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Katholikentag

Glück will Kirche, die nicht abschreckt

Zum Katholikentag kommen weniger Besucher als erwartet. ZdK-Präsident Glück zieht im Interview trotzdem positive Bilanz. Die Kirche sei in Bewegung.
Von Christine Schröpf, MZ

Beim Katholikentag gab es keine Tabuthemen, sagt der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Alois Glück. Das bedeutet nicht, dass es nicht weiter Differenzen zwischen Laien und der Amtskirche gibt. Foto: dpa

Regensburg.80 000 Gläubige wurden zum Katholikentag erwartet. Doch diese Zahl wurde deutlich unterschritten – am Ende waren es nur 53 000. Was ist passiert, Herr Glück?

Die Zahl der Dauerteilnehmer ist mit 33 000 ziemlich genauso hoch wie vor zwei Jahren in Mannheim. Was sich ausgewirkt hat, ist das schlechte Wetter zu Beginn und dass die Verkehrsverhältnisse im Umkreis nicht gut genug sind, um in kurzer Zeit Regensburg zu erreichen. Gleichwohl sind wir sehr zufrieden – auch mit der Altersstruktur der Teilnehmer: ein Drittel ist unter 30 Jahre alt.

Nach fünf Tagen Glaubens-Marathon. Ganz ehrlich: Gibt's morgen für sie ein Kontrastprogramm? Rauf auf einen Berg in Oberbayern und durchatmen oder Ausschlafen und Decke über den Kopf – nur erst einmal nichts mehr von Kirche hören?

Ich habe keinen Überdruss, weder wegen der Kirche, noch wegen religiösen Themen. Natürlich ist ein Katholikentag strapaziös, aber man kriegt sehr, sehr viel gute Impulse.

Sie sind 74 Jahre alt. Es war ihr letzter Katholikentag als Präsident des Zentralkomitees der Katholiken. Hat sie zwischendrin Wehmut gepackt?

Nein. Ich freue mich auf die Zeit, in der ich ohne Terminverpflichtungen zu Katholikentagen komme. Dann kann ich wieder frei auswählen, welche Veranstaltungen ich mir aussuche.

Welcher Moment in den fünf Tagen in Regensburg hat sie am meisten berührt?

Der Eröffnungsgottesdienst ohne abgehobene Liturgie. Er war ganz lebenskonkret war. Die Leute sind mit großem Schwung weggegangen.

Was bleibt?

Vom Katholikentag bleibt, was bei den Leuten weiterwirkt. Innerkirchlich war es ein besonderer Brückenschlag: Das breite Spektrum der katholischen Kirche war präsenter als bei früheren Glaubensfesten. Das gilt besonders für konservative Gruppierungen, von denen manche in der Vergangenheit nur als Kritiker des Katholikentages in Erscheinung getreten sind. Nun sind wir miteinander in Kontakt gekommen. Das ist sehr, sehr wichtig für die weitere Entwicklung der Kirche in Deutschland.

Das Motto des Katholikentags war „Brücken bauen“: Die Debatte um die Schwangerenkonfliktberatung Donum Vitae, die von der Kirche nicht anerkannt wird, bestätigte aber schier unüberwindbare Gegensätze. Ernüchtert Sie das?

Nein, ganz im Gegenteil. Es ist schon ein Fortschritt, dass die Meinungsverschiedenheiten, die man nicht wegdiskutieren kann und soll, bei der Podiumsdiskussion im gegenseitigen Respekt ausgetragen wurden. Es wird immer Streit um den richtigen Weg geben. Wichtig ist, dass wir in der Kirche eine Streitkultur entwickeln. Wir dürfen uns nicht wechselseitig den Glauben und das Katholisch sein absprechen.

Hab ich es nur überhört? Beim Katholikentag fehlte ein Mut machendes Signal der Amtskirche in Richtung der Menschen, die nach eine Scheidung einen neuen Partner geheiratet haben.

Der Zugang der Wiederverheirateten zu den Sakramenten kann nur auf der Weltebene entschieden werden. Für Papst Franziskus ist das Teil seines Aufgabenkatalogs. Ganz klar ist, dass in der Deutschen Bischofskonferenz Bewegung entstanden ist. Mir geht es auch um Änderungen im deutschen Arbeitsrecht. Ich habe die Erwartung, dass möglichst noch dieses Jahr eine Regelung kommt, die Wiederverheirateten im kirchlichen Dienst einen Platz verschafft – sicher mit Differenzierungen, etwa für Leitungsfunktionen. Die Lockerung muss auch für Menschen gelten, die keiner Religion angehören. Das ist im Osten Deutschlands für kirchliche Einrichtungen eine Existenzfrage.

Kirche muss Antworten auf aktuelle, gesellschaftliche Fragen geben, um nicht bedeutungslos zu werden, mahnte beim Katholikentag eine Rabbinerin – und machte es am Umgang mit Homosexuellen fest. Das ZdK hat längst Brücken zu Schwulen und Lesben gebaut – was ist mit den Bischöfen?

Das kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Es gibt in dieser Frage kein gemeinsames Auftreten der Deutschen Bischofskonferenz. Spürbar aber ist, eine andere Art darüber zu reden. Das ist auch gut so, weil die Kirche sonst sehr schnell unwahrhaftig würde. Homosexualität ist auch innerhalb der Kirche eine Realität.

Sie haben vor dem Katholikentag als Ziel ausgerufen, dass niemand ausgegrenzt wird. Zu wieviel Prozent ist das gelungen?

