MyMz
Anzeige

Psychologie

Falsche Erziehung macht Kinder oft krank

Schmerzen ohne körperliche Ursache sind bei Kindern häufig ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Ein Arzt berichtet aus der Praxis.
Von Sandra Adler

Kinderärzten fällt auf, dass psycho-somatische Krankheiten bei Kindern zunehmen. Foto: Carmen Jaspersen/dpa
Kinderärzten fällt auf, dass psycho-somatische Krankheiten bei Kindern zunehmen. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Regensburg.Seit 30 Jahren arbeitet Georg Leipold als Kinderarzt. „Damals waren psycho-somatische Krankheiten bei Kindern eine Rarität“, sagt der Regensburger Arzt, der auch Vorstandsmitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ist. Heute machen Krankheitsbilder wie Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrations- oder Somatisierungsstörungen, das heißt Schmerzen ohne körperliche Ursachen, 15 Prozent der Fälle aus, die Leipold in seiner Praxis behandelt. Erziehungsprobleme spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

„Danken, Grüßen, Manieren bei Tisch – mit dem Fehlen einfacher Verhaltensregeln fängt es an“, erklärt Leipold. Für Kinder sei es wichtig, dass es zu Hause Regeln gibt, die immer gelten, so dass die Kleinen eine klare Orientierung haben. Fehlen diese etwa im sozialen Umgang mit Anderen, kann dies zu Isolation und Einsamkeit führen. Teils muss er die Eltern in seiner Praxis auf Probleme aufmerksam machen, aber die meisten sprechen von selbst ihre Sorgen an, zum Beispiel, wenn sie Rückmeldungen aus dem Kindergarten bekommen. Der Arzt berichtet von Kindern, die dort keine Freunde finden – ein möglicher Hinweis auf eine Störung im Sozialverhalten, die sich im Schulalter fortsetzen kann.

Tollkühne und Schüchterne

Georg Leipold arbeitet seit 30 Jahren als Kinderarzt. Foto: Tino Lex
Georg Leipold arbeitet seit 30 Jahren als Kinderarzt. Foto: Tino Lex

Leipold beobachtet bei den Eltern eine große Verunsicherung, wie sie auf manche, teils extreme, Verhaltensweisen ihrer Kinder reagieren sollen. Es gibt die Tollkühnen, die sich ohne Bedenken von jedem Klettergerüst stürzen, und es gibt die Schüchternen, die bei jeder Verunsicherung bei Mama und Papa Schutz suchen. „In beiden Fällen ist es Aufgabe der Eltern, richtiges Verhalten zu bestärken.“ Das hieße bei ersteren, diese Kinder nicht zu loben, sondern auf die Gefahr hinzuweisen und eventuell ein Verbot auszusprechen. Beim schüchternen Nachwuchs ist es hilfreich, den Umgang mit Anderen zu trainieren. „Der Grundstein für das Selbstbewusstsein wird im ersten und zweiten Lebensjahr durch eine sichere Bindung zu den Eltern gelegt“, erklärt der Medizinier. Das Vertrauen zu den Eltern kann gestört sein, wenn die Eltern nicht achtsam genug auf die Signale des Kindes achten.

PC und Handy: verlorene Zeit

„Heute ist die Spaßgesellschaft wichtig“, sagt Leipold. Es gebe mehr Ablenkungen für die Eltern, aber sie hätten auch andere Erwartungen als früher. „Mutter und Vater sind in ganzer Person gefordert, auch wenn es mal keinen Spaß macht.“ Für manche Eltern sei das Smartphone dann eine willkommene Beschäftigungsmöglichkeit für ihren Nachwuchs. Ein Zweijähriger verbringt am Tag durchschnittlich zweieinhalb Stunden vor einem Kommunikationsmedium. „Für das Kind ist das verlorene Zeit“, so Leipold. Er betont die Bedeutung des freien, kreativen Spielens. Wichtig dabei: der Mutter-Vater-Kind-Faktor. Die kreative und sinnstiftende Beschäftigung mit dem Kind komme heute viel zu kurz. Bei manchen Kindern führe das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit dazu, dass Schmerzen und Beschwerden instrumentalisiert werden, um Zuwendung zu bekommen.

