MyMz
Anzeige

Biologie

Schwammerl: Freund und Feind der Bäume

In einer Handvoll Boden leben Milliarden Pilze. Nein, keine Steinpilze, es sind Winzlinge und doch wahre Riesen der Abfallwirtschaft im Wald.
Von Heinz Klein, MZ

  • Auch wenn ihn keiner mitnimmt, so ist der Fliegenpilz wohl doch der Schönste im Wald. Die wahren Riesen aber sind völlig unscheinbare Winzlinge, die Spezialisten für Recycling. Foto: Klein
  • Die Hand zeigt, wo der Pilz sein Werk getan hat. Er verwandelt wertvolles Stammholz in billiges Palettenholz. Foto: Klein

Regensburg..Ja, sie wachsen, die Schwammerl und jeder, dem man in diesen Tagen im Wald begegnet, hat das Schwammerlgschau im Gesicht: ein geschärfter Blick mit aktiviertem Suchmodus, der nur auf pilzförmige Umrisse reagiert. Dabei möchte der Forstmann Erwin Engeßer den Blick gerne mal auf ein paar andere Pilze lenken. Es sind jene Pilze, die es uns ermöglichen, überhaupt in den Wald hineinzukommen. Denn sie sind es, die Nadeln, Blätter und totes Holz, das sich ansonsten zu gigantischen Halden von organischem Abfall auftürmen würde, fein säuberlich zerlegen. So kann Mutter Natur aus den Wertstoffen wieder was schönes Neues machen und wir Schwammerlsucher müssen nicht in Biomüll versinken.

Bis zu 1000 Milliarden Pilze leben in einem Quadratmeter Boden, sagt Erwin Engeßer, der neue Bereichsleiter im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Und weil es zum Thema Pilze viel zu erzählen gibt, gibt es am Sonntag im Walderlebniszentrum bei Sinzing ein Waldfest, das sich ganz dem Thema Pilze widmet.

Trouble im Wald und Trubel im Darm

Mit der MZ war Erwin Engeßer aber schon mal vorher im Wald unterwegs, um ein paar spannende Pilzgeschichten zu erzählen. Vom Hallimasch zum Beispiel, der Trouble im Wald und Trubel im Darm macht. Oder vom Zunderschwamm, der den Menschen einst Feuer und schicke Hüte schenkte.

Die Pilze, von denen es rund 90 000 Arten gibt, können ihre Nahrung nicht selbst herstellen und brauchen deshalb einen Partner. Die Mykorrhizapilze dringen also in die Wurzeln der Bäume ein und holen sich Zucker von ihnen. Als Gegenleistung absorbieren sie Wasser, Phosphor und Stickstoff aus dem Boden und geben das an die Baumwurzeln weiter. Nur ganz wenige Pflanzenarten wachsen ohne Pilzpartner. Wer einen Pilz als Kumpel hat, ist als Baum viel besser gegen Hitze, Dürren und Nährstoffknappheit im Boden gefeit. Und manchmal können Mykorrhizapilze ihre Bäume sogar vor der Invasion anderer, schädlicher Pilze schützen. Inzwischen glaubt man sogar, dass die Verbindung von Mykorrhiza mit Pflanzen die Regel ist. So sind zum Beispiel die Orchideen auf die Nährstoffversorgung durch Pilze angewiesen. Ohne Pilzpartner wären sie zum Verwelken und Sterben verurteilt.

Ein Pilz frisst 40 Euro pro Festmeter

Aber nicht alle Pilze sind Freunde der Pflanzen. Es gibt sogar Pilze, die Geld fressen – zumindest sinnbildlich. Das tut nämlich der Rotfäulepilz, der überall im Wald zugange ist, sich an verletzten Stellen der Rinde ins Fichtenholz einnistet und sich schön langsam kegelförmig den Stamm hinauffrisst. So wird aus gesundem Fichtenholz der B-Qualität, das etwa 100 bis 105 Euro pro Festmeter einbringt, rotfaules D-Holz, das nur mehr 60 bis 70 Euro wert ist und lediglich als Palettenholz taugt oder für Schaltafel am Bau Verwendung findet. Meist hat sich der Rotfäulepilz im unteren und wertvollsten Stammstück breitgemacht und entwertet auf diese Weise bis zu 20 Prozent der Holzmasse eines Holzeinschlags.

Winzling fällt mächtig Eichen

Der Rotfäulepilz, so erzählt Erwin Engeßer, gehört zu den Braunfäulepilzen, die die helle Cellulose zersetzen, während sich die Weißfäulepilze über das braune Lignin hermachen. Würde man Holz mit Stahlbeton vergleichen, dann wäre die Cellulose das Stahlgerüst und Lignin der Beton.

Über die helle Cellulose macht sich auch ein anderer ziemlich zerstörungswütiger Parasit her, der Schwefelporling. Wo seine dachelziegelartig übereinander gewellten schwefelgelben Fruchtkörper auftauchen, da wird bald Platz im Wald. Der Pilz ist in der Lage, binnen ein, zwei Jahren auch mächtige, jahrhundertealte Eichen zu fällen, von denen schließlich nur mehr ein großer Haufen braunen Lignins übrig bleibt. Die Forstleute fürchten den Schwefelporling auch deshalb, weil er sein zerstörerisches Werk ganz unauffällig beginnt. „Wir sind ja auch für die Sicherungspflicht all der Bäume entlang der Straßen zuständig“, sagt Erwin Engeßer. Die Aussicht, dass der Schwefelporling eine als gesund geltende große Eiche am Straßenrand binnen eines Jahres ohne großes Aufhebens zum einsturzgefährdeten Sicherheitsrisiko macht, treibt den Forstleute schon den Schweiß auf die Stirn. Doch auch den Gartenbesitzern wird beim Auftauchen des Schwefelporlings die Freude vergehen. Der Baumtöter beginnt sein Zerstörungswerk gerne an Apfel-, Kirsch-oder Nussbäumen und befällt zudem Weiden, Pappeln und Robinien. Eichen aber sind seine Leibspeise.

Noch so ein Baumtöter macht derzeit Schlagzeilen: Falsches weißes Stengelbecherchen heißt dieser Pilz aus Japan, der so harmlos klingt, seit zehn Jahren aber den Eschen den Garaus macht. Derzeit ist die Krankheit so dramatisch, dass in Bayern rund 60 bis 80 Prozent der Eschen von dem Pilz befallen sind.

Freilich gibt es aber auch wunderschöne Holzdestruenten wie zum Beispiel die extrem seltenen, aber filigranen Stachelbärte, die starkes Totholz brauchen und in unserer Region nur mehr in Naturwaldreservaten wie zum Beispiel bei Pielenhofen oder am Gailenberg im Regental vorkommen.

Noch so ein Juwel ist der nach Rosen duftende Feuerschwamm, der nur an dickem Tannenholz wächst und in Deutschland ausschließlich im Nationalpark Bayerischer Wald vorkommt. Ansonsten gibt es ihn weltweit nur mehr an sieben Standorten, in denen gesicherte Vorkommen bekannt sind. Weitaus häufiger ist da noch die Fencheltramete, die auch was fürs Näschen zu bieten hat. Der Fenchel- oder Anisduft darf dem Pilzfreund aber keinen Appetit machen. Die Tramete lässt sich zu keinem feinen Pilzsüppchen verkochen sondern ist ein zäher Porling, der garantiert absolut bissfest bleibt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht