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Stadtgespräch

OB und Landrätin sind auf Augenhöhe

Landrätin Tanja Schweiger und OB Joachim Wolbergs ließen sich beim Stadtgespräch von Mittelbayerischer Zeitung und TVA nicht auseinanderdividieren.
Von Christof Seidl, MZ

  • Gaben sich als gutes Team: Landrätin Tanja Schweiger und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs beim Stadtgespräch von TVA und Mittelbayerischer Zeitung. Foto: Tino Lex
  • TVA-Moderator Martin Gottschalk (links) und MZ-Lokalchef Josef Pöllmann (rechts) führten das Gespräch mit der Landrätin und dem OB. Foto: Tino Lex
  • IHK-Vertreter Dr. Kammerer will eine Brücke im Stadtwesten. Foto: Tino Lex
  • MZ-Lokalchef Josef Pöllmann (l.) mit Verkehrsexpertem Dr. Häusler Foto: Tino Lex

Regensburg.Der Landkreis als – mitunter bockige – Manövriermasse für die Stadt: Dieses ungleiche Verhältnis soll es unter Tanja Schweiger und Joachim Wolbergs nicht mehr geben. Bei der Live-Sendung im (tropisch heißen) Studio von TVA wurde auch deutlich, dass die beiden neuen Spitzen der Region im Gegensatz zu ihren Vorgängern gut miteinander können. Die Chemie zwischen der Landrätin und dem Oberbürgermeister stimmt.

Natürlich gibt es von der Struktur her Unterschiede zwischen Stadt und Landkreis. Wolbergs ist „Alleinherrscher“ über das gesamte Stadtgebiet, während Schweiger als Landrätin die Bedürfnisse von 41 eigenständigen Gemeinden und deren Entscheidungen berücksichtigen muss.

Wolbergs argumentiert die „Augenhöhe“ in zweierlei Hinsicht. Zum einen seien OB, Landrätin und die 41 Bürgermeister der Landkreisgemeinden gewählte Volksvertreter, die Verantwortung übernehmen. Dabei spiele es keine Rolle, ob man 1000 oder 100000 Bürger repräsentiere. Schon deswegen werde er nie jemanden „von oben herab behandeln“.

Viel wichtiger ist Wolbergs und Schweiger aber die Überzeugung, dass Stadt und Landkreis die Region Regensburg nur gemeinsam zukunftsfähig machen können. Es gebe viele Bereiche, die davon profitieren werden. Die Zusammenarbeit soll unkompliziert ausfallen. Schweiger: „Wir treffen uns jede Woche zwei, drei Mal bei Terminen. Das nutzen wir, um Themen zu besprechen.“

Das regionale Bewusstsein der beiden „Neuen“ ist ihr größtes Plus, denn sie ist Voraussetzung für alles andere.

Zwist bei Donauquerung

Wenn es um den Straßenbau geht, sind sich der OB und die Landrätin bei Projekten einig, die Bund oder Freistaat realisieren müssen. Vor allem beim sechsspurigen Ausbau der A3 zwischen Rosenhof und Nittendorf müsse der Bund endlich seine Hausaufgaben machen, sagt Joachim Wolbergs und erntet dafür zustimmendes Nicken von Tanja Schweiger.

Schwieriger wird es bei Projekten, die Stadt und Landkreis realisieren können. Der OB spricht sich für eine Fortsetzung der Osttangente bis zur Autobahn A93 bei Regenstauf aus, und merkt an, dass die Gemeinde Zeitlarn hier blockiere. Von einer Kneitinger Brücke will Wolbergs dagegen nichts wissen: „Das ist ausgeschlossen!“ Für Schweiger wäre diese Brücke die optimale Lösung, um den Verkehr aus dem Nordwesten in den Griff zu bekommen.

Der Streit ist alt, eine Lösung nicht in Sicht. Und bevor die (lange erwartete) Machbarkeitsstudie der Stadt in Sachen Parallelbrücken nicht vorliegt, wird sich nichts ändern.

Einig sind sich beide, dass die Sallerner Regenbrücke erste Priorität hat. Erst wenn sie fertiggestellt sei, könne man beurteilen, wie groß die Entlastung für den Pfaffensteiner Tunnel wirklich ist.

