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Kunst

So kam die Kunst nach Regensburg

Die Galerie Peter Bäumler schließt nach 40 Jahren. Ein Rückblick und ein Resümee zum Wirken eines der wichtigsten Kulturbeweger der Stadt.
Von Helmut Hein, MZ

  • Peter Bäumler (l.) mit Peter Wittmann, dem Künstler der ersten Stunde, beim Abschlussfest vor einigen Wochen im Restaurant Orphée Foto: altrofoto.de
  • Peter Bäumler 1974 in der „Galeria nova“ und ...
  • ...in den 90er Jahren mit dem Jazzbassisten Ray Brown Fotos: Hanske
  • Peter Bäumler vor seiner Galerie in der Oberen Bachgasse Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv
  • Die Galerie Peter B#äumler schließt nach 40 Jahren. Foto: altrofoto.de
  • Peter Bäumler 2004 mit einigen seiner Künstler Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv

Regensburg.Am besten lernt man Menschen vielleicht kennen über die Geschichten, die sie erzählen. Die Geschichte, die Peter Bäumler gern erzählt, im privaten und intimen Kreis, aber auch öffentlich bei der Eröffnung seiner letzten Ausstellung Anfang November, geht so: Bernhard Gajek, sein verehrter Universitätslehrer, längst emeritiert, aber immer noch Stammgast bei Vernissagen, habe einmal gesagt, er, Peter Bäumler sei der Einzige unter seinen Schülern, aus dem etwas geworden sei. „Etwas“ heißt: nicht Lehrer, nicht Beamter.

Peter Bäumlers Mutter sah das einst, in den frühen 70er Jahren, anders. Sie wollte partout, dass ihr Sohn „Professor“ wird. Deshalb wünschte sie sich, so weit kann Mutterliebe gehen, dass er mit seinen „Flausen“, sprich: seinen Galerieplänen scheitert, also pleite geht. Beinahe wäre ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Ein erster Versuch, eine „Boutique“ mit Namen „Atelier Form“, in Kooperation mit Heiner Fritzner betrieben, hinterließ nichts als einen Berg Schulden: 70 000 Mark. Peter Bäumler zog daraus mehrere Lehren fürs Leben. Die wichtigsten: alles allein machen; und: unbedingt seriös sein.

Zusammenarbeit mit Ernst Hilger

Sein Faible für die Kunst war alt, reichte in wilde Studentenzeiten zurück. Theoretisch zermarterte er sich den Kopf über Walter Benjamins legendären „Kunstwerk“-Aufsatz. Praktisch machte er erste Erfahrungen, indem er zusammen mit Ernst Hilger, heute einer der bedeutendsten österreichischen Galeristen, eine „Edition Etudiante“ unters akademische Nachwuchsvolk brachte: Druckgraphik, verlegt für den noch nicht so prall gefüllten Geldbeutel.

Dann der Sprung ins kalte Wasser: die Gründung der „galeria nova“ aus dem Nichts, ohne großes Startkapital, aber mit vielen Ideen und einer unübersehbaren Begabung für den Verkauf. Das ist, in Kunstdingen, eine höchst komplexe Angelegenheit. Da muss man sich, sagt Bäumler, „reindenken“. Man muss den Künstler verstehen und man muss den Kunden verstehen. Und man darf niemanden „über den Tisch ziehen“. Denn so etwas spricht sich rasch herum. „Das ist das Ende“, sagt Bäumler und meint: Die pure Tatsache, dass die Galerie Bäumler, wie sie rasch hieß, vierzig Jahre existierte, ist der schlagende Beweis, dass er, wie es heute heißen würde, „nachhaltig“ arbeitete. Also so, dass er Künstler und Kunden auch noch am nächsten Tag in die Augen sehen konnte.

Ein kleines Kulturzentrum

In den 70er und 80er Jahren, als es noch nicht so viele „Plätze“ in Regensburg gab, war die Galerie so etwas wie ein kleines Kulturzentrum. Es gab Jazz in der Galerie. Joachim Kühn ist nur einer der vielen „big names“. Es wurde rezitiert. Junge Theaterleute mit ihren spinnerten Ideen waren willkommen. Und die Würzburger Puppenspieler, längst legendär, präsentierten ihre Version des „Kleinen Prinzen“. Mit dabei ein gewisser Frankie Barwasser, später als Erwin Pelzig fast allgegenwärtiger Radio- und Fernsehkabarettist und demnächst auch fränkischer Tatortkommissars-Mitarbeiter. Und, noch wichtiger, ein fast lebenslanger Peter-Bäumler-Freund. Einer der vielen besten. Zum zehnjährigen Galerie-Jubiläum führte er im Orphée als Conférencier durchs Programm – mithilfe von selbstgebastelten Rudi-Carrell-Puppen. Man sieht, bei Bäumler kam vieles zusammen.