„Jede Gesellschaft hat die Krankheiten, die sie verdient.“

Georg Leipold, Kinderarzt in Regensburg

„Jede Gesellschaft hat die Krankheiten, die sie verdient“, sagt er und spielt damit auch auf den Zeit- und Leistungsdruck an. Wenn die Kinder früh in die Krippe gegeben werden, haben die Eltern zu wenig Interaktion mit dem Kind. Außerdem erwarten sie oft zu viel, etwa, dass das Kind im sozialen Rahmen von selbst alles richtig macht. Das Kind soll möglichst erfolgreich sein. Dazu wird dann oft jeder Wochentag mit Sport, Musikunterricht oder Nachhilfe verplant. „Es ist eine Schicht, die von sich selbst erwartet, alles gut zu machen und das auch von ihren Kindern erwartet.“ Selbst bei Helikopter-Eltern, die für ihre Überfürsorglichkeit verschrien sind, vermisst Leipold die angemessene Beschäftigung mit dem Kind. Denn nicht das gemeinsame Leben stehe für diese Eltern im Fokus, sondern Überwachung und Kontrolle, damit alles perfekt funktioniert.

Grundsätzlich rät Leipold Eltern, möglichst viel Zeit mit ihrem Kind zu verbringen und dabei seine Entwicklung wohlwollend zu begleiten. Das heißt sowohl zu fordern, als auch warmherzig, fürsorglich und respektvoll zu unterstützen. Das Kind muss etwas probieren und auch mal scheitern dürfen.

Hier finden Eltern kostenlos Rat:

  • Koordinierende Kinderschutzstelle:

    Die KoKi in Regensburg ist Anlaufstelle für werdende Eltern und Eltern von Kindern bis zu drei Jahren, die Rat suchen. Auf Wunsch werden die Eltern auch zu Hause besucht. Ziel ist es, die Eltern früh in der Erziehungsaufgabe zu stärken. Die Koki vermittelt bei Bedarf auch passgenaue Hilfen im häuslichen Umfeld, wie etwa Familienhebammen oder Familienpaten. Die Beratung ist auf Wunsch anonym. Tel.: (0941) 507 2512

  • Beratungsstelle der KJF:

    Die Beratungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge unterstützt Eltern, wenn sie in Erziehungsfragen nicht weiter wissen. Aber auch Kinder und Jugendliche können sich mit ihren Sorgen an die Berater wenden. Die Beratung ist kostenlos und vertraulich. Tel.: (0941) 799 820

  • Beratungsstelle der Stadt:

    An die familientherapeutische Beratungsstelle der Stadt Regensburg können sich Eltern, Kinder und Jugendliche aus Stadt und Landkreis wenden. Zu ihr gehört auch die Beratungsstelle „Tausend und Keine Nacht“, die sich an Eltern von Säuglingen und Kleinkindern richtet. Unter anderem finden hier Eltern kostenlos und anonym Rat, deren Kinder schlecht schlafen oder viel schreien. Tel.: (0941) 507 2762

  • Beratung des Diakonischen Werks:

    Auch die Diakonie bietet in Regensburg kostenfreie und vertrauliche Erziehungs- und Familienberatung für Eltern, Kinder und Jugendliche, denen Probleme über den Kopf wachsen. Tel.: (0941) 297 7111

Lesen Sie auch:

Kinder brauchen eine sichere Bindung zu den Eltern. Fabienne Becker-Stoll, eine führende Expertin für frühkindliche Entwicklung, gibt Tipps, wie man das schafft.

Eltern von „Schreikindern“ kommen oft bereits in dessen ersten Lebensmonaten an ihre Belastungsgrenzen. Wir haben mit einer betroffenen Mutter gesprochen und stellen ein Beratungsangebot in Regensburg vor.

Alle Teile unserer Themenwoche für junge Eltern lesen Sie in unserem MZ-Spezial.

Weitere Nachrichten und Berichte aus Regensburg finden Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht