MyMz
Anzeige

Studentenverbindung

Manche Studenten setzen auf Vernetzung

Studentenverbindungen werden viele Vorurteile entgegengebracht. Ein Besuch bei der Agilolfia gibt Einblick ins Miteinander.
Von Benedikt Bögle, MZ

  • Im Haus der Regensburger Agilolfia treffen sich die Mitglieder der Studentenverbindung
  • Im Haus der Regensburger Agilolfia treffen sich die Mitglieder der Studentenverbindung
  • Ein Besucher des außerordentlichen Treffens der Deutschen Burschenschaften hält ein Bierglas in der Hand. Foto: dpa

Regensburg. Peter Kelly sperrt die Haustüre auf. Von außen wirkt es wie ein gewöhnliches Wohnhaus, von Innen jedoch merkt man den Unterschied: Man ist im Haus einer Verbindung. An der Wand hängen alte Fotos von älteren Mitgliedern, man sieht Studenten in Uniform, auch die beiden ehemaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und Alfons Goppel zieren die Wand. Weiter geht es in einen Barraum mit Schenke, Tischen und wieder Fotos ehemaliger Mitglieder an der Wand.

Peter Kelly ist Senior der „Agilolfia“-Verbindung, das bedeutet, dass er für die Verbindung Verantwortung übernimmt, für ihre Veranstaltungen, für ihr Haus und für ihre Mitglieder. Man könnte sagen, er ist ihr Vorsitzender. Kelly macht das leidenschaftlich, das merkt man. Eigentlich studiert er Katholische Theologie an der Regensburger Universität, zusätzlich ist er Student im Priesterseminar des Bistums. Peter will eines Tages Priester sein.

Die „Fuxen“ müssen einiges lernen

Nach und nach trudeln immer mehr Gäste ein. Heute ist „Fuxen-Stunde“. Fuxen, das sind die Neuen, die Teil einer Verbindung werden wollen. Zuvor sollen sie jedoch noch etwas lernen: „Man wird auf die Burschenprüfung vorbereitet. Man lernt die Geschichte der eigenen Verbindung und etwas über das Verbindungswesen. Auch Comment ist wichtig, das heißt: Wie verhalte ich mich? Wie ziehe ich mich an?“ Am Schluss der Fuxenzeit, die zwischen zwei und drei Semester lang dauert, steht eine kurze mündliche Prüfung. Hier sollen die Studenten beweisen, dass sie auch etwa gelernt haben. Heute steht vor allem Geschichte auf dem Programm.

Christoph Hartl war im vergangenen Semester Senior der Verbindung, heute hält er in Vertretung für den „Fux-Major“, der ein eigenes Amt innerhalb der Verbindung bekleidet, die Stunde. Die Geschichte der Verbindungen beginnt besonders im Zuge der politischen Bewegungen im 19. Jahrhundert, wie Hartl erklärt. Die Fuxen-Stunde erinnert etwas an den Schulunterricht, Hartl doziert, die Füxe lauschen aufmerksam. Trotzdem wird locker unterrichtet, vor den meisten der Fuxen steht eine Flasche Bier – das hier ist Freizeit.

In der Agilolfia ruht der Degen

Die Neuen in der Verbindung bekommen den Unterricht auch, damit sie wissen, woher die Verbindungen kommen und was ihr Zweck ist. Besonders bei den vielen Vorurteilen, die gegen die Verbindungen bestehen, müsse man Rede und Antwort stehen können. Rechtfertigen muss man etwa auch den Fechtkampf, der in einigen Verbindungen üblich ist, wenn auch nicht in der Regensburger Agilolfia. Ein Relikt aus dem Mittelalter, als Studenten berechtigt waren, zu ihrer Verteidigung Waffen mit sich zu tragen. Bis heute ist es in manchen Verbindungen üblich, mit diesen Waffen Kämpfe auszufechten.

Christoph Hartl zeigt auch die Degen der Agilolfia, stumpfe Waffen, die niemanden verletzen könnten und nur als Teil der Uniform von Bedeutung sind: „Es gibt Verbindungen, die fechten. Zu denen gehören wir nicht, weil wir katholisch sind: Wir vertreten das Prinzip der Nächstenliebe. Wir erinnern an das Fechten, lehnen es aber ab.“ Bis heute organisieren sich die Studenten in unterschiedlichen Dachverbindungen, die auch für verschiedene Ideale eintreten. Vieles, was in den Verbindungen Brauch ist, wirkt auf den ersten Blick etwas ungewohnt. Dazu gehört, dass mehrere Studenten der Verbindungen gegeneinander ein kleines Bier im Wettbewerb trinken. Wer zuerst fertig ist, hat gewonnen. Eigentlich jedoch gehe es nicht um den Sieg, sagt Christoph: „Es ist wichtig, dass man was miteinander macht, nicht, wer gewinnt oder dass man trinkt.“

