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Probleme werden heute vielschichtiger

Arbeitslosigkeit, steigende Mietpreise, ein wachsender Schuldenberg: So kommt eins zum anderen, sagt Diakonie-Sozialberaterin Monika Huber über Armut.
von Daniel Steffen, MZ

Sozialberaterin Monika Huber Foto: Scheiner

Regensburg. Familien, die ihren Strom und ihre Miete nicht bezahlen können, suchen immer häufiger professionelle Hilfe auf. Die Allgemeine Sozialberatung sowie die Arbeitslosen-, Insolvenz- und Schuldnerberatungsstelle der Diakonie gehören zu jenen Adressen, bei denen Menschen in schwierigen Lebenslagen kostenlos Hilfestellung angeboten wird. Diplom-Sozialpädagogin Monika Huber gibt dort regelmäßig Rat – und berichtet davon, dass sich die Menschen häufig auch wegen Zwangsvollstreckungen an sie wenden. Für den sich nähernden Februar vermutet sie einen regelrechten Ansturm: Es ist die Zeit, in der den Menschen die Stromrechnung ins Haus flattert. Den dreistelligen Summen, die nachzuzahlen sind, stünden die Menschen hilflos gegenüber. Oft komme dann das eines zum anderen, weiß Monika Huber. Wie sie sagt, würden heute die Probleme, aus denen sie den Menschen helfen soll, immer vielschichtiger.

Besonders schlecht gehe es denjenigen Familien, bei denen ein Elternteil die Kinder allein ernährt: „Für die Alleinerziehenden ist es sehr schwer, einen Job zu finden, der für die Familie zum Leben reicht und zeitlich den Kindern gerecht wird.“ Die Mitarbeiter müssten immer flexibler sein, was Eltern aber oft nicht sein können, erklärt Huber das Grundproblem. Zur Konsequenz habe das häufig, dass für die Betroffenen der Weg in die Arbeitslosigkeit führt. Und das wiederum lasse die Schulden weiter anhäufen – ein Teufelskreis, aus dem nur schwer herauszukommen ist. Alleinerziehende Mütter und Väter seien davon gleichermaßen betroffen.

Sozialbericht bestätigte

„Der Sozialbericht der Stadt hat Vieles bestätigt, wovon wir schon lange den Eindruck hatten“, sagt Monika Huber im Hinblick darauf, wie sich die Armut in Regensburg verteilt. Aus dem Kasernenviertel etwa, das im Sozialbericht als Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit markiert ist, kämen regelmäßig viele Hilfesuchende. Umso sinnvoller findet sie es, dass dort künftig ein Familienzentrum entstehen soll. „Ich finde es sehr gut, wie sich die Stadt bemüht, Anlaufstellen in den Stadtteilen zu positionieren“, lobt Huber. Überhaupt gestalte sich die Kooperation mit den städtischen Behörden wie dem Sozialamt und dem Jobcenter sehr gut. Da kenne sie aus anderen Städten viel unpersönlichere Beispiele.

Nichtsdestotrotz nähmen bestimmte Negativ-Entwicklungen weiter ihren lauf: Eine davon ist, dass immer Menschen trotz Arbeitsstelle in finanzielle Schieflage geraten. „Gut 70 Prozent der Menschen, die zu uns kommen und Transferleistungen beantragen, haben ja einen Job.“ Nebst steigender Mieten und Strompreise macht Huber dafür auch die Ausweitung des Niedriglohnsektors verantwortlich. Teilzeitstellen und niedrige Entlohnung in der Zeitarbeitsbranche ließen die Anzahl der Antragsteller in die Höhe treiben.

Flexibilität versus Familie

Drückend auf die Stimmung in den betroffenen Familien sei oft, dass sich das Leben immer seltener planen lasse: Die Zeiten, in denen Eltern zu annähernd gleichbleibenden Zeiten von ihrer Arbeit nach Hause kommen, seien weitgehend vorbei. Insbesondere Zeitarbeiter müssten damit leben, dass ihr Einsatzort „in schöner Regelmäßigkeit wechselt“. „Zwei Wochen arbeiten lang sie in Saal, dann wieder in Schwandorf – und dann für eine Weile in Neutraubling“, nennt Huber ein klassisches Beispiel.

In solch einer Situation die Rolle eines „verantwortlichen Familienvaters“ annehmen zu können, werde immer schwieriger. Alles laufe stattdessen auf mehr Mobilität hinaus: Ein Berufsleben ohne ein Auto, das die monatlichen Ausgaben weiter in die Höhe schrauben lässt, sei für viele Arbeitnehmer undenkbar. Da Regensburg ein vergleichsweise sehr üppiges Angebot an Arbeitsplätzen bietet, häufe sich dementsprechend die Anzahl der Pendler.

So habe Huber mehrfach mit „Wochenendpapas“ gesprochen, die aus weit entfernten und wirtschaftlich schwächeren Regionen anreisen, über die Woche in Regensburg arbeiten und wohnen, um am Freitagnachmittag wieder zurück zu ihren Familien zu fahren. Dass sie ihren Lebensmittelpunkt nicht komplett nach Regensburg verlegen, habe, so Huber, in erster Linie mit dem gravierenden Wohnraumproblem zu tun. „Finden Sie mal in der Stadt eine günstige Dreizimmer- oder Vierzimmerwohnung. Das Angebot hier ist sehr klein – und was vorhanden ist, wird zu exklusiven Preisen vermarktet“, sagt Monika Huber.

Dem geplanten allgemeinen Mindestlohn steht die Diplom-Sozialpädagogin positiv gegenüber. „Er ist immerhin ein Anfang“, sagt sie. Ihre Hoffnungen beruhen nun auf die Auswertung des Sozialberichts, an dessen Erstellung mehrere Diakoniemitarbeiterinnen beteiligt war. „Man sieht, dass in der Stadt im sozialen Bereich einiges auf dem Weg ist.“

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