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A3-Ausbau
Sonntag, 23. September 2018 24° 7

Verkehr

A3: Vier Brücken sind nur noch Brocken

Die nächtlichen Abrissarbeiten liefen wie geplant. Seit Sonntag, 14 Uhr, rollt der Verkehr auf der Autobahn wieder.
Von Marianne Sperb, MZ

Mehrere Bagger arbeiteten gleichzeitig am Abriss der Brücke an der Markomannenstraße. Foto: Stefan Gruber
Mehrere Bagger arbeiteten gleichzeitig am Abriss der Brücke an der Markomannenstraße. Foto: Stefan Gruber

Regensburg.Wööömmm! Tacktacktacktacktack! Boppoppoppboppboppbopp! Laut wie ein überdimensionierter Presslufthammer dröhnt und hämmert der Baustellenlärm durch die Nacht. An der Markomannenstraße im Regensburger Osten beißen und bohren vier monströse Zangenbagger und ein Bohrhammer an der Brücke, die hier über die Autobahn A3 führt – führte, muss man sagen. Seit Sonntag, 0.30 Uhr, ist der Betonbau Geschichte.

Die Brücke Markomannenstraße: Sie ist Geschichte. Foto: Gruber
Die Brücke Markomannenstraße: Sie ist Geschichte. Foto: Gruber

Die Brücke ist eines von vier autobahnquerenden Bauwerken, die in dieser Nacht in Stücke gerissen werden. Auch an der Eisackerstraße, am Umspannwerk Neutraubling und an der Überführung Oberheising-Unterheisung verrichten monströse Maschinen bei Flutlicht und eingehüllt in gewaltigen Staubwolken ihr Werk. Wie eine Szene aus Jurassic Park 4.0 wirkt es, als die Kraftprotze ihren Vernichtungsauftrag abarbeiten, präzise und gewissermaßen unerbittlich.

Die A3 wird sechs Jahre lang, bis 2024, auf rund 15 Kilometern Länge von vier auf sechs Spuren verbreitert. Das bedeutet: oft, sehr oft nur noch Stop-and-go auf einer der wichtigsten deutschen Autobahnen und, in der Folge, Verkehrskollaps auch im Regensburger Stadtgebiet. Seit Mitte März laufen die Arbeiten an der A3. Einen Tag nach dem symbolischen Spatenstich mit Andreas Scheuer und Ilse Aigner, den Verkehrsministern aus Berlin und München, folgt in der Nacht zu Sonntag ein erster Härtetest. Eine der größten Einzelbaumaßnahmen des Mammutprojekts wird umgesetzt, komprimiert auf nicht einmal 18 Stunden.

Das Spektakel lockte viele Zuschauer an. Foto: Fischer
Das Spektakel lockte viele Zuschauer an. Foto: Fischer

An der Markomannenstraße hat die Autobahndirektion Südbayern eine Zuschauerplattform geschottert. Dutzende Interessierte drängen sich am Samstag ab 20 Uhr am Gitterzaun und beobachten vom Logenplatz aus fasziniert den bizarren Tanz der Maschinen. Zwei befreundete Paare haben sich für ihre Campingstühle Plätze in der ersten Reihe gesichert. Bei einer Pizza gönnen sie sich einen Baustellenabend. „Es ist einfach spannend, sich das anzuschauen“, sagt Stefanie Zenger, eine aus der Clique. Die 19-jährige Arzthelferin hat gegen 21 Uhr auf der Plattform Position bezogen und schaut auch nach zwei Stunden noch gebannt auf die grell ausgeleuchtete Baustelle.

Drohnenvideos der Arbeiten an der A3

So werden Autobahnbrücken zu Krümeln – das Spektakel lockte einige Schaulustige an. Video: Auer/Baumgarten

Simone Hrych und Carsten Zirngibl beobachten den Abbruch mit bewegtem Herzen, mit einem Hauch von Nostalgie. „Über diese Brücke sind wir immer gefahren, um uns zu besuchen.“ Carsten wohnte noch in Kelheim, Simone in Regensburg. Heute brauchen die beiden die Brücke nicht mehr für ihr Glück: Das Paar wohnt inzwischen in der Konradsiedlung – gemeinsam. Die beiden Regensburger können sich kaum sattsehen an dem Spektakel. „Wir sagen schon die ganze Zeit: Jetzt gehen wir. Aber dann bleiben wir doch.“

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Christoph und Simone können den Abbruch entspannt nehmen. Tausenden Anwohnern, Pendlern, Landwirten und Fahrradausflüglern aber werden die vier Brücken für mehr als ein halbes Jahr lang fehlen. Im November 2018 sollen die Ersatzbrücken stehen.