Dass Schweiger auch innerhalb des Landkreises vorausdenkt, beweist sie mit dem Hinweis, dass es nicht reicht, die A3 auszubauen. Auch die Anschlüsse müssten entsprechend ausgebaut werden. Bedarf sieht die Landrätin vor allem im Bereich Neutraubling/Barbing.

Der Bereich Verkehr birgt für Wolbergs und Schweiger Konfliktpotenzial. Hier müssen sie zeigen, dass sie auch bei Gegenwind gemeinsam vorgehen.

Personennahverkehr

Es gibt viele Regensburger, die Kritik am Busnetz in der Stadt üben. Zu zentral, zu wenige Querverbindungen, so lauten wichtige Kritikpunkte. Dass da etwas dran ist, gibt auch der OB zu. Er geht sogar einen Schritt weiter und will das Konzept im Stadtbereich neu denken. Bisher gelte das bestehende Liniennetz als unabänderlich.

Eine Ringlösung hält auch Wolbergs für unrealistisch, aber man müsse das Netz mehr auf die Bedürfnisse der Fahrgäste zuschneiden, Bereiche, wo viele Menschen arbeiten, besser anbinden. Ebenso müsse der ÖPNV älteren Menschen entgegenkommen. Als positives Beispiel nennt Wolbergs die Linie 18 – defizitär, aber sinnvoll.

Im Landkreis hält Schweiger die Ausrichtung des ÖPNV grundsätzlich für richtig. Trotzdem gebe es Verbesserungsmöglichkeiten: Schnellbusse, Sammeltaxis, Ortslinien – „da sind wir experimentierfreudig“. Schweiger kündigt einen intensiven Dialog mit den Fahrgästen vor Änderungen an. Zusatzangebote müssten aber auch angenommen werden.

Was die Stadt angeht, gibt die Landrätin dem OB recht. Gerade aus dem Landkreisnorden und -nordwesten seien die Fahrzeiten in die westliche Stadt viel zu lang. Eine altstadtnahe Bus-, Rad- und Fußgängerbrücke befürworten beide. Wolbergs betont aber, dass er den Welterbestatus keinesfalls gefährden werde. Wenn die UNESCO nein sagt, müsse man eine Tunnellösung angehen.

RVV-Geschäftsführer Dr. Christoph Häusler lobt die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Als Nahziel kündigt er ein modernes Infosystem für Fahrgäste an – auch per Handy abrufbar. Ansonsten gibt es wenig konkrete Ankündigungen. Und die Kostenfrage bleibt außen vor.

Wirtschaft

Die Wirtschaftsentwicklung ist das große Plus der Region, die als Magnet für Firmen und Beschäftigte gilt. Bisher gingen Stadt und Landkreis hier meistens getrennte Wege – auch weil Wirtschaftspolitik Gemeindepolitik ist. Der Landkreis ist aber indirekt mit im Boot – über die Wirtschaftsförderung, als Genehmigungsinstanz und durch viele weiche Faktoren, die er mitbestimmt.

Wolbergs und Schweiger wollen in Sachen Wirtschaftspolitik gemeinsam vorgehen. Initiativen haben bereits ihre Vorgänger gestartet. Seit zwei Jahren gibt es eine Zusammenarbeit bei der Wirtschaftsförderung. „Die sind gut aufgestellt“, sagt Wolbergs. Er weiß, dass die Stadt das Umland bei der Ausweisung künftiger Industrie- und Gewerbegebiete stärker einbinden muss. „Wir sind irgendwann an der Kapazitätsgrenze.“

Als Beispiel nennt er das geplante gemeinsame Gewerbegebiet mit Wenzenbach. Wirtschaftlich könne man nur als Region bestehen, betont der OB, auch weil Faktoren wie Bildung, Freizeit oder Kinderbetreuung heute ebenso wichtig seien wie die reinen Arbeitsplätze. Und mehr als 60000 Arbeitnehmer in der Stadt sind Einpendler, die Hälfte davon kommt aus dem Landkreis.

