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Katholikentag

Der neue Pfarrer lernt noch Deutsch

Der Priestermangel hat auch in der Diözese Regensburg dazu geführt, dass bereits zehn Prozent der Geistlichen ausländische Wurzeln haben.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

In den deutschen Bistümern werden immer mehr ausländische Priester eingesetzt. Foto: dpa

Regensburg.„Wir bekommen einen Indianer?“, fragte die Gottesdienstbesucherin ungläubig. Gerade hatte sich der neue Pfarrer aus Indien vorgestellt, doch wohl nicht alle hatten ihn gut verstanden. Es war eines seiner ersten Erlebnisse in der Seelsorge in Deutschland, erzählt Pfarrer Dr. Mathew Kiliroor aus Baiersdorf in Mittelfranken beim Podium „Unser Pfarrer lernt noch Deutsch“ im Albrecht-Altdorfer-Gymnasium. Heute kann der Geistliche darüber lachen. Damals war die Sprachbarriere ein großes Problem für seine Arbeit. Inzwischen unterstützt Kiliroor die Eingliederung junger Priester aus Indien in katholischen Pfarrgemeinden.

Die römisch-katholische Kirche in Deutschland ist auf Priester aus dem Ausland längst dringend angewiesen. Die Studierenden im theologischen Vollstudium haben sich in den vergangenen Jahren halbiert. Im Jahr 2012 kamen auf über 17 000 Priester nur noch 76 Neupriester. Als einer der Gründe, warum immer weniger Männer diesen Weg einschlagen, wird der Pflichtzölibat gesehen. Trotz der Gründung von Pfarrverbänden und der Unterstützung durch Diakone wird die personelle Unterstützung aus dem Ausland immer wichtiger, stellte der Religionssoziologe Prof. Dr. Karl Gabriel in seinem Impulsreferat fest. Im Bistum Regensburg haben derzeit etwa zehn Prozent der Priester ausländische Wurzeln. Die meisten von ihnen kommen aus Polen und Indien.

Einführung in die deutsche Kultur

Auf ihre Einsätze in einer völlig anderen Kultur werden die Geistlichen sehr unterschiedlich vorbereitet, erläutert Anne Kurlemann, die Leiterin der Abteilung Aus- und Weiterbildung der haupt- und ehrenamtlichen pastoralen Dienste in Bamberg. „Jede Diözese hat da ihr eigenes Programm.“ In Bamberg habe man inzwischen erkannt, dass eine Sprachförderung alleine nicht ausreiche. „Wir brauchen eine Einführung in die deutsche Kultur. Auch in ganz banale Dinge. Etwas was deutsche Pünktlichkeit bedeutet. Oder wie man sich hier kleidet, um nicht zu frieren.“ Bei den Sprachkursen werde inzwischen überprüft, ob drei Kurse am Goethe-Institut überhaupt ausreichten, um in der Seelsorge zu arbeiten. „Wir würden mindestens fünf Kurse für sinnvoll halten“, so Kurlemann. Denn die Sprachbarrieren erschwerten die seelsorgerische Tätigkeit, was wiederum zu Unzufriedenheit in den Pfarrgemeinden führen könne.

„Wenn die sprachlichen Fähigkeiten nicht ausreichen, dann werden Priester aus dem Ausland zu sakramentalen Versorgern, die Seelsorge bleibt auf der Strecke“, fasst Religionssoziologe Gabriel eine Studie zusammen, in der er sich in den Jahren 2007 bis 2009 mit der Problematik beschäftigt hat. Eine gute Seelsorge sei eng verknüpft mit einem guten Sprachverständnis. „Wenn der Pfarrer nicht in einen Dialog mit den Gläubigen treten kann, dann ist das für beide Seiten frustrierend“, stellt auch Pfarrer Kiliroor aufgrund seiner eigenen Erfahrungen fest. Als er nach Deutschland kam, gab es noch kaum Unterstützung. „Wir mussten uns selbst Hilfe suchen.“ Etwa beim Verfassen von Predigten. Kiliroor arbeitete anfangs eng mit der Gemeindereferentin zusammen, die seine in Englisch formulierten Gedanken ins Deutsche übersetzte. Heute dauert die Einarbeitungsphase ausländischer Priester in der Diözese Bamberg vier Jahre, erläutert Kurlemann. Dabei begleiten die jungen Priester auch ihre älteren Kollegen, um von ihnen zu lernen. Etwa zehn Jahre bleiben die ausländischen Seelsorger insgesamt in Deutschland. „Der Zeitrahmen sollte nicht viel länger ausgedehnt werden, um die Wiedereingliederung in der Heimat nicht unnötig zu erschweren“, so Kurlemann.

Gläubige werden zu wenig vorbereitet

Auf dem Podium zeigen die Redner Verständnis für beide Seiten. Es gebe wenige „global player“ unter den Priestern, die durch eine charismatische Begabung sofort in deutschen Pfarreien Fuß fassen können, stellte Religionssoziologe Gabriel in seiner Studie fest. Der Großteil sei den sogenannten „Entsendeten“ zuzurechnen, die den Auftrag ihres Bischofs erfüllten. „Sie wurden nicht lange auf ihren Einsatz vorbereitet und kämpfen insbesondere mit Sprachproblemen.“ Auf der anderen Seite seien die Pfarrgemeinden, die ebenfalls nicht auf einen ausländischen Priester vorbereitet wurden. „In diesem Bereich gibt es sogar noch einen ganz großen Nachholbedarf“, bestätigt Kurlemann.

Gerhard Hain, der für große Unternehmen als interkultureller Trainer arbeitet, sieht die Konflikte, die in den Pfarrgemeinden durch ausländische Priester entstehen, nicht allein den Sprachproblemen geschuldet. „Der Pfarrer muss sich mit drei Kulturen zurechtfinden: der katholischen, der deutschen und seiner eigenen ausländischen Kultur.“ In diesem Spannungsfeld könne nicht von Anfang an alles reibungslos verlaufen, sagt Hain.

Doch wenn alle Beteiligten sich bemühen, dann kann das Fremde, das durch den Pfarrer in die Gemeinschaft kommt, zu einer Bereicherung für alle werden, stellen Kiliroor und Kurlemann fest. „Heute rufen mich die Gläubigen sogar an, wenn im Fernsehen eine Sendung über meine Heimat Indien kommt“, erzählt Kiliroor. Es sei ihm gelungen, das Interesse für seine Kultur zu wecken.

Das empfiehlt auch Moderatorin Bärbel Mader, selbst Gemeindereferentin in Marktredwitz, den Zuhörern: Lernen Sie den Pfarrer und seinen Hintergrund kennen. Das kann auf ganz verschiedenen Wegen sein: über den Gaumengenuss, über die Musik und Kultur des Landes oder über eine andere Liturgieform. Völlig egal sei es, so die Feststellung von Hain, aus welchem Land der Pfarrer gesandt wurde. „Wir müssen begreifen, dass die deutsche Kultur die Ausnahme auf der Welt ist. Egal, woher jemand kommt, er muss sich auf diese erst Mentalität einstellen.“

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