Ich habe nicht erlebt, dass irgendjemand ausgegrenzt wurde. Es ist normal, dass es kontroverse Debatten gibt. Aber kein Thema wurde tabuisiert. Das ist auch ganz wichtig. Manche hatten im Vorfeld geglaubt, dass das im Bistum Regensburg nicht gelingen kann.

Der Katholikentag im konservativen Bistum Regensburg war im ZdK auf einige Bedenken gestoßen. Wie haben Sie Bischof Rudolf Voderholzer als Gastgeber erlebt?

Bischof Voderholzer war ungewöhnlich stark engagiert. Er hat den Katholikentag ganz schnell als große Chance für das Bistum gesehen. Wir haben viel Vorfreude gespürt. Es hat sich eine sehr, sehr konstruktive Zusammenarbeit entwickelt, auch bei Themen, über die es Diskussionen gab – Donum Vitae war dafür ein Beispiel.

Es waren evangelische Christen, die dem Katholikentag einen starken Stempel aufgedrückt haben. Die Termine mit Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Sigmar Gabriel oder der früheren Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, waren besonders gut besucht. Ein Katholikentagsbesucherin beklagte, dass es an wortgewaltigen katholischen Stimmen fehlt.

Der Zulauf zur Bundeskanzlerin hat überhaupt nichts damit zu tun, dass sie evangelisch ist. Das Gleiche gilt für den Bundespräsidenten. Es gab Zeiten, in denen Katholiken alle Spitzenämter besetzt haben. Ich halte solche Aufrechnungen für kleinkariert. Gleichzeitig muss ich aber sagen: Es kommt sehr darauf an, dass unsere Kirche wieder stärker zu politischem Engagement ermutigt. Die Wirkung des Katholizismus morgen und übermorgen wird wesentlich davon abhängen, ob sich wieder mehr junge Menschen entscheiden, in die Politik zu gehen, und dafür von der Kirche auch nicht gescholten werden. Wobei die evangelische Kirche bei dieser Frage in keiner besseren Ausgangslage ist.

Sie sind einer, der Fehlentwicklungen in der Kirche genau kennt. Beim Katholikentag unterließen sie pointierte Äußerungen. Diplomatie aus Rücksicht auf die Amtskirche?

Ich habe keine Furcht, anzuecken. Aber beim Katholikentag hatte ich wegen meiner Leitungsaufgabe eine integrierende Funktion.

Anzuecken wäre wohl ganz leicht. Beim Katholikentag erzählte ein deutscher Geistlicher, dass er sich auf Befehl eines Generalvikars beim Bischof für ein paar kritische Worte entschuldigen musste.

Wenn ein Generalvikar so einen Brief schreibt, stellt sich natürlich die Frage: Wie ist es in der Kirche um die Streitkultur bestellt? Es hat sich viel verbessert in den vergangenen Jahren. Aber wir sind noch nicht dort, wo wir hinmüssen.

Auch Laien wägen ihre Worte ab. Wie sehr schwächen Bischöfe damit die Stimme des Katholizismus in der Welt?

Ich glaube nicht, dass sich die heute aktiven Laien durch Kritik abhalten lassen, Dinge beim Namen zu nennen. Für sie ist es dennoch eine bittere Erfahrung. Junge Menschen, die das beobachten, können abgeschreckt werden, sich später selbst in der Kirche zu engagieren.

Ein Bischof wird gerade gefeiert: Der neue Passauer Stefan Oster. Ist er auch für sie ein echter Hoffnungsträger?

Er ist vom Typ her für die Menschen erfrischend und ermutigend. Wir dürfen den jungen Bischof jetzt aber nicht mit Erwartungen überfrachten, die zur Last werden. Auch er wird Entscheidungen treffen müssen, bei denen die einen Bravo sagen – und andere enttäuscht sind. Das ist unvermeidlich.

Der Katholikentag in Regensburg wurde im Internet teils mit massiver Kritik begleitet.

Das überrascht mich nicht. Ich bekomme als ZdK-Präsident auch immer entsprechende Post – viel massiver und beleidigender, als das jemals zu meinen Zeiten als Politiker der Fall war. Es hat damit zu tun, dass in der Nähe von Religion ganz schnell auch Fanatismus ist.

Eine persönliche Frage: Sie werden im November 2015 Ihr Amt als ZdK-Präsident niederlegen. Ist verlängern eine Option?

Ich stehe nur noch bis November 2015 zur Verfügung und dabei bleibt es. Das ist nicht verhandelbar. Bisher ist es mir immer gelungen, mich aus meinen diversen Ämtern rechtzeitig zu verabschieden.

Ist ein Nachfolger in Sicht, der nicht am Veto der Bischöfe scheitert? Sie waren 2009 aus eben diesem Grund als ZdK-Präsident eingesprungen.

Wir haben nicht mehr die gleiche Situation wie zu meinem Amtsbeginn. Die Nachfolgefrage ist aber noch völlig offen. Wir werden uns im ZdK erstmals im September damit befassen.

Sie lassen offizielle Aufgaben bei Donum Vitae während ihrer Amtszeit ruhen – machen sie das rückgängig, sobald Sie nicht mehr ZdK-Präsident sind?

Ich habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich Donum Vitae für wichtig halte. Ob ich in meinem Alter noch einmal eine Funktion übernehme, ist eine andere Frage. Die Nachfolgegeneration muss zum Zug kommen. Aber ich werde mich bis Herbst 2015 im ZdK dafür einsetzen, dass wichtige Fragen im Umgang der Kirche mit Donum Vitae geklärt sind. Darauf werde ich viel Zeit und Hartnäckigkeit verwenden.

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