Die Landrätin liegt ganz auf der Linie des OB, verweist aber auf Unterschiede. Im Landkreis gehe es darum, eine Spaltung zwischen dem Stadtumland und den Gemeinden weiter draußen zu vermeiden. „Wir brauchen eine Politik für alle Landkreisgemeinden.“

Was die Wirtschaft angeht, scheinen Stadt und Land Hand in Hand gehen zu wollen. Sie haben auch keine Wahl.

Neuer Wohnraum

Der Raum Regensburg ist in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung. Seine Bevölkerung wächst – vor allem in der Stadt Regensburg. Die Folge: Wohnraum wird knapp und dadurch immer teurer. Neuer, bezahlbarer Wohnraum ist dringend nötig.

Trotz des Baubooms in Regensburg setzt der Oberbürgermeister auf Unterstützung im Landkreis. Gerade jüngere Menschen und Familien würden das Wohnen auf dem Land als eine gute Alternative zur Stadt ansehen. Wolbergs sagt auch, wo er gerne große Baugebiete hätte: in der Nähe von Bahnhaltepunkten. Eine flotte Anbindung an die Arbeitsplätze in der Stadt ist aus seiner Sicht ein wichtiges Argument bei der Ausweisung von Bauland.

Die Landrätin befürwortet ebenfalls neue Baugebiete in den Landkreisgemeinden. Es geht ihrer Ansicht allerdings nicht nur um mehr Wohnraum, sondern auch um eine Strukturänderung. Derzeit gebe es im Landkreis zwar viele Häuser, aber zu wenig Wohnungen. Je weiter weg man von Regensburg gehe, desto deutlicher werde dieses Phänomen.

Gerade junge Paare ziehen gezwungenermaßen an den Stadtrand oder in die Stadt selbst. Sie gehen dadurch ihren Gemeinden nicht nur als Bürger verloren, sondern auch als Ehrenamtler. Schweiger will sich deshalb vor allem für den Wohnungsbau im Landkreis einsetzen.

Während sich beim Wohnungsbau in der Stadt bereits viel tut, hat der Landkreis noch Nachholbedarf. Ohne Hilfe der Gemeinden sind der Landrätin allerdings die Hände gebunden.

Freizeit und Bildung

Der Städter geht ins Freibad und ins Theater, der Landbewohner zum Baden und zum Volksfest: Dieses Vorurteil stimmt schon längst nicht mehr. Die Stadtbevölkerung nutzt den Landkreis immer stärker als Erholungsoase. Das beste Beispiel ist für den OB der Guggenberger See bei Neutraubling, für den die Stadt via Naherholungsverein mit zuständig ist. Rund die Hälfte der Besucher stammt aus der Stadt. Ähnliches gilt für Radtouren, Wanderungen etc. Für Touristen bietet der Landkreis zudem zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten und nimmt so Druck von der Stadt.

Schweiger und Wolbergs wollen Stadt und Landkreis in Sachen Tourismus und Kultur stärker vernetzen und mehr gemeinsame Werbung betreiben. Eine gegenseitige Aufrechnung, wer hier mehr Kosten hat oder mehr bietet, halten beide für überflüssig. Regensburg sei nun mal ein Oberzentrum und verfüge deshalb über Einrichtungen wie das Stadttheater, sagt der OB. „Es wäre doch völlig unsinnig, wenn wir jetzt gegenseitig aufrechnen würden, wer welche Einrichtungen nutzt.“

Auf eine beachtliche Erfolgsbilanz verweisen Landrätin und OB bei der Bildung. Landkreis und Stadt seien hier auf einem sehr guten Niveau. Die Zusammenarbeit bei Bau und Ausbau von Schulen funktioniere sehr gut. Als Beispiele nennen sie die Realschule Obertraubling, das Gymnasium Lappersdorf und die Erweiterung des AMG. Wolbergs lehnt auch in diesem Bereich eine gegenseitige Aufrechnerei ab.

Im Schulbereich läuft es derzeit einigermaßen rund. Bei Kultur und Freizeit muss sich erst noch zeigen, ob den Ankündigungen auch Taten folgen.

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