Wenn man die 313 Ausstellungen der Galerie Bäumler Revue passieren lässt, wird man Zeuge einer „éducation sentimentale“. Am Anfang, als über dem Westen Deutschlands noch das bleierne Figurationsverbot lag, ausgelöst durch das doppelte Pathos-Trauma von Faschismus und DDR-Sozialismus, war er ein Fan der Wiener phantastischen Realisten. Auch wenn er sie schon lange nicht mehr ausstellt, so findet er etwa Ernst Fuchs’ „frühe Sachen“ immer noch exquisit.

Und Rudolf Hausner erscheint in Regensburg noch Jahrzehnte später mitten in einem Anekdotenschwarm. Erst meinte die Sekretärin, nein, wegen ein bisschen Graphik werde der „Herr Professor“ sicher nicht nach Regensburg kommen. Dann erhält der gestresste Peter Bäumler am Vernissentag plötzlich einen grantigen Anruf, warum ihn denn niemand am Bahnhof abhole.

Und dann steht Hausner mitten in der Galerie und verkauft durch direkte Publikumsansprache 26 seiner Arbeiten: nicht nur ein Mal-, sondern auch ein Verkaufsgenie.

Mit der Zeit veränderten sich Bäumlers Vorlieben, wenn auch das Faible für Figuration erkennbar bleibt. Prominent vertreten im Galerieprogramm waren Zeichner und Papierarbeiten (Grützke, Tripp, Horst Janssen). Sicher auch, weil sie in der „Provinz“ verkäuflicher sind als großes, schweres Öl. Julian Schnabel etwa traf Bäumler in New York, sie verstanden sich bestens, aber beide kamen zu der schmerzlichen Einsicht, dass die Preise, die Schnabel fordert, in der Galerie in der Oberen Bachgasse einfach nicht „darstellbar“ sind. Dann lässt man besser die Finger davon, bevor man sie sich verbrennt. Mit anderen wie James Brown verbindet den Galeristen eine langjährige Freundschaft. Das „Geschäft“ ist da immer nur ein, wenn auch wichtiger Teil.

Auch die Spanier hat Bäumler für sich entdeckt, Tapies und andere. Und er konnte im Lauf der Jahre eine attraktive Sammlung von „Retours“ aufbauen. Er schickte „seinen“ Künstlern Einladungskarten zu den diversen Vernissagen und sie schickten sie zurück, nicht nur signiert, sondern auch versehen mit kleinen Zeichnungen und sonstigen Accessoires.

Erfolgsgeschichten mit Freunden

Ein besonderes Kapitel sind Bäumlers Beziehungen zu Regensburger Künstlern. Da war er wählerisch – und treu. Die Freundschaft mit Peter Wittmann ist älter als die „Geschäftsbeziehung“. Sie kommunizierten schon miteinander, bevor es überhaupt eine Galerie gab. Später kam Günther Kempf hinzu. Auch eine Erfolgsgeschichte.

Ein „Showman“ ist Peter Bäumler vielleicht nicht, aber durchaus, wenn man einen anderen großen Zampano, den Ex-Bayern-Trainer van Gaal, zitieren darf, ein „Feierbiest“. Meist hat er es im „Orphée“, seinem Außenbüro, krachen lassen. Aber zum 25. Jahrestag der Galerieeröffnung machte er sich selbst ein besonderes Geschenk: Ray Brown, der große Jazz-Bassist, Ex-Mann von Ella Fitzgerald, langjähriges Mitglied von Oscar Petersons Trio, spielte für ihn im Leeren Beutel. Peter Bäumler: „Meine Karte hat 4000 Mark gekostet und die meiner Frau auch.“ Ein Verlustgeschäft also? Das würde Peter Bäumler so nie sehen.

Wird Peter Bäumler Regensburg fehlen? Er würde dieser Stadt fehlen, wenn er denn einfach so verschwinden würde. In den Ruhestand oder sonst wohin. Aber damit sollte keiner rechnen.

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