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Katholikentag

Das Leben ist ein langer, bewegter Fluss

Petra Morsbach und ihr Schriftstellerkollege Arnold Stadler sprachen bei einer Schifffahrt auf der Donau über ihre Bücher und ihre Gedankenwelten.
Von Gabriele Mayer, MZ

Arnold Stadler las unter anderem aus „Die Menschen lügen. Alle. Und andere Psalmen“. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Die meisten literarischen Veranstaltungen des Katholikentags fanden auf der MS Fürstin Gloria statt. Das Schiff ist ein vieldeutiges Symbol, man befindet sich auf schwankendem Grund. Bei den Lesungen ging es denn auch nicht nur um die handfesten Dinge, sondern um die Gefährdungen und Hoffnungen in allen unseren Tagen. Und um das, was diesen Alltag imaginativ trägt, umfängt und beseelt.

Am Freitagnachmittag las Jean-Paul-Preisträgerin Petra Morsbach aus ihrem Roman „Gottesdiener“, über einen Pfarrer in einem niederbayrischen Dorf, aus dem die Kargheit ein wenig gewichen und in das durch den Tourismus auch moderne Weltbezogenheit und Geschäftsgebaren gekommen sind. „Niederbayern ist ein wunderbares Land und kommt in der Literatur nicht so oft vor“, erklärte sie. Ihren Roman über die Lebens-, Arbeits- und Glaubensgeschichte des Pfarrers Isidor Rattenhuber könnte man heute als literarisches Standardwerk zum Thema bezeichnen. Sehr lang habe sie recherchiert, zahlreiche Geistliche befragt und keiner habe Einspruch gegen die Sachhaltigkeit des Romans erhoben, sagte die Starnberger Autorin und Regisseurin, die derzeit mit Regensburgern einen Film über Adalbert Stifter dreht. Dem Publikum, das viele interessante Fragen stellte, kamen beim Hören oft Lacher aus, weniger weil die Geschichte so spaßig ist – komisch vielleicht, das schon –, sondern weil die Autorin in ihrer lakonischen Art den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

Die Amtskirche sträubte sich anfangs

Zunächst sei der Roman von der Amtskirche übergangen worden, er sollte zuerst auch nicht von katholischen Bibliotheken erworben werden, sagte Morsbach. Dabei ist Isidor so fromm. Jedem Kapitel hat Morsbach einen Vers aus dem Neuen Testament vorangestellt: den Romantext verstärkend bzw. konterkarierend. Es geht um religiöse Ideale, um pastorale Pflichten, um die eigenen Bedürfnisse Isidors und um ihre Abnutzung im Alltag und mit den Jahren. Es geht um den Idealismus, von dem der Pfarrer bewegt ist und der gemessen wird an der Wirklichkeit. Beides bedingt einander in diesem Roman, „beides zusammen ergibt das Bild“, sagt die Autorin. Das Buch ist mit seinen vielen Episoden und Figuren auch ein Text über die conditio humana, die Verfasstheit der Menschen in ihrem Gehäus’, über Ehrgeiz und Konkurrenz, Einsamkeit, Schuldgefühle, Liebe, Frömmigkeit und Kollegialität. Es geht um Leid und Not, worin der Mensch oft gefangen ist. Sehr genau hat Petra Morsbach hingeschaut. Tiefe, durchdringende Einsichten teilen die Sätze mit, die man leicht auch mal überliest, weil sie so unprätentiös sind – aber umso nachhaltiger wirken.

Das Erbarmen kommt aus der Theologie

Am Samstagabend fuhr das vollbesetzte Schiff mit Büchner-Preisträger Arnold Stadler zur Walhalla und zurück. Stadler hat Theologie studiert, über die Sprache der lateinischen Liturgie kam er zur Literatur: „Dass das Schöne nicht verstanden werden muss und trotzdem schön ist“, habe er dabei gelernt. Es gibt viele Passagen in seinen Büchern, die einen zutiefst treffen. „Nicht auf den Inhalt kommt es so sehr an, sondern darauf, wie er zur Sprache kommt“, sagt Stadler. Den Benachteiligten, den tragischen Witzfiguren, Ausgegrenzten, Übergangen, denen habe er ein Denkmal gesetzt. Und: „Der Theologie verdanke ich das Erbarmen mit meinen Figuren“.

Begonnen habe er mit Menschen, die er kannte, und stellvertretend für sie geschrieben, zum Beispiel für die Großmutter. Genau an der Stelle, an der vom Ufer aus Kinder dem Schiff zuwinken, erzählt er von seiner Kindheit in Rast oberhalb von Meßkirch, wo der Philosoph Martin Heidegger zuhause war und Stadler ihn spazierengehen sah. Es geht bei Stadler um Sehnsucht, um Heimweh, um das Glück und Leid. „Das Wahre ist das Ganze“, zitierte er Hegel. Das Leben und auch ein Buch „sind nicht aufteilbar in lustig und nicht-lustig, wir sind diejenigen, die beides kennen“, sagte Stadler.

„Ich blute, also bin ich“

Bekannt sind Stadlers Psalmen-Übertragungen. Psalmen, in denen das Wasser eine Rolle spielt, wählte er für die Lesung aus. „Psalmen erzählen von der Größe und Kleinheit des Menschen“, sagte er. In Psalm 90 heißt es „Das Leben ist kurz und schmerzlich“. Und Stadler hat dem Ursprungstext den nächsten Satz hinzugefügt: „Einmal das Dorf hinauf und hinunter“. Den Satz mit dem Dorf habe seine Großmutter gesagt. Nach der Kehre auf Höhe der Walhalla las er Episoden aus einigen seiner Bücher. „Die Erinnerung ist eine Bluterkrankheit. Ich blute, also bin ich“, heißt es an einer zentralen Stelle.

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