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A3-Ausbau
Dienstag, 19. Juni 2018 26° 3

Notfall

A3-Ausbau bereitet Rettern Sorgen

Dauerstau und Unfälle rund um Regensburg könnten zum Problem werden. Ein Notarzt fürchtet Verspätung beim Patienten.
Von Martin Kellermeier

Er fürchtet, dass er nicht – wie gesetzlich vorgeschrieben – innerhalb von zwölf Minuten beim Patienten sein kann: Notarzt Andreas Hüfner. Foto: Martin Kellermeier
Er fürchtet, dass er nicht – wie gesetzlich vorgeschrieben – innerhalb von zwölf Minuten beim Patienten sein kann: Notarzt Andreas Hüfner. Foto: Martin Kellermeier

Regensburg.Große Hände schieben die gelben Postlastwagen und das silberne Matchbox-Auto auf dem Glasplattenschreibtisch in Kirchroth. Notdürftig dient ein Blatt aus dem Block als „Autobahn“ – mit blauen Fahrbahnstreifen. Albert Uttendorfer, Kreisbrandrat des Landkreises Straubing-Bogen, ist mit seinen Miniaturfahrzeugen auf der A3 im Baustellenbereich unterwegs. So stellt er sich das zumindest vor.

Straubings Kreisbrandrat Albert Uttendorfer ist sich sicher: „Wir haben in den nächsten sechs Jahren ein Chaos rund um Regensburg“. Foto: Martin Kellermeier
Straubings Kreisbrandrat Albert Uttendorfer ist sich sicher: „Wir haben in den nächsten sechs Jahren ein Chaos rund um Regensburg“. Foto: Martin Kellermeier

Die Szene beginnt. Der Post-Lkw gibt dem Lastwagen mit dem langen Auflieger, der auf die Autobahn im Baustellenbereich auffahren will, die Lichthupe. „So, dann fährt der raus“, sagt Uttendorfer. Bewegung auf der Spielzeugautobahn. Es wird gebremst. Der Sprinter dahinter erkennt die Situation rechtzeitig und bremst ebenfalls. Nur der DHL-Trucker reagiert zu spät. Auffahrunfall. Der Fahrer hinter dem silbernen BMW kann nichts mehr machen. Er prallt frontal ins Heck des Lastwagens.

„Die A3 wird in den nächsten Jahren zum größten Parkplatz der Republik“

Albert Uttendorfer, Kreisbrandrat des Landkreises Straubing-Bogen

Unfälle, die für Albert Uttendorfer wohl zur Tagesordnung gehören, wenn die A3 zwischen dem Autobahnkreuz Regensburg und der Anschlussstelle Rosenhof auf einer Länge von knapp 15 Kilometern sechsspurig ausgebaut wird. Unfälle, die jedes Mal wieder für extreme Verkehrbehinderungen sorgen werden – mit Rückstaus auf 40 Kilometern Länge. Damit rechnet jedenfalls Kreisbrandrat Uttendorfer: „Die A3 wird in den nächsten Jahren zum größten Parkplatz der Republik!“

Die Autobahn als Rettungsweg

Dauerstau auf der A3. Davor hat auch Notarzt Dr. Andreas Hüfner Respekt. Der Leiter der zentralen Notaufnahme am Regensburger Caritaskrankenhaus rückt regelmäßig aus. Hüfner schätzt, dass er bei bis zu 30 Prozent aller Einsätze über die A3 fährt – meistens nach Barbing oder Neutraubling. Was passiert also, wenn der Dauerstau die schnellste Route auf der Autobahn blockiert? „Die Anfahrtswege zum Patienten werden sich zeitlich verlängern“, sagt Dr. Hüfner. Gesetzlich vorgeschrieben sind in Bayern zwölf Minuten. Dann muss der Arzt am Einsatzort sein. Ob das während der Baustellenzeit bei allen Einsätzen gelingt – für Dr. Hüfner „fraglich“.

„Auf dem Streckenabschnitt wird es leider Tote geben“

Dr. Andreas Hüfner, Notarzt

Daher wäre es für den Arzt wichtig, dass die Leitstelle die Rettungskräfte mit einer „aktiven Navigation“ unterstützt. Kommt es dennoch weiter zu regelmäßigen Verspätungen am Einsatzort, wären zusätzliche Notarztstationen, zum Beispiel in Neutraubling, für Hüfner eine Überlegung wert. Für das BRK wäre das kein Problem. „Wir sind da flexibel“, sagt BRK-Rettungsdienstleiter Sebastian Lange.

