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Interview

„Die Kinder haben mehr Selbstvertrauen“

Eine Bindungsforscherin erklärt, warum Kinder profitieren, wenn der Vater bei der Erziehung eine wichtige Rolle spielt.
Von Kathrin Robinson

Die Bindungsforscherin Karin Grossmann Foto: Grossmann
Die Bindungsforscherin Karin Grossmann Foto: Grossmann

Frau Grossmann, Sie haben sich in Ihrer Forschung stark mit der Frage beschäftigt, welche Rolle Väter für die Entwicklung von Kindern spielen. Welche Funktion hat der Papa?

Karin Grossmann: Zunächst einmal muss man akzeptieren, dass das Kind im Mutterleib wächst – es erlebt dort zum Beispiel den Geruch und Geschmack der Mutter, es spürt, wenn es der Mutter gut geht, aber auch wenn sie gestresst ist. Insofern besteht von Beginn an eine Vertrautheit mit der Mutter. Der Vater ist zunächst ein Fremder. Doch je nachdem, wie eng das Kind dann nach der Geburt von ihm betreut wird, umso vertrauter wird die Beziehung des Kindes zu ihm. Allerdings haben wir festgestellt: Sobald Kinder krabbeln können, sobald sie aktiver und unternehmungslustiger werden, wenden sich die allermeisten eher an den Papa.

Haben Mütter also eher eine schützende, tröstende Funktion und Väter sind eher fürs Abenteuer zuständig?

Zumindest zeigt die Forschung, dass die Aufgaben, die Väter ihren Kindern stellen herausfordernder sind, als die Aufgaben, die Mütter stellen. Mütter greifen eher ein, wenn beim Bauklötze-Aufschichten der Turm umzufallen droht, oder wenn das Kind auf dem Spielplatz auf die Rutsche oder auf das hohe Klettergerüst klettert. Väter sind eher dazu bereit, ein Risiko einzugehen, dass das Kind sich wehtun könnte. Sie sind aber trotzdem in Habachtstellung: Wenn es runterfällt, dann fangen sie es auf. Und das ist es, was das Kind im Umgang mit einem aufmerksamen und zugewandten Vater mitnimmt: „Ich kann Vieles – aber wenn ich falle, dann fängt mich der Papa auf.“

Gut fürs Selbstvertrauen...

Ja, Kinder profitieren sehr davon, wenn der Vater eine wichtige Rolle bei der Erziehung spielt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder, bei denen sich der Papa feinfühlig, unterstützend und fordernd in die Erziehung einbringt, neugieriger, einfallsreicher und sozialer sind. Sie haben mehr Selbstvertrauen und lassen sich auch weniger gefallen. Das könnte daran liegen, dass der Vater in den Familien meist der „Größere“, der „Stärkere“ ist. Wenn diese wichtige Person dem Kind Rückenstärke gibt, dann wirkt das sehr beruhigend auf es. Die Zuversicht, dass der Papa im Notfall da ist, scheint Kinder stark zu machen. Übrigens hatten wir in unseren Studien auch immer den Eindruck, dass diese Kinder bei Konflikten mit anderen eher dazu bereit sind, zu verhandeln und die Sicht anderer mit einzubeziehen. Sie scheuen sich auch weniger, etwas mit Stärkeren auszudiskutieren oder selbst auch mal nachzugeben.

Viele Väter arbeiten voll und haben entsprechend weniger Zeit für Ihren Nachwuchs. Ist das für die Vater-Kind-Beziehung ein Problem?

Es kommt nicht so sehr auf die Quantität der Zeit an, sondern die Qualität des Zusammenspiels mit dem Papa ist wichtig. Es ist erfreulich, dass rund 80 Prozent der Väter in Bayern heute Elternzeit nehmen. Da gab es ein Umdenken. Wenn Männer in den 70er- oder 80er- Jahren für eine Weile daheim blieben, dann hieß es, sie seien „Karriereverweigerer“. Das Ansehen des Mannes wurde nicht durch seine Väterlichkeit aufgewertet, es war eher das Gegenteil der Fall. Heute ist das zunehmend anders: Die meisten Väter sind eher bereit, sich um die Kinder zu kümmern und Verantwortung für den Nachwuchs zu übernehmen. Die Erziehung und Begleitung der Kinder ist eine Familienaufgabe.

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