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Bewährungsstrafe für Baumer-Verlobten

Das Landgericht Regensburg verurteilt den Krankenpfleger zu zwei Jahren wegen Kindesmissbrauchs und Körperverletzung.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Der Krankenpfleger wurde zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Foto: Stöcker-Gietl
Der Krankenpfleger wurde zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Foto: Stöcker-Gietl

Regensburg.Dass es noch eine Überraschung im Verfahren gegen den ehemaligen Verlobten von Maria Baumer geben könnte, damit war am vierten Prozesstag nicht mehr zu rechnen. Das Gericht würde im Rahmen der bereits getroffenen Vereinbarung eine Bewährungsstrafe verhängen und damit den eingeräumten Missbrauch an zwei Schülern des Domspatzengymnasiums sowie die vorsätzliche Körperverletzung an einer ehemaligen Patientin des Bezirksklinikums Regensburg ahnden. Doch an diesem letzten Prozesstag wurde Staatsanwältin Dr. Christine Müller deutlich. Sie halte den Angeklagten weiterhin aufgrund seiner Persönlichkeit für „eine Gefahr für andere“ und sprach sich dafür aus, dass er sich einer Sexualtherapie unterziehen sollte. Im Anschluss kam es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Anklage, Nebenklage und Verteidigung, bevor das Gericht am Nachmittag das Urteil fällte: Christian F. wurde zu einer Strafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt – nach Erwachsenenstrafrecht und ohne die Auflage für eine Therapie. Eine solche Anordnung habe kaum Erfolgsaussichten, sagte Vorsitzender Richter Carl Pfeiffer. Verhängt wurde allerdings ein Kontaktverbot zu den Opfern.

Verteidiger spricht von „Pranger“

Der Gerichtssaal 104 am Landgericht Regensburg war am Donnerstag noch einmal proppenvoll. Noch einmal musste der Angeklagte Foto und Videoaufnahmen über sich ergehen lassen. Noch einmal musste er den Opfern und ihren Angehörigen in die Augen schauen. Der „Pranger“, wie es sein Verteidiger Michael Haizmann in seinem Plädoyer nannte, würde in Kürze vorbei sein. Aber nicht die öffentliche Aufmerksamkeit an dem 32-jährigen Krankenpfleger. Dafür würden auch die Medien sorgen, wie der Verteidiger mit Blick in Richtung der Zuschauerreihen anmerkte. „Weil der Geist der Maria Baumer über diesem Verfahren schwebt.“ Dann wandte er sich sogar direkt an die Eltern und Angehörigen der unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen ehemaligen Verlobten des Angeklagten: „Sie erhoffen sich hier Antworten, aber da muss ich Sie enttäuschen.“ Christian F. schwieg und schaute zu Boden.

Die Staatsanwältin hatte zuvor betont, dass vor der Jugendkammer unter dem Vorsitz von Richter Carl Pfeiffer kein „Stellvertreterprozess im Fall Maria Baumer“ geführt worden sei. Es gebe lediglich den Umstand, dass die angeklagten Taten im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Tod der jungen Frau aus Muschenried entdeckt worden seien. In ihrem Plädoyer erläuterte die Anklagevertreterin, warum sie im Rahmen eines Rechtsgesprächs einer Vereinbarung über das Strafmaß zugestimmt habe. „Ich möchte betonen, dass es sich hier nicht um einen faulen Kompromiss handelt.“ Ohne ein Geständnis des Angeklagten hätten die drei Opfer ausführlich vernommen werden müssen. Das Opfer U. hätte sich das vom Angeklagten gedrehte Videomaterial nochmals ansehen müssen, die Patientin, der der Krankenpfleger ein Beruhigungsmedikament in den Tee mischte, und die bis heute schwer unter der Tat leidet, hätte nochmals ausführlich Stellung nehmen müssen. „Ich weiß nicht, ob sie das ertragen hätte.“ Unter diesen Aspekten sei ein Geständnis des Angeklagten sehr viel wert gewesen und rechtfertige auch eine Verständigung. Müller sagte auch, dass aus Sicht der Anklagebehörde das Geständnis als glaubhaft zu werten sei.

