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Katholikentag

Missbrauchsopfer kritisieren Kirche

Opferinitiativen beklagen Defizite bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche. Sie fordern einen „strukturierten Dialog.“

  • Trotz der Fortschritte neige die Kirche weiter dazu, „erst einmal zu schauen: Was bedeutet das für uns?“, sagte Matthias Katsch vom „Eckigen Tisch“ auf dem Katholikentag in Regensburg. Foto: dpa
  • Triers Bischof Stephan Ackermann verwies auf Fortschritte bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Foto: Lex
  • Der Festsaal im Kolpinghaus war gut gefüllt. Foto: Lex
  • Pater Paul Mertes hatte 2010 Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg publik gemacht. Foto: Lex

Regensburg.Regensburg. „Wir hatten so einen Missbraucher bei uns in der Pfarrei“, sprudelt es plötzlich aus Meggy Wagner heraus. Sie hat einen roten Schal der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands umgebunden und erzählt, dass sie aus dem Bistum Trier, genauer aus Saarbrücken zum Katholikentag gekommen ist. Wagner ringt zunächst um Worte, weil sie kaum beschreiben kann, welche Verheerungen ein sexueller Missbrauch anrichtet, wie groß der Schock ist. Dann fließen die Sätze aus ihr heraus. Es ist zu spüren, dass sich da etwas angestaut hat und dass sie möchte, dass über das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche öffentlich gesprochen wird.

„Männerbündigkeit“ des Klerus

Ganz ähnlich geht es vielen Zuhörern, die am Freitagvormittag im Festsaal des Kolpinghauses zum Podium „Kirche auf dem Weg zu einer Kultur der Achtsamkeit? – Zur aktuellen Situation der Prävention sexualisierter Gewalt“ gekommen sind. Eine Besucherin aus Regensburg sagt, sie sei hier, weil sie der Missbrauchsfall in Riekofen tief getroffen habe. Schwester Ingetraud Pollvitt aus Rostock erzählt, dass sie bei ihrer Arbeit viel mit Kindern und jungen Priestern zu tun habe. Sie habe auf Veranlassung des Bistums eine Schulung mitgemacht, in der es um Missbrauchsprävention ging.

Immerhin sei heute die „Sprachlosigkeit“ überwunden, das sei schon ein Fortschritt, sagt der Jesuitenpartner Paul Mertes. Mertes hatte 2010 Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg publik gemacht und damit eine Welle von Enthüllungen in ganz Deutschland ausgelöst, die die katholische Kirche in eine tiefe Krise stürzten. Mertes kritisierte gestern mit Blick auf die Prävention sexuellen Missbrauchs die Leitungsstrukturen innerhalb der katholischen Kirche. „Die katholischen Hierarchien müssen mehr durchdacht werden“, forderte er. Er verwies auf den Schamdruck im Zusammenhang der Sexualpädagogik und die „Männerbündigkeit“ des Klerus.

Null Toleranz gefordert

Neben Mertes wurde ein zweiter Podiumsteilnehmer mehrfach beklatscht. Es ist Matthias Katsch von der Opferinitiative „Eckiger Tisch“. Trotz Fortschritten neige die Institution Kirche weiter dazu, „erst einmal zu schauen: Was bedeutet das für uns?“, kritisierte Katsch. „Erst im zweiten oder dritten Schritt wird auf das Opfer geschaut.“ Die Bischöfe sollten sich ein Beispiel an Papst Franziskus nehmen, der sexuellen Missbrauch jüngst gebrandmarkt und Opfer eingeladen hatte. „Sexueller Missbrauch ist nicht das wichtigste in der katholischen Kirche“, sagte Katsch. Aber es sei trotzdem, ein brennendes Problem, weil die Kirche an dieser Stelle auf Fragen treffe, die seit Jahren auch aus anderen Richtungen an sie herangetragen werden. Katsch nannte die Sexualmoral und die Machtfrage als Beispiele. Unter Beifall des Publikums ging Katsch den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller an, weil er sich als Regensburger Bischof mit der Verfolgung von Missbrauchtätern schwergetan habe.

Der Unternehmensberater Katsch warf der katholischen Kirche Vertuschung und Verleugnung vor. Bei der Aufarbeitung gebe es noch immer Defizite, auch wenn sich in den vergangenen Jahren viel getan habe. Dennoch: Die Dimension des Missbrauchs in der Kirche wird Katschs Einschätzung nach immer noch unterschätzt. Ein Mensch, der in der katholischen Kirche einen Missbrauch begangen habe, dürfe nicht mehr als Priester arbeiten, forderte Katsch.

Gegen eine starre Nulltoleranzlinie bei der kirchlichen Bestrafung von Missbrauchstätern sprach sich der Trierer Bischof Stephan Ackermann. Auch der Missbrauchstäter bleibe Mensch und habe Anspruch auf ein gerechtes Urteil, betonte Ackermann, der Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz ist. Im Publikum rumorte es bei diesen Sätzen hörbar. Deshalb schob Ackermann nach: „Es gibt null Toleranz gegenüber der Tat. In der überarbeiteten Missbrauchs-Leitlinie ist ganz klar geregelt, dass ein Priester, der Täter geworden ist, nicht mehr in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden darf.

Ausdrücklich nahm der Bischof den Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation in Schutz. Müller setze die konsequente Linie der Glaubenskongregation gegen Missbrauchsfälle in aller Welt fort, die seit dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. praktiziert werde. Insgesamt seien schon mehr als 2000 Priester wegen sexuellen Missbrauchs aus dem Amt entlassen worden, unterstrich Ackermann.

Opfervertreter Katsch übergab Bischof Ackermann am Ende der Diskussion ein Forderungspapier, das von der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ ausgearbeitet wurde. „Ängstliches Schweigen einerseits und Wut auf der anderen Seite bringen uns nicht weiter“, schreiben die Betroffenen darin. Sie bitten um einen „strukturierten Dialog“ mit den Bischöfen. Ackermann sagte zu, diese Anregung aufzugreifen.

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