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Im Reich der Nadelkönigin

27 Jahre lang reiste Hermine Brunner für deutsche Bekleidungsfirmen durch Osteuropa. Nun hat sie ein Atelier in Regensburg.
Von Helmut Wanner

Nach jahrelangen Reisen angekommen: Hermine Brunner in ihrem Atelier an der Prüfeningerstraße. Foto: Wanner

Regensburg.An Textiltechnikerinnen aus Osteuropa hat Regensburg wahrhaftig keinen Mangel, umgekehrt gleicht die Suche nach einer Schneidermeisterin aus echtem niederbayerischen Schrot und Korn der nach einer Nadel im Heuhaufen.

Aber wenn du Glück hast, stolperst du rein in sie. In Hermine Brunner. Sie misst gerade einem Herren den Bund ab, sieht dich aus dem Augenwinkel, sagt: „Sie sand oba etz einagschlicha!“, und bei diesem warmen Ton ist man schon „dahoam“. Dabei ist man mitten drin in der großen Welt der Mode. Hermine Brunner hat bei Willi Bogner gelernt, spricht Polnisch, Serbokroatisch, Russisch, Englisch und ein bisschen Italienisch. „Mit zwei Worten kommen Sie im Mittelmeerraum durch: Io vorrei. Ich würde gerne.“

Im Reich der Nadelkönigin

Die Frau, die in dem niederbayerischen Niederhatzkofen, einem Stadtteil von Rottenburg, geboren ist, hat vor sieben Jahren ihr erstes eigenes Atelier eröffnet. Vor drei Jahren ist sie damit in den Inneren Westen umgezogen. Das Atelier versteckt sich gegenüber dem Mahnmal unter den Linden im Souterrain eines grauen dreistöckigen Mietshauses. Wenn es nach dem Plakat im Schaufenster geht, regiert hier „die Königin der Nadel“. Das Foto ist der Dank einer Kundin. Die war von ihrem Brautkleid hingerissen. „Es war weiß und hatte einen winzigen kleinen Blutfleck“, bemerkt Hermine Brunner mit eindringlicher Schauspieler-Mimik. „Ich habe mich beim Nähen gestochen.“ Man denkt ans Dornröschen.

Beruhigendes Handwerk

Von Regensburg nach Osteuropa

  • Hermine Brunner

    arbeitete 27 Jahre lang im osteuropäischen Ausland für deutsche Bekleidungsunternehmen wie Triumph International, Max Faber und Tuzzi Fashion.

  • Das Reisen

    und die Kommunikation mit osteuropäischen Menschen hat sie geliebt. „Die Frauen dort sind sehr fleißig, belastbar und nicht so zimperlich.“

Zwei Stufen geht es hinab ins dezent duftende Reich der Nadelkönigin, zu Schnellnähern, Bügelbrettern und Stoffbahnen. Louis, den Enkel vom Wurstkuchl-Maier seligen Angedenkens hat sie verzaubert. Er holt sich bei Hermine sein Eisbonbon ab und rutscht dann mit den Knien auf dem Boden rum, um mit dem Magnet die Stecknadeln aufzusammeln.

Für Frau Doktor A. und Frau Lehrerin Z. ist das Atelier eine andere Welt. Sie lassen sich, sagen wir: ein neues Futter in den Mantel nähen. Dabei nutzen sie die Minuten als meditative Auszeit. Es rauscht der Verkehr der Prüfeningerstraße, es tickt die Parkuhr. Die Hektik bleibt draußen vor der Tür. „Ach, das bei Ihnen hier ist so beruhigend,“ sagen sie und die Augen werden feucht. Altes Handwerk, meint Hermine Brunner, wirke auf den modernen Menschen wie Seelenmassage.

