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Geschichte

Regensburger Juden wurde alles geraubt

Auch wenn bislang kaum spektakuläre Nazi-Raubkunst gefunden wurde: In der Stadt bereicherten sich nicht nur die Museen.
Von Norbert Lösch

Provenienzforschung heißt der Fachbegriff für die Suche nach Kunstobjekten, die in der NS-Zeit jüdischen Besitzern geraubt oder abgepresst wurden. Im Museum Wiesbaden läuft die Suche schon seit 1999, in Regensburg begann sie im Februar 2016. Foto: dpa
Provenienzforschung heißt der Fachbegriff für die Suche nach Kunstobjekten, die in der NS-Zeit jüdischen Besitzern geraubt oder abgepresst wurden. Im Museum Wiesbaden läuft die Suche schon seit 1999, in Regensburg begann sie im Februar 2016. Foto: dpa

Regensburg.Seit mehr als zwei Jahren durchsuchen zwei Forscherinnen den immensen Bestand der Regensburger Museen nach NS-Raubkunst. Die SPD-Fraktion wird langsam ungeduldig und beantragte für die Sitzung des Kulturausschusses am Mittwoch nach ersten Informationen vom Februar 2017 einen schriftlichen Bericht über die Ergebnisse. Den soll es aber erst im Oktober geben.

Gleichwohl erhellt das, was bisher bekannt ist, das dunkle Kapitel der Regensburger Stadtgeschichte durchaus. Auch wenn bislang nur wenig „belastete“ Museumsobjekte gefunden wurden, wird nämlich deutlich, dass die Stadt auch auf anderen Wegen aus der systematischen Enteignung der jüdischen Bevölkerung Profit geschlagen hat – und viele ihrer Bürger ebenfalls.

Die Kunsthistorikerin Meike Hopp beschreibt in ihrem Buch „Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien“, welche Dimensionen der NS-Kunstraub in einem einzigen Fall hatte.

NS-Raubkunst: die Skulptur „Christus an der Geißelsäule“ (um 1700) im Bestand des Historischen Museums Foto: Museen der Stadt Regensburg/Michael Preischl
NS-Raubkunst: die Skulptur „Christus an der Geißelsäule“ (um 1700) im Bestand des Historischen Museums Foto: Museen der Stadt Regensburg/Michael Preischl

Weinmüller betrieb am Münchner Odeonsplatz ein Auktionshaus, zig Kataloge waren voll mit einst jüdischem Kunstbesitz, den er nach Beschlagnahmungen und „Verwertungen“ öffentlich anbot. Zu seinen Kunden gehörten Nazi-Größen wie Martin Bormann, aber auch viele bayerische Städte, die ihre Sammlungen mit geraubten Objekten ergänzten.

Darunter viele, die aus Zwangsversteigerungen des jüdischen Kunsthändlers Theodor Einstein stammten. Die fast schon typische Tragik: Während dessen Erbe Arthur Einstein nach dem Krieg vergeblich Wiedergutmachung forderte, wurde der Nazi-Millionär Weinmüller lediglich als Mitläufer eingestuft, bekam erneut eine Kunsthandels- und Auktionslizenz und durfte weiter Geschäfte machen.

Die Weinmüller-Objekte

Das Historische Museum Regensburg erwarb zwischen 1936 und 1945 bei Adolf Weinmüller 39 Objekte. Diese Ankäufe lassen sich laut dem Kulturreferat der Stadt nach den Kriterien „unbelastet“ (sechs), „möglicherweise belastet“ (30) und „belastet“ (drei) klassifizieren. Die drei bislang identifizierten NS-Raubkunstwerke stammen aus dem Bestand der Kunsthandlung Einstein in München: die um 1700 entstandene Alabasterskulptur „Christus an der Geißelsäule“, die Tonplastik „Maria mit Kind“ aus dem 17. Jahrhundert und das aus dem Egerland stammende „Spielbrett für Dame und Trictrac“.

Außer um wertvolle Kunst und Antiquitäten ging es bei der Enteignung der Juden auch um Schmuck und Edelmetall. 1939 wurden die städtischen Pfandleihanstalten in das System eingebunden. Alle Juden waren gezwungen, dort einen Großteil ihrer Wertsachen gegen ein schäbiges Zwangsangebot abzugeben. Grundlage war die „Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ vom 3. Dezember 1938.

1939 kaufte das Historische Museum ein umfangreiches Konvolut Trachtenschmuck sowie jüdische Kultgeräte an. Der Eintrag im Inventarbuch nennt eindeutig die Herkunft dieser Erwerbungen: „Vom Pfandamt aus dem Verkauf des beschlagnahmten Regensburger Juden-Silbers“. Die Akten im Stadtarchiv geben keinen weiteren Hinweis auf die Herkunft, die Besitzer oder ihre Nachkommen haben bislang nicht ermittelt werden können. Dabei helfen könnte die Internet-Datenbank „Lost Art“, in die die Stadt die Gegenstände eingestellt hat.

Kunst-Handel mit Augsburg

Ein weiterer Fall ist aufgrund der Nachforschungen jetzt aktenkundig – und deckt gleichzeitig auf, wie Städte beim Handel mit Raubkunst kooperierten. Im April 1943 erwarb die Stadt ein Porträt des Regensburger Gerichtsassessors Friedrich Ludwig Kessler aus dem Jahr 1800. Die Unterlagen zeigen, dass der Landesleiter der Kunst-Reichskammer im Gau Schwaben dem Regensburger Museum das Gemälde direkt angeboten hatte. Die Rechnung stellte die Finanzkasse Augsburg-Stadt – mit dem damals „normalen“ Vermerk: „Verwertung von Kulturgut aus jüdischem Besitz“.

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Jagd auf „nichtarisches Vermögen“

  • Skrupellos:

  • Auch in Regensburg profitierten während der NS-Diktatur nicht nur die Stadt und Parteibonzen von den systematischen Raubzügen bei den jüdischen Mitbürgern, sondern auch weite Kreise der Bevölkerung. Ein Ergebnis der Nachforschungen ist, dass sich öffentliche Versteigerungen von sogenanntem „nichtarischen Vermögen“ zu regelrechten „Schnäppchenjagden“ entwickelten, an denen auch Veranstalter, Gutachter und Spediteure gut verdienten.

  • System:

  • Treibende Kraft bei den Auktionen war die örtliche Finanzverwaltung. Die agierte in aller Öffentlichkeit und war mit der Gesellschaft vielfach verbunden.

  • „Aktion 3“:

  • Vor Ort war Steueramtmann Ilnseher für das Finanzamt Regensburg mit der Durchführung der „Aktion 3“ beauftragt. Sechs Beamte standen ihm zur Verfügung, als die jüdischen Wohnungen ausgeräumt, Möbel, Kleider und Wertsachen versteigert und verkauft wurden. Die Auktionen waren öffentlich und beliebt. Sie fanden in der Walhalla-Turnhalle in Steinweg statt. Auch Ilnseher selbst trat als Käufer auf. Die Ausplünderung der Juden fand also nicht im Geheimen, sondern unter tatkräftiger Beteiligung der Stadtgesellschaft statt. (nl)

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