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Kommentar

Es bleiben zarte Bande und große Konflikte

Ein Kommentar von Christine Schröpf, MZ

Der Hype um Papst Franziskus hält unvermindert an, zum Katholikentag strömten ein paar Zehntausend Gläubige – doch eine zentrale Frage bleibt: Welchen Platz hat Gott tatsächlich in der modernen Welt? Was bleibt, wenn heute in den Pfarrgemeinden wieder der profane Alltag herrscht – mit leeren Gotteshäusern und Pfarrersstellen, die aus Nachwuchsmangel nicht besetzt werden können?

Fünf Tage lang ist in Regensburg Glaube sichtbar geworden. Man erkannte die Christen an ihren blauen Halsbändchen mit den magentafarbenen Dauerkarten oder den weiß-blauen Tagestickets. Die Frage nach dem Platz der Kirche in der Welt beantwortete sich ganz automatisch: Lärmgeplagten Altstadtbewohnern in Parkplatznot nahmen die Gläubigen viel zu viel Raum ein – den Gläubigen, die bei überfüllten Katholikentagsterminen an der Tür abgewiesen wurden, war es immer noch zu wenig. Doch ob Christ, Atheist oder dem Glauben gegenüber schlichtweg gleichgültig: Keiner konnte über den Anderen hinweg sehen. Jeder wurde zum Nachdenken angeregt: Was ist wichtig, wofür lebe ich und nach welchen Regeln? Auch wenn der katholische Glaube nicht für alle überzeugende Antworten liefert.

Katholikentage zwingen Bischöfe und Laien, bei strittigen Themen um Lösungen zu ringen. Es spinnen sich Gesprächsfäden zwischen liberalen und sehr konservativen Gläubigen. Das ist ein wichtiger, wen auch zarter Trost. Denn an den fundamentalen Gegensätzen, die in der Kirche aufeinanderprallen, hat sich auch in Regensburg nichts geändert. Wer sich in der Schwangerenkonfliktberatung Donum Vitae engagiert, bleibt faktisch ausgegrenzt, obwohl der Verein von Katholiken dieses Mal bei einer offiziellen Podiumsveranstaltung vertreten war. Nun geht es ja nicht darum, Unterschiede unter einer Soße aus falscher Harmonie verschwinden zu lassen. Denn Kirche und Donum Vitae verfolgen auf ihrem Weg, Abtreibungen zu verhindern, tatsächlich konträre Wege. Donum Vitae als Institution muss also nicht unter dem Dach der Kirche Heimat haben – wohl aber die Frauen und Männer, die sich dort engagieren. Sie sind unzweifelhaft Teil der Kirche und haben Respekt verdient.

Es ist nicht der einzige ungelöste Konflikt: In Regensburg gab es kein Signal der Bischöfe an wiederverheiratete Geschiedene. Das Versprechen, Hürden im kirchlichen Dienst abzubauen, wäre ein erster Schritt gewesen. Aber auch die Laien haben in Regensburg Chancen verpasst. Auf 1000 Veranstaltungen in fünf Tagen wurde zu oft Selbstverständliches ausgetauscht, zu wenig Klartext gesprochen, zu selten Unkonventionelles zur Debatte gestellt. Das liegt an der schlechten Streitkultur in der Kirche. Sie ist nicht allein Spätfolge von Bischöfen, die Querdenker ins Abseits stellen. Manchmal mangelt es einfach am Mut, Eingefahrenes abzustreifen. Das schwächt die katholische Stimme in der Welt.

Im Bistum Regensburg brechen gerade Verkrustungen auf. Bischof Rudolf Voderholzer hat als Gastgeber des Katholikentages – wenn auch manchmal zögerlich – Neues zugelassen. Er hat seine Begeisterung für den Glauben spüren lassen und die Chance genutzt, vielen Menschen näher zu kommen. Katholikentagsbesucher aus ganz Deutschland, die mit Vorbehalten angekommen waren, reisten mit besseren Eindrücken ab. Voderholzer wirkt zwar unscheinbar, speziell im Vergleich zum neuen Star der katholischen Kirche, dem Passauer Bischof Stefan Oster. Doch auch er bewegt etwas. Das Klima im Bistum Regensburg hat sich weiter entspannt.

Das bleibt. Vor allem, wenn auch bei Voderholzer der Katholikentag nachwirkt und ihn ermutigt, Veränderungen anzupacken. Die Gläubigen warten ungeduldig darauf.

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