Wie das Leben in einer WG

Warum haben sich die Mitglieder für ein Leben in der Verbindung entschieden? Johannes wohnt seit einem Jahr in der Wohngemeinschaft der Verbindung. Fünf Wohnungen stellt die Agilolfia zur Verfügung. Wer sich hier für ein Zimmer bewirbt, muss nicht zwangsläufig auch in die Verbindung eintreten – auch wenn es die meisten dann doch tun. „Ich bin auf der WG-Suche hierhergekommen. Im Prinzip ist das hier ein ganz normales WG-Leben.“ Das sieht auch Alexander so: „Du hast hier sofort eine Anlaufstelle in Regensburg.“ Gerade in großen Studiengängen fühle man sich schnell verloren, könne die Kommilitonen kaum richtig kennenlernen. Bei einer Verbindung sei das anders: man kommt, findet Freunde, hat eine verlässliche Anlaufstelle.

Diese Anlaufstelle nehmen etwa 25 Regensburger Studenten wahr, 15 davon sind aktiv in Regensburg mit dabei. Den Rest hat es durch Masterstudien oder persönliche Veränderungen in andere Städte verschlagen, dennoch bleiben sie der Agilolfia treu. Auf dem Programm der Verbindungen stehen Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Art. Die Studenten gehören einer sogenannten „katholischen“ Verbindung an, weswegen besonders der gemeinsame Gottesdienstbesuch eine bedeutende Rolle spielt. Daneben wird das Programm durch feierliche „Kneipen“, Festakte der Verbindung, ergänzt, ebenso werden gemeinsame Fahrten angeboten, zu Vorträgen eingeladen und zusammen Silvester gefeiert. Überhaupt, die Gemeinschaft ist den Mitgliedern der Verbindung besonders wichtig. „Wir haben hier einen großen Freundeskreis“, sagt Christoph Hartl, „du lernst hier, kreativ zu sein und für jedes Problem eine Lösung zu finden.“

Auch mit den „Alten Herren“, den Mitgliedern, die ihr Studium bereits beendet haben, pflegen die Agilolfen ihre Verbindungen, insgesamt gibt es mehr als 200 von ihnen. Christoph schätzt es, dass man auch im Alter noch zur Verbindung kommen kann und so in seiner ehemaligen Studentenstadt verwurzelt bleibt. Besonders die sogenannten „Soft skills“ – gesellschaftliche Umgangsformen für den Arbeitsalltag – vermittle die Verbindung. Dabei geht es um das richtige Verhalten am Arbeitsplatz, und den richtigen Umgang mit Menschen, die richtige Kleidung. All das, so Christoph, bekomme man in ihrer Verbindung auch vermittelt, nicht jedoch im Rahmen ernster Veranstaltungen, sondern vielmehr als Spaß. Gesellschaftliche Konventionen, Konversation und korrektes Verhalten sind den Mitgliedern der Verbindung von großer Bedeutung. Die Studenten bekennen sich zu drei Idealen, traditionsgemäß in lateinischer Sprache formuliert: „religio, scientia, amicitia“, also Religion, Wissenschaft und Freundschaft.

Spricht man die Mitglieder auf die zahlreichen Vorurteile in der Gesellschaft den Verbindungen gegenüber an, stößt man auf Verständnis. Man weiß auch hier, was den Verbindungen vorgeworfen wird. Das Problem bei vielen dieser Dinge sei, dass es einige Verbindungen oder manchmal nur einzelne Mitglieder gäbe, die dann das Bild der Gesellschaft prägen. So unterstreicht Christoph: „Rechtsextremes Gedankengut hat mit uns überhaupt nichts zu tun.“ Und wie man die Mitglieder in ihrem Haus so sieht, glaubt man es auch, es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass hier rechte oder gar rechtsextreme Veranstaltungen stattfinden.

Das gleiche könne man auch über den Alkoholkonsum sagen: „In der Verbindung trinkt man anders, aber nicht mehr. Andere Studenten trinken eher härteren Alkohol, wir eher Bier“, so Christoph Hartl. In der Studentenverbindung sei es kein Problem, wenn man keinen Alkohol trinken will. Man müsse dann nicht trinken, werde auch nicht dazu gezwungen.

Sicherlich, eine Verbindung ist nicht für jeden der Studenten das passende, die alten Traditionen, der förmliche Umgang miteinander – das ist ungewohnt. Trotzdem scheint die Verbindung eine Gemeinschaft zu haben, Freundschaften zu ermöglichen und alles in allem das Studentenleben einfacher zu machen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht