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Inklusion

Aus Chaos wächst ein traumhaftes Gebilde

Eine Gruppe von Schauspielern mit und ohne Behinderung arbeitet in Regensburg an einem inklusiven Theaterstück. Sie baut „Eine Brücke der Begegnung“.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Jubel zum Schluss einer spannenden Probe: Der erste komplette Durchlauf des von Lisa Fink (l. in roter Jacke) initiierten inklusiven Theaterstücks „Die Brücke der Begegnung“ hat geklappt. Foto: Wiedamann
  • Florian Glaser streicht liebevoll die Steine für die Brücke.Foto: Wiedamann
  • Zwei Studierende der OTH Regensburg üben mit dem Herzbuben (Tim Schneider) noch einmal seinen Text.Foto: Wiedamann
  • Der Bürgermeister (Klaus Klein, r.) begrüßt die Ehrengäste.Foto: Wiedamann
  • Regisseurin Ruth Wahl bei der Probe Foto: Wiedamann
  • Lisa Fink verfolgt gespannt die Probenarbeit. Die Initiatorin des Projekts wirkt in einer kleinen Rolle selbst mit. Foto: Wiedamann

Regensburg.Im Theatersaal des Mehrgenerationenhauses ist der Teufel los. Knapp 30 Darsteller proben hier mit ihren Helfern und dem Regieteam ein ganz besonderes Drama: „Die Brücke der Begegnung“, ein inklusives Theaterstück. Menschen mit und ohne Behinderung erarbeiten gemeinsam diese szenische Geschichte.

Der Geräuschpegel ist gewaltig und es wimmelt wie in einem Bienenhaus. In jedem Eck des Raumes üben Kleingruppen ihre Szenen oder fragen sich gegenseitig ihren Text ab. Renate Neckermann hat gerade mit „Baustellenchefin“ Marina Siebert die Dialoge angeschaut – und die Hupe ausprobiert. Aufgrund einer starken körperlichen Einschränkung (spastische Cerebralparese) steht nahezu der ganze Körper von Marina Siebert unter ständiger Anspannung und ist verkrampft, was sich auch auf ihre Sprache auswirkt. Deshalb macht sich die Rollstuhlfahrerin, bevor sie spricht, lautstark mit einer Hupe bemerkbar. Das Bedienen der Tröte erfordert ihre gesamte Konzentration.

„Jongleur“ Simon Schmucker von der Katholischen Jugendstelle Regensburg-Land gibt derweilen dem Herzbuben Tipps, wie er die Äpfel und Orangen am Besten in seinem Hut verstaut. Doch Herzbube Tim Schneider greift sich den roten Deckel, setzt ihn sich auf den Kopf, als wäre er Michael Jackson, dreht blitzschnell eine Pirouette wie der King of Pop persönlich und grinst dann gut gelaunt Schmucker an. Im Hintergrund werden eifrig Styropor-Quader bunt bemalt. Das stinkt, aber die Mitglieder der Theatertruppe lassen sich davon nicht beirren.

Plötzlich tönt die Stimme von Regisseurin Ruth Wahl durch den Raum: „Alle, die nicht dran sind, kommen jetzt bitte zur Ruhe. Wir können nämlich sonst nicht arbeiten. Jetzt geht es um die Wurst!“, betont die Theaterpädagogin und wedelt mit ein paar Papierblättern. Der erste Durchlauf des Stücks steht bevor.

Spaß am Spiel ist entscheidend

Seit September vergangenen Jahres arbeitet die Gruppe an dem Stück. Doch nun wird es ernst. Die Auftrittstermine stehen fest. Das inklusive Theaterprojekt darf beim Katholikentag die Caritasbühne auf dem Neupfarrplatz eröffnen und wird dann bei dem großen Glaubensfest noch zwei weitere Male gezeigt. Bis zur Premiere ist nicht mehr viel Zeit, doch von Nervosität ist nichts zu spüren.

Bei den Darstellern überwiegt sichtlich der Spaß am Spiel. Und auch Ruth Wahl, für die es das erste inklusive Theaterprojekt ist, die aber schon Workshops am Pater-Rupert-Mayer-Zentrum betreut hat, freut sich: „Manche Dinge brauchen noch Zeit. Aber dieses Stück wird ohnehin davon leben, wie jeder ist – in seiner Art.“ Der Ablauf sei weniger wichtig, „denn viele können sich das nicht merken.“ Dafür zählt die Kreativität der Mitspieler.