„Alles im Zeitplan. Es läuft gut“, sagt Josef Seebacher, Sprecher der Autobahndirektion Südbayern, am provisorischen Info-Pavillon gegen 23 Uhr. Da ist die Autobahn A3 zwischen den Anschlussstellen Regensburg-Universität und Rosenhof schon seit drei Stunden komplett abgeriegelt. Um die Fahrbahn vor Beschädigungen durch herabpolternde Betonteile und durch die scharfkantigen Ketten der Baumaschinen zu schützen, wird die A3 zunächst gepolstert, mit sogenannten Baggermatratzen. Im Fall der Markomannenbrücke bestehen sie aus dicken Holzpaletten. Dann beginnen die Abbruchmaschinen ihre spektakuläre Choreografie. Von oben perforiert ein Bohrhammer mit seinem Stahlstachel die Brücke, von unten greifen die Zangenbagger an. Wie futuristische Dinosaurier reißen sie ihre Kiefer ein, zwei Meter weit auf, schlagen die Zähne in den Brückenkörper und reißen ihn in Stücke.

Die Überführung Markomannenstraße fällt. Foto: Gruber
Die Überführung Markomannenstraße fällt. Foto: Gruber

Die vier Männer, die in den Kabinen der Caterpillars sitzen, und ihr Kollege, der oben auf der Brücke den Bohrstachel wieder und wieder in der Betondecke versenkt, arbeiten zusammen wie ein Uhrwerk, wie eine eingespielte Gang, die schon viele gemeinsame Coups bestanden hat. Eine Zange schnappt sich ein Mittelstück, eine zweite schiebt nach, eine dritte macht sich über den nächsten Abschnitt her, eine vierte beißt sich von der Seite zu der Lücke durch, während der Bohrer den Beton von oben lockert und löchert wie einen Schweizer Käse und dabei, ganz langsam, Stück für Stück zurückrollt Richtung Markomannenstraße, um den Sicherheitsabstand zur Abbruchkante zu wahren.

Bewegen Sie den Regler zwischen den Bildern und sehen Sie die Entwicklung an der Brücke an der Markomannenstraße. Fotos: Stefan Gruber

Die 50 Tonnen schweren Kolosse bewegen ihre zehn, 15 Meter langen Arme geschmeidig und zielstrebig und haben schon ungefähr die Hälfte der Markomannenbrücke zerbröselt, als das Team für zehn Minuten Pause macht – nach zweieinhalb Stunden hochkonzentrierter Arbeit. „Man muss sich das schon anspruchsvoll vorstellen. Durch die Staubwolken sehen die Baggerführer die Abbruchflächen nur unscharf, gleichzeitig müssen sie die übrigen Greifarme im Auge behalten“, erklärt Christoph Graebel von der Kommunikationsagentur Neuland Quartier, die den A3-Ausbau begleitet. „Das geht nur, weil die Männer die ganze Szene in ihrem Kopf abgespeichert haben und visualisieren können“, schiebt der Sprecher nach und hat einen guten Vergleich parat: „Das ist ein wenig so, als wenn Sie daheim in Ihre enge Garage einparken, und andere sagen: Wow! Toll gemacht! Sie können das eben, weil Sie die Abmessungen kennen.“

Sehen Sie hier eine Bilderstrecke von dem nächtlichen Spektakel

Ausbau der A3: Die Bilder vom Brückenabriss

Das Wetter passt. „Ideal!“, sagt ein Baggerführer. Als Beobachter würde man vermuten, leichter Regen wäre ein perfektes Setting, weil die Feuchtigkeit die Staubwolken binden könnte. Tatsächlich, erklärt ein Profi, ist es aber so, dass bei Nieselregen die Staubschicht auf den Fensterscheiben der Caterpillars verschmieren und verkleben würde. Das Hämmern und Wummern lässt sich auf der Besucherplattform überraschend gut aushalten. Das liegt an der inneren Einstellung, erklärt Christoph Graebel. „Wenn Sie auf Lärm gefasst sind, kommt er ihnen weniger laut vor. Ein Anwohner, der nicht weiß, woher der Lärm kommt, wird ihn vergleichsweise stärker erleben.“

„Wenn Sie auf Lärm gefasst sind, kommt er ihnen weniger laut vor. Ein Anwohner, der nicht weiß, woher der Lärm kommt, wird ihn vergleichsweise stärker erleben.“

Christoph Graebel

Die Autobahndirektion hat für die vier Brücken verschiedene Unternehmen engagiert. An der Markomannenbrücke ist das Team von „Max Wild – Profis ohne Grenzen“ zugange. Die Baden-Württemberger gelten sozusagen als der FC Bayern München unter den Brückenbezwingern. Ein paar Mitarbeiter sind schon am frühen Samstagnachmittag vor Ort, checken die Lage und erzählen auf Nachfrage ein bisschen. „So ein Bagger hat vielleicht 500 PS“, beschreiben sie die Kräfte, die hier walten. Das Schlimmste wäre, wenn eine Maschine ausfiele. Deshalb stehen, an allen vier Brücken übrigens, Reservebagger bereit, außerdem Transporter mit Ersatz für die Hochleistungshydraulikschläuche an Bord. Ersatzteile und ein Werkstattteam erst im Notfall anzufordern, würde mehrere Stunden Zeit kosten – Zeit, die die Autobahndirektion nicht hat. Die Uhr tickt. Am Sonntagnachmittag rollt der Fernpendlerverkehr an. Bis dahin muss die Trasse, die am Tag im Schnitt 67 000 Fahrzeuge passieren, wieder frei sein.