In der Tat: Die Augen gehen flanieren und begegnen dabei nur schönen Sachen: Nähgarnen von Aubergine bis Schwarz, scheckigen Maßbändern, blitzenden Scheren, der Bahn einer Blumen-Tapete in den Trendfarben der Saison. Aber das Beste steht auf einer Bühne hinterm Tresen, stützt sich auf den messingbeschlagenen Block, kneift die Augen zusammen, lächelt und sagt valentineske Sätze wie „Hab ich, und wenn ich es nicht hab, dann mach ich’s habend.“

Bei Willi Bogner gelernt

„Sie, wissen S’ was?“ Hermine Brunner war schon immer anders. Für ihre Kunden ist sie bereit zu zaubern. Sie kann an einer Hose alles ablesen, sogar, ob der Träger ein Beamter ist. Sie meint, das begann mit ihrem Vater, dem Hopfenbauer. „Der war ein bisschen in die Schlossherrin von Wildenberg verliebt und hat mich deswegen Hermine getauft.“ Auf älteren Fotos sieht Hermine Brunner aus wie die Sängerin von „My heart will go on“. Was die Kanadierin mit ihrer Stimme leistet, schafft sie mit den Händen. Hier steht ja auch keine Änderungsschneiderin, sondern eine Ingenieurin der Bekleidungstechnik. Die Celine Dion der Nähnadel trägt Kleidergröße 38, ist 172 cm groß. Ihre rotblonden Haare hat sie zu einem Schwänzchen gebunden. Über ihrer Porzellanhaut trägt sie eine pastellige Bluse und eine stylishe Nappalederjacke, die in ihrem taubengrauen Farbverlauf künstlerisch wirkt. Sie hat sie sich bei Modetagen gekauft, irgendwo und irgendwann zwischen Paris, München und Milano.

„Ich habe von 1973 bis 1985 bei Willi Bogner gearbeitet.“ Wenn Hermine Brunner das Wort Willi Bogner ausspricht, bekommt es Krönchen. Fünf aus ihrem Dorf hatten bei Bogner in Mainburg ihre Lehre begonnen. Hermine Brunner ist die einzige, die ihren Beruf noch ausübt. Sie geht ums Eck und ist in der Arbeit und in fünf Minuten ist sie wieder zu Hause. Früher fuhr sie 1000 Kilometer auf dem Autoput nach Belgrad und blieb vier Wochen. Als deutsche Repräsentantin betreute sie Betriebe mit 1000 Mitarbeitern – bis zum Handelsembargo gegen Serbien. Sie meisterte die gesamte Produktpalette. 27 Jahre war sie als Reisetechnikerin im Auftrag namhafter deutscher Bekleidungsunternehmen zwischen Istanbul und Riga, zwischen Warschau und Belgrad unterwegs. Dann wurde ihre Arbeit an eine Agentur vergeben.

„Ich habe es geliebt, das Reisen und die Kommunikation.“ Dafür war sie bereit, einen Preis zu zahlen. „Meinen 30. Geburtstag hab ich alleine im Ausland gefeiert.“ Ihr Freundeskreis beschränkte sich auf die Familie. Aber sie kam mit der Einsamkeit gut zurecht. „Da muss man mit sich etwas anfangen können.“ Hermine ist die erste von sechs Kindern. Als Zwilling ist sie als erste auf die Welt gekommen. Sie ist eine Kämpferin von der ersten Minute an. Ihre Kollegin habe jeden Abend geweint und bereits nach einem Vierteljahr das Handtuch geworfen. „Dieses Leben machen nicht viele so lange mit“, meint sie. In Polen ist sie im Zugabteil Erster Klasse ausgeraubt worden, in Ungarn hat man ihr das Auto gestohlen. „Da brauchst du einen starken Charakter und einen festen Anker.“ Sie hat ihn seit 30 Jahren in ihrem Josef, einem Chemielaboranten, der am Lehrstuhl für Chemie und Pharmazie die Masse von Atomen und Molekülen misst. Josef, Kleidergröße 52 und Größe 1,85 m, ist ihr Gegengewicht. Sie bezeichnet ihn in der Sprache der Mode als „Casual-Typ“, der in Jeans, kariertem Hemd und Jesus-Latschen in die Arbeit geht. Die beiden Niederbayern leben ohne Ehering, aber in einer Partnerschaft, die im Stahlbad langer Trennungen gehärtet wurde. Im Urlaub ist der Sepp stolz, wenn seine Hermine guten Tag in allen Sprachen sagen kann: Dobar dan, Laba Diena…

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