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Verkehr

ÖPNV-Bündnis drückt aufs Tempo

Die Grundsatzentscheidung für die Stadtbahn in Regensburg muss laut Allianz jetzt fallen. Die Stadträte zeigen sich zaghaft.
Von Heike Haala, MZ

Das Projekt Stadtbahn hat in Erlangen seit dem Bürgerentscheid vor einem halben Jahr ordentlich Fahrt aufgenommen. Die Allianz für einen höherwertigen ÖPNV wünscht sich das auch für Regensburg.
Das Projekt Stadtbahn hat in Erlangen seit dem Bürgerentscheid vor einem halben Jahr ordentlich Fahrt aufgenommen. Die Allianz für einen höherwertigen ÖPNV wünscht sich das auch für Regensburg. Foto: dpa

Regensburg. Regensburg hat 70 000 Einpendler täglich, einen Anteil von 50 Prozent beim motorisierten Individualverkehr (MIV) am Gesamtverkehrsaufkommen, erstickt im Dauerstau und tut sich schwer mit einer Grundsatzentscheidung für eine Stadtbahn auf einer eigenen Schienentrasse. Und genau das geht den Mitgliedern der neuen Allianz für einen hochwertigen ÖPNV gründlich gegen den Strich.

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Und diesen Standpunkt machten sie den Vertretern der Parteien im Regensburger Stadtrat am Freitagabend im Evangelischen Bildungswerk (EBW) auch unmissverständlich klar. Die Allianz hat sich im Nachgang der MZ-Themenwoche „Dauerstau in Regensburg“ gegründet und 19 Mitglieder aus völlig unterschiedlichen Bereichen: Interessensvertreter der Altstadtkaufleute sind in dem Bündnis ebenso vertreten wie die der Umweltverbände oder von Architekten.

„Ein derart breites Bündnis für eine Stadtbahn würde sich nicht gründen, wenn alles so toll laufen würde.“

Raimund Schoberer, Vorsitzender beim Bund Naturschutz

Während des Workshops zeigten vor allem vier Männer deutlich, wie ernst es der neuen Allianz mit dieser Forderung ist. Sprecher Walter Weber sagte, dass der ÖPNV an einem prosperierenden Wirtschafts- und Forschungsstandort, wie Regensburg es ist, ein entsprechendes Niveau braucht. Er hält einen ÖPNV-Anteil von 30 Prozent oder mehr statt der momentanen 13 Prozent für möglich – aber nur mit einer Stadtbahn.

„Momentan gibt es weder eine Zielvorstellung für einen hochwertigen ÖPNV noch einen Zeithorizont. Das ist alles beliebig.“

Raimund Schoberer, Vorsitzender beim Bund Naturschutz

Weder Ziel noch Zeithorizont

Ein derart breites Bündnis für eine Stadtbahn würde sich nicht gründen, wenn alles so toll laufen würde, sagte Raimund Schoberer, Vorsitzender beim Bund Naturschutz. Es brauche jemanden, der dem Stadtrat Mut einhaucht, denn der Leidensdruck sei bei der Bevölkerung größer als in Stadtparlament. „Momentan gibt es weder eine Zielvorstellung für einen hochwertigen ÖPNV noch einen Zeithorizont. Das ist alles beliebig“, sagte Schoberer.

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Den Zeithorizont, den sich die Allianz vorstellt, verdeutlichte Prof. Joachim Wienbreyer, Vorsitzender des EBW. „Die Grundsatzentscheidung ist noch 2016 nötig“, sagte er. Eric Frisch von der Dömges Architekten AG begründete, warum das Bündnis derart aufs Tempo drückt: „Jetzt ausschließlich an einem verbesserten Bussystem herumzutüfteln – das würde höchstens noch zehn Jahre Entlastung bringen.“ Spätestens dann werde aber auch dieses Mittel ausgereizt sein. Eine mutige Entscheidung für eine Stadtbahn auf Schienen dagegen würde eine langfristige Perspektive für einen hochwertigen ÖPNV eröffnen.

Diese fünf Städte haben für die Allianz Vorbildcharakter für Regensburg.

Städte mit Vorbildcharakter

  • Bordeaux:

    1958 hatte die Stadt die Straßenbahn abgeschafft. 2003 ging die Stadtbahn wieder an den Start und gilt seither als eines der fortschrittlichsten Straßenbahnsysteme der Welt. Sie ist nun das wichtigste Verkehrsmittel der Stadt.

  • Basel:

    Die Stadt in der Schweiz mit etwa 175 000 Einwohnern hat einen ÖPNV-Anteil von 75 Prozent am Gesamtverkehrsaufkommen. Stadtteil für Stadtteil betreuen Experten das Thema, um es noch weiter zu voranzutreiben.

  • Montpellier:

    Die Einwohner der Stadt an der französischen Mittelmeerküste erstickte in den 1970er-Jahren im Verkehr. Jetzt gibt es vier durchgängige ÖPNV-Achsen durch Montpellier. Von den Umsteigeplätzen dauert es zehn Minuten ins Stadtzentrum.

  • Konstanz:

    Die 112 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz gab sich das Ziel aus, den Umwelt-Verband aus Schienen-, Bus- und Radverkehr deutlich zu steigern. Inzwischen liegt der Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen bei 61 Prozent.

  • Besançon:

    Die Stadt mit 115 000 Einwohnern im Osten von Frankreich beschloss im Jahr 2005, eine Stadtbahn zu bauen. 2014 eröffnete diese. Sie sei in das Weltkulturerbe Besançons integriert und verleihe dem Stadtraum ungeahnte Qualität. (la)

Dieser klaren Linie schlossen sich unter den Stadträten einzig Benedikt Suttner (ÖDP) und Richard Spieß (Linke) aus der Opposition an: Suttner fordert eine Grundsatzentscheidung aller Parteien für die Freihaltung der Trassen, Spieß will die finanziellen Mittel dafür jetzt im Investitionsprogramm verankert sehen.

So sieht es mit den Planungen aktuell aus.

Die restlichen Vertreter der Regensburger Parteien zeigten sich da wesentlich vorsichtiger. Zwar wollen alle den ÖPNV verbessern, auf eine Grundsatzentscheidung im Stadtrat noch im Jahr 2016 wollten sie sich mit Verweis auf das in diesem Quartal erwartete ÖPNV-Verkehrsgutachten nicht einlassen. Stattdessen stellten sie der Allianz einen Zwischenbericht in sechs Monaten in Aussicht.

Auch der VCD will den ÖPNV in Regensburg verbessern.

Feedback in sechs Monaten

Dr. Klaus Rappert (SPD) ist noch nicht ganz überzeugt von einer Stadtbahn auf Schienen und führte den O-Bus als Alternative ins Feld. Walter Erhard (Grüne) stellte heraus, dass eine elektrische Stadtbahn mit dichter Taktung zwar stets akzeptiert werde, sorgte sich aber um die Kosten. Das tat auch Horst Meierhofer (FDP). Neue Haltepunkte und eine bessere Vernetzung der Verkehrsmittel sind die Mittel, zu denen Ludwig Artinger (FW) als erstes greifen will, um den ÖPNV in Regensburg zu verbessern. Jürgen Eberwein (CSU) versprach die Argumente des Workshops bei der Klausurtagung der Regensburger CSU zum Thema ÖPNV am kommenden Wochenende vorzustellen, wollte sich aber nicht für eine Stadtbahn als Königsweg aussprechen.

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