Die Theaterarbeit mit einer inklusiven Gruppe ist anders, hat Wahl erfahren. „Es ist toll, wie sich jeder mit seinen Ideen einbringt.“ Die Menschen der Gruppe seien sehr offen und herzlich. Wünsche werden oft sehr klar geäußert, sagt Wahl, sind aber dafür häufig nicht so stabil. Sie habe bei diesem Projekt gelernt, dass sie zwar mit einer Vorstellung und einem roten Faden zur Probe kommt, „aber wo der Weg lang geht, das kann ich nicht sagen. Das ist wie im Leben!“ Sie hofft, dass sich bei den Aufführungen jeder so sicher fühlen wird, dass er freudig spielen kann, und dass das Stück so zusammenwächst, dass es trägt.

Wie eine Dirigentin lotst Ruth Wahl ihre Akteure durch die Handlung, die Lisa Fink sich ausgedacht hat. Die Mitarbeiterin der Caritas hatte die Idee zu dem Projekt aus ihrem Erfahrungshintergrund heraus. Sie ist selbst auf den Rollstuhl angewiesen. Verstärkt wurde ihre Initiative durch ihre Mitarbeit im Inklusionszirkel. Sie suchte Mitstreiter und Unterstützer, schrieb ein Skript und ist nun als Projektleiterin und in der kleinen Rolle als „verrückte Frau“ mit von der Partie.

„Meine Idee war, das Motto des Katholikentags aufzugreifen und zu versuchen, eine Brücke der Begegnung zu bauen.“ Doch wie das Leben so spielt: In ihrem Stück trägt die von Fachleuten konzipierte, angeblich perfekte Brücke nicht – und stürzt ein. Gerade noch hatte Klaus Klein, der OBA-Jugendtreffleiter, dessen Theatergruppe ein Gros des Ensembles für dieses Projekt stellt, in der Rolle des Bürgermeisters Ehrengäste zur feierlichen Eröffnung der Brücke begrüßt, da purzeln die Steine – und bei der Probe zwei Darsteller gleich noch mit.

Durch den Krach angelockt, kommt es zu einem Auflauf an Leuten, die sich annähern, reden, gemeinsame Aktionen planen: Menschen mit und ohne Behinderung. Ein Paar wird zum Liebespaar. Und schließlich fangen alle an, sich aus dem Chaos heraus ihr eigenes Gebilde zu errichten: ihre Brücke der Begegnung. Ruth Wahl verfolgt das Spiel gespannt, lässt einzelne Szenen wiederholen, geht liebevoll auf Änderungswünsche ein, arrangiert geduldig um, wohl wissend, dass die Performance bei jeder Probe, bei jedem Auftritt neu sein wird.

Unterstützt von Aktion Mensch

Mit dabei sind etliche ehrenamtliche Helfer, die einzelne Darsteller unterstützen, überall mit zulangen, beim Auf- und Abbau helfen. Sandra Münchow, der Theaterprofi, hat der Gruppe die Bühne eingerichtet und Kostüme kreiert und ist bei der Probe dabei. Dass Profis für das Projekt verpflichtet werden konnten und die Truppe in Kostümen auftreten kann, sei der Aktion Mensch zu danken und auch Thomas Kammerl von Regensburg inklusiv, der bei der Organisation Fördergelder beantragte. Auch regionale Sponsoren unterstützen das Projekt.

Für Lisa Fink, die Beratungen für Pränataldiagnostik anbietet und deshalb oft mit der Frage konfrontiert ist, ob Eltern ein behindertes Kind bekommen werden oder nicht, ist das Thema Behinderung eines, mit dem sich die Gesellschaft stärker befassen muss. „Im Grunde wissen auch die engsten Kollegen nicht, was es heißt, behindert zu sein. Durch das Theaterprojekt können wir andere ein wenig in unser Leben mitnehmen. Theater ist eine gute Möglichkeit, das Thema inklusiv zu vermitteln. Es braucht Gesichter und Geschichten dazu, den Zuschauer zu berühren, ihn zum Nachdenken zu bringen.“ „Es ist schon interessant, wenn man mitkriegt, was alles Barriere sein kann,“ bestätigt Regieassistentin Renate Neckermann.

Lisa Fink ist von den Darstellern begeistert: Dass Menschen mit Behinderung lieber als Menschen mit besonderer Begabung bezeichnet werden wollen, dies kann sie angesichts all der tollen Talente nur unterschreiben. „Ich glaube, dass jede Aufführung anders wird. Aber das Stück ist so konzipiert, dass dies auch sein kann. Wir wollen nicht das perfekte Stück, sondern alle Akteure sollen ihren Spaß haben.“

Dass das so ist, dafür spricht nicht nur der Jubel am Ende der Probe, sondern das zeigen auch die strahlenden Gesichter: „Die Probe war super, hat Spaß gemacht“, schwärmt Tobias Kessel. Auch Ulrike Märzhauser ist zufrieden: „Ich fand das diesmal zwar ein bisschen chaotisch“, lacht sie. „Aber das hat den Spaß nicht gemindert.“

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