Dies betonte auch die Jugendstrafkammer in ihrem Urteil. „Der Angeklagte hat durch sein opferschonendes Prozessverhalten den Opfern die Aussagen zum Kernbereich der Vorwürfe erspart. Er hat auch Dinge eingeräumt, das man ihm möglicherweise nicht hätte nachweisen können. Das muss auch honoriert werden, das muss etwas wert sein“, sagte der Vorsitzende Richter.

Drittes Opfer sagt aus

Zu Beginn des letzten Prozesstages war das erste Opfer von Christian F. in den Zeugenstand gerufen worden. Der heute 25-jährige Mann aus Niederbayern wirkte sichtlich nervös und angespannt. Als er Christian F. in der Sendung „Aktenzeichen xy“ gesehen habe, als dieser nach seiner damals vermissten Verlobten suchte, sei in ihm das Erlebte wieder hochgekommen, sagte er. Ein halbes Jahr später habe sich die Polizei bei ihm gemeldet und ihn intensiv befragt, seitdem bereite ihm das Ereignis psychische Probleme. Der ehemalige Schüler des Domspatzengymnasiums war elf oder zwölf Jahre alt, als der Angeklagte sich ihm sexuell näherte. Dabei berührte er den schlafenden Jungen an seinem Glied. Als dieser aufwachte, zog er seine Hand zurück. Der 25-Jährige macht inzwischen eine Psychotherapie und nimmt Antidepressiva, wie er dem Gericht sagte.

Allen Opfern, so hob die Anklage hervor, habe sich der Krankenpfleger genähert, indem er zunächst Vertrauen zu den Opfern und deren Familien aufbaute. „Das Vertrauen hat er auf das Mieseste missbraucht“, sagte Müller. Sie wertete dies als strafverschärfend, weil F. mit hoher krimineller Energie vorgegangen sei. Verteidiger Michael Euler entgegnete dem: „Dieses Verhalten ist moralisch verwerflich, aber es ist kein Straftatbestand.“

Überhaupt reagierte die Verteidigung empört auf den unerwarteten Vorstoß der Anklägerin, Christian F. eine Sexualtherapie aufzuerlegen. Die Problematik seiner Taten sei in Gesprächen mit dem Mandanten geklärt worden. Man sehe keine Veranlassung, dass eine Sexualtherapie bei Christian F. notwendig sei, erklärte Euler.

Kommentar

Zu seinen Gunsten

Das Urteil des Landgerichts Regensburg sorgt für Diskussionsstoff. Sexueller Missbrauch an zwei schlafenden Buben, ein Übergriff mit einem Beruhigungsmedikament...

Zu einem Rundumschlag setzte Verteidiger Michael Haizmann an, der davon sprach, dass er so einen Prozess in 30 Jahren als Anwalt nicht erlebt hätte. „Hier passieren Dinge, die ins Mittelalter gehören.“ Der Angeklagte habe Schuld auf sich geladen, aber er sei trotzdem noch ein Mensch. „Aber die Meute kocht, das Internet hetzt, anonyme Zuschriften gehen ein, auch bei mir. Ich bekommte Zuschriften, wie ich so jemanden verteidigen kann“, schimpfte Haizmann. Der Jugendstrafkammer attestierte der Verteidiger eine sehr gute Arbeit. „Sie haben sich sachlich damit auseinandergesetzt.“ Haizmann und Euler forderten eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Die drei Nebenkläger schlossen sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an. Anwalt Stephan Meier, der die junge Frau vertritt, sagte: „Dass der Angeklagte ein sexuelles Problem hat, sollte die Verhandlung gezeigt haben.“ Das Gericht widersprach dem nicht, führte aber aus, dass hierfür eine ausführliche psychiatrische Begutachtung des Angeklagten notwendig gewesen wäre. Christian F. hatte einer solchen Untersuchung nicht zugestimmt.

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