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Ein Geschwader von 19 Abbruchbaggern, elf Radladern, Radbaggern und Raupenfahrzeugen, 13 Lastwagen und Kehrmaschinen ist in dieser Nacht an den vier Brücken am Werk. Die Überführung bei Oberheising ist die erste der vier, die sich, zehn Minuten vor Mitternacht, den Baggerscheren ergibt. Das Team, das im Auftrag der Strabag dort arbeitet, hatte es zu seinem Ehrgeiz erklärt, als erstes die Ziellinie zu erreichen. Um 0.30 Uhr reißen auch an der Markomannenbrücke die letzten Stahlträger und der Überbau krachen auf die Autobahn. Immer noch harren Dutzende Zuschauer auf der Plattform aus – fröstelnd, bei neun Grad, aber zu fasziniert, um ihren Ausguck zu verlassen. Stand 1.10 Uhr: Drei Brücken sind abgerissen; nur die landwirtschaftlich genutzte Überführung am Umspannwerk Neutraubling hält noch stand. Um zwei Uhr haben die Bagger ihr Vernichtungswerk vollendet. Außer Brocken und Bröseln ist von den Brücken nichts mehr übrig.

Um 2 Uhr sind alle vier Brücken platt. Der erste Abschnitt der nächtlichen Arbeiten geschafft. Jetzt müssen knapp 6000 Tonnen Beton und mehr als 200 Tonnen Stahl so schnell wie möglich auf Lkw geladen und abtransportiert werden, damit Kehrmaschinen die Fahrbahn säubern und dann die A3 wieder freigegeben werden kann. Im „Ohrwaschel“ von Autobahnauffahrten sind provisorische Lagerplätze eingerichtet, um im Hin und Her der Lkw Fahrzeit zu sparen. Der Großteil des Abbruchmaterials wird recycelt; die Brocken werden zum Beispiel Teil einer anderen, neuen Brücke.

Hier sehen Sie die Umleitungsstrecke für den Regionalen Verkehr:

Die Autobahndirektion nutzt die Vollsperre, um die nächsten A3-Arbeiten vorzubereiten. Ab Montag wechseln die beiden nördlichen Spuren der Bahnbrücke Burgweinting Richtung Nürnberg auf die Südseite Richtung Passau. Die Zusammenlegung der vier Spuren macht den Weg frei, um dort den auf vier Jahre angesetzten Brückenneubau vorzubereiten.

Die Verkehrslage bleibt in dieser Nacht, trotz Vollsperre der A3, ruhig, die wenigen Autos, die unterwegs sind, rollen störungsfrei durch die Stadt. „Großes Lob an die Regensburger. Sie haben sich offenbar auf die Lage eingestellt“, sagt Christoph Graebel. An der Markomannenstraße parken ungewöhnlich viele Autos, in einem Zelt des Technischen Hilfswerks steht Kaffee für die Nachtschicht bereit, aber das bleiben die einzigen Auffälligkeiten. Für Sonntag allerdings erwarten die Profis Behinderungen. Der anschwellende Fahrzeugstrom werde zu Verzögerungen führen. „Ab 9 Uhr merkt man dann jede Stunde“, sagt Josef Seebacher. „Dann wird’s eng.“

Alle Hintergründe, aktuellen Infos, Bilder und Videos zum Ausbau der A3 finden Sie in unserem Special. Dort finden Sie auch einen Verkehrsticker.

Seebacher behält recht. Ab 9 Uhr wachsen die Autokolonnen im Osten von Regensburg. Die Autobahndirektion leitet den regionalen Verkehr über die Staatsstraße 2660 (ehemals B8), den Odessa-Ring und die Landshuter Straße um. Ab Neutraubling geht am Sonntagvormittag nichts mehr. Der Verkehrsfluss wird zäh und zäher, bald geht ab Neutraubling kaum noch etwas, im Stadtosten, an der Bajuwarenstraße etwa, nichts mehr.

Kurz vor 14 Uhr ist die Autobahn freigeräumt und frisch gekehrt. Der Verkehr rollt wieder. Ein Anwohner sagt ironisch: „Endlich haben wir unsere gewohnte Geräuschkulisse wieder.“

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In unserem NewsBlog berichten wir von der Baustelle auf der A3. Hier können Sie die Ereignisse der Nacht noch einmal erleben:

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