Notarzt Dr. Hüfner fürchtet auch, dass die Baustelle – gerade in den Rückstauzonen – zum Unfallmagneten werden könnte. „Die Erfahrung von anderen Baustellen dieser Art zeigt: Auf dem Streckenabschnitt wird es leider Tote geben“, sagt der Mediziner. In der Notaufnahme des Caritaskrankenhauses sei man auf zusätzliche Unglücksopfer – vor allem nach Auffahrunfällen – vorbereitet.

Unsere Karte zeigt, welche Arbeiten an den Autobahnbrücken anstehen:

Baulich wird den Rettern geholfen

Kreisbrandrat Scheuerer sieht Unfallgefahr auf den Umleitungsstrecken. Foto: Martin Kellermeier
Kreisbrandrat Scheuerer sieht Unfallgefahr auf den Umleitungsstrecken. Foto: Martin Kellermeier

Mit einer ähnlichen Entwicklung und steigenden Einsatzzahlen auf der A3 für die Feuerwehr rechnet Wolfgang Scheuerer, Kreisbrandrat des Landkreises Regensburg. Aber: „Für mich ist die Unfallgefahr auf den Umleitungsstrecken höher.“ Diese Straßen seien den Verkehrsteilnehmer weniger geläufig. Eine besondere Vorbereitung auf die Mega-Baustelle und ihre Folgen gibt es bei den Feuerwehren im Landkreis Regensburg nicht. Die Alarmierungspläne bleiben gleich. Baulich wird den Rettern bei der Anfahrt geholfen. Von den Feldwegen aus sollen provisorische Rettungszufahrten auf die Autobahn geschaffen werden, weiß Scheuerer. Der Kreisbrandrat sieht im Unglücksfall neben den Kräften der Berufsfeuerwehr vor allem die Freiwilligen aus Wiesent, Neutraubling, Sinzing und Wörth stark gefordert.

Ralf Amann ist der Kommandant der Feuerwehr Wörth. Foto: Martin Kellermeier
Ralf Amann ist der Kommandant der Feuerwehr Wörth. Foto: Martin Kellermeier

An der Basis ist man angespannt und rechnet mit steigenden Unfallzahlen. „Ich hoffe dennoch auf das Beste“, sagt Ralf Amann, Kommandant der Feuerwehr Wörth. Zur Vorbereitung auf schwerere Unfälle haben sich die Wörther Rettungskarten auf einen Laptop gespielt. Diese zeigen den Feuerwehrkräften im Ernstfall, wo sie an einem Auto zum Beispiel gefahrlos die Rettungsschere einsetzen können.

Blitzer und Abstandsmesser

So weit soll es aber erst gar nicht kommen. Straubings Kreisbrandrat Uttendorfer hat sich Gedanken gemacht. Er fordert auf der A3 ein Verkehrsleitsystem von Straubing bis Rosenhof. Dieses „Werkzeug für den Verkehr“ kann laut Uttendorfer aktiv in den Fahrzeugfluss eingreifen, zum Beispiel mit Geschwindigkeitslimits und Überholverboten.

Lesen Sie zum Thema auch einen Kommentar unserer Redakteurin Marion Koller:

Kommentar

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Das Ziel des Kreisbrandrats: Der Verkehr würde mit diesem System „beruhigt an der Baustelle ankommen“. Damit sich jeder Fahrer an die Beschränkungen und Verbote hält, will Uttendorfer das Verkehrsleitsystem mit Blitzern und Abstandsmessern ausgestattet sehen. „Das muss richtig wehtun“, sagt Uttendorfer. Nur mit einer engmaschigen Überwachung habe man die Chance, dass der Verkehr läuft. Fest steht: Die Polizei wird verstärkt im Baustellenbereich kontrollieren.

„Das hat für viele eine Hallo-Wach-Wirkung, wenn ich mit Blaulicht und Martinshorn durchfahre“

Georg Fuhrmann, Mitglied der BRK-Motorradstreife

Kopfzerbrechen bereitet allen Einsatzkräften die Rettungsgasse. Georg Fuhrmann, Rettungspilot und Mitglied der Motorradstreife des BRK, kennt das Problem. Mit seinem Einsatzbike kommt er manchmal im Notfall als Einziger durch den Stau. „Das hat für viele eine Hallo-Wach-Wirkung, wenn ich mit Blaulicht und Martinshorn durchfahre“, sagt Fuhrmann.

Dabei wäre es so leicht. Ganz links und ganz rechts fahren. In Kirchroth bringt Albert Uttendorfer seine Spielzeugautos in Position. Nächste Szene: die richtige Rettungsgasse.

Das MZ-Spezial zum A3-Ausbau:

Wo müssen Pendler aktuell mehr Zeit einplanen? Auf www.mittelbayerische.de/a3 informieren wir über die aktuelle Verkehrslage auf der A3 und in der gesamten MZ-Region sowie über die Bauarbeiten auf der Mega-Baustelle.

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