfgang Zettler will jetzt schnell Maßnahmen umgesetzt sehen und keine langen Diskussionen mehr. Foto: Lex
Teilnehmer Wolfgang Zettler will jetzt schnell Maßnahmen umgesetzt sehen und keine langen Diskussionen mehr. Foto: Lex

Diese Grundkonstellation wurde auch während der Leserkonferenz deutlich sichtbar. „Der politische Wille fehlt“, sagte etwa Ingolf Radcke von der Initiative für einen Radentscheid. Seine Unterstützer und er wollen Fahrradstraßen in Nebenstraßen in Wohngebieten und der Innenstadt, zügig befahrbare Radwegen in den Landkreis und innerhalb Stadt oder baulich getrennte Radwege oder geschützte Radstreifen an viel befahrenen Hauptstraßen. Der Grundsatzbeschluss der Stadt aber sei dagegen ein Papier voller Zielvorstellungen und Absichtsbekundungen. „Regensburg hat noch viel Luft nach oben“, sagte Raimund Schoberer, Vorsitzender des Bunds Naturschutz in Regensburg. „Wir müssen diese Dinge schnell umsetzen. Wenn wir jetzt wieder nur diskutieren, ist das verlorene Zeit“, sagte Teilnehmer Zettler.

Wolfgang Bogie, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland in Regensburg, klagt: „20 von 30 Fahrradrouten durch Regensburg haben Lücken. Foto: Lex
Wolfgang Bogie, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland in Regensburg, klagt: „20 von 30 Fahrradrouten durch Regensburg haben Lücken. Foto: Lex

Als Orte mit Vorbildcharakter für Regensburg war an dem Abend etwa von Freiburg, Kopenhagen oder Hollands Radwegenetz die Rede. „Regensburg aber ist ein Schlaraffenland für Autofahrer“, sagte Wolfgang Bogie, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland in Regensburg. Die Vertreter der bunten Rathauskoalition entgegneten dem immer wieder, dass in den vergangenen Jahren bereits viel passiert sei. „Es hat bereits ein Umdenken stattgefunden“, sagte etwa SPD-Stadträtin Dagmar Kick. Allerdings räumte sie selbst ein, dass es bei dem Thema noch viel Luft nach oben gibt. Horst Meierhofer (FDP) sagte: „Die Altstadt muss mit dem Auto erreichbar bleiben“, sagte er. Planungs- und Baureferentin Christine Schimpfermann brachte einen möglichen Radweg von Sinzing bis zur Walhalle ins Spiel. „Dafür sind aber auch neue Wege und auch neue Brücken notwendig“, sagte sie.

Video: MZ

Verstöße erhitzen die Gemüter

„Radlern fehlt es manchmal an Disziplin“, sagte etwa Teilnehmerin Danuta Kessler-Zieroth und zählte eine Reihe an unangenehmen Begegnungen auf, die sie mit um die Ecke schießenden Radlern in der Innenstadt hatte. Foto: Lex
„Radlern fehlt es manchmal an Disziplin“, sagte etwa Teilnehmerin Danuta Kessler-Zieroth und zählte eine Reihe an unangenehmen Begegnungen auf, die sie mit um die Ecke schießenden Radlern in der Innenstadt hatte. Foto: Lex

Deutlich wurde durch diese Beiträge auch: Wie auch immer Regensburg den Anteil des Radverkehrs am Gesamtaufkommen steigern will, der Weg dorthin wird ein langer und schwerer. Und manche Radfahrer machen es den anderen Verkehrsteilnehmern nicht immer einfach, sie zu akzeptieren. Viele Beiträge zielten auch auf rücksichtloses Verhalten dieser Pedalritter ab. Ein Punkt, über den besonders leidenschaftlich diskutiert wurde. „Radlern fehlt es manchmal an Disziplin“, sagte etwa Teilnehmerin Danuta Kessler-Zieroth und zählte eine Reihe an unangenehmen Begegnungen auf, die sie mit um die Ecke schießenden Radlern in der Innenstadt hatte. Eine andere Teilnehmerin pflichtete ihr bei und berichtete von rasenden Radlern, die ihr und ihren Kindern im Regensburger Stadtverkehr begegnet sind. Dem entgegnete Teilnehmerin Renate Fischer, die sich als passionierte Radfahrerin vorstellte, dass auch Fußgänger nicht immer rücksichtsvoll handeln würden. Etwa habe sie schon oft beobachtet, wie sie auf dem Radweg entlangschlendern, was die Radler ausbremst. Nachdem das Thema Geisterradler aufkam, meldete sich ÖDP-Stadträtin Astrid Lamby zu Wort: Zumindest für einen Teil dieser Regelbrüche sei die mangelnde Infrastruktur verantwortlich zu machen. „Oft stehe ich an Stellen, wo ich nicht mehr weiter weiß. Da ist kein regelkonformes Verhalten mehr möglich“, klagte sie.

Für weniger Schärfe in der Diskussion: Hermann Hirsch, Verkehrsbeauftragter der Polizei Foto: Lex
Für weniger Schärfe in der Diskussion: Hermann Hirsch, Verkehrsbeauftragter der Polizei Foto: Lex

Es gab aber auch viele versöhnliche Töne an diesem Abend. Einer kam von Ludwig Artinger, Fraktionschef und OB-Kandidat der Freien Wähler in Regensburg. Er warnte die Teilnehmer der Diskussion davor, sich im „Klein-Klein“ zu verlieren. „Das bringt nichts“, sagte er. Regine Wörle fasste zusammen: Es gebe bei allen Arten von Verkehrsteilnehmern diese schwarzen Schafe, die sich rücksichtlos verhalten: bei Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern. „Vielleicht machen wir ja als nächstes eine Kampagne dafür, dass alle die Verkehrsregeln lernen“, sagte sie.

Schließlich plädierte Hermann Hirsch, Sachgebietsleiter für das Thema Verkehr bei der Regensburger Polizei, dafür, die Schärfe aus der Diskussion zu nehmen. „Ich glaube, die meisten sind einfach hergekommen, weil sie den Wunsch haben, dass sich in der Stadt etwas ändert“, sagte Radcke am Ende der Debatte.

Themenschwerpunkt: Fahrradfahren in Regensburg

  • Dieser Beitrag ist Teil des Themenschwerpunkts der Mittelbayerischen „Fahr Rad! Regensburg auf dem Weg zur Fahrradstadt“.
  • Von 2. Bis 16. Oktober beleuchten wir intensiv die Situation der Fahrradfahrer in Regensburg. Was läuft gut? Wo gibt es Schwachstellen? Und was muss getan werden?
  • Alle bereits erschienenen Beiträge, Grafiken, Videos und Statistiken finden Sie in unserem Spezial zum Fahrradfahren in Regensburg!

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