MyMz
Anzeige

Katholikentag

Musikalische Kontraste im Kirchenschiff

Der DJ Boris Dlugosch und das Vokalensemble VocaMe gaben in der Dominikanerkirche St. Blasius ganz unterschiedliche Anreize, in Trance zu verfallen:
Von Michael Scheiner, MZ

  • DJ Boris Dlugosch füllte die Kirche zur Laserinstallation von mit elektronischen Beats. Foto: Vogl
  • Das Vokalensemble VocaMe Foto: Scheiner

Regensburg.„God is a DJ“ hat Pink vor über zehn Jahren gesungen und damit die Lust am Leben gefeiert. Den metaphorischen Songtitel nahm der Hamburger DJ Boris Dlugosch praktisch wörtlich. Nach einem prallvollen Kirchentagstag übernahm er in der akustisch reizvollen Dominikanerkirche St. Blasius vor halbleerem Kirchenraum als irdischer Stellvertreter die Rolle eines quasi-göttlichen Plattendrehers – eigentlich drückte er fast ausschließlich Knöpfe und Regler an seinem Pult vorne am Altarraum und versetzte nicht etwa gar altmodisch Schallplatten in Schwung.

Nach einem Vortrag von Texten Johannes Keplers füllte sich das große Kirchenschiff übergangslos mit hermetisch pochenden Beats: dumpf bohrende und schrille Klänge, wie man sie Nightclubs zuordnet und nicht gerade christlichen Häusern der Andacht und des Gebets.

Eine Feier der Hingabe

Eingerahmt vom schräg im Hauptgang schwebenden, grün leuchtenden Rechteck der Lichtinstallation „Und die Erde steht nicht still“, verharrten die Zuhörenden anfänglich gesittet und unbeweglich wie bei einem herkömmlichen Konzert in den Kirchenbänken. Erst nach und nach gingen in den vorderen Reihen die ersten Köpfe im harten Takt auf und ab, zuckten Oberkörper und Kniegelenke im „uffz, uffz, uffz“ der Rhythmusmaschine. Es dauerte, bis sich die ersten Tanzenden im Mittelgang Bewegung verschafften und dem „House meets Science“-Event zur eigentlichen Bestimmung verhalfen.

Der abgedunkelte Raum, erleuchtet von zuckenden Lichtern farbiger Scheinwerfer und erfüllt mit elektronischer House-Musik als Dancefloor – also: Tanzboden – für eine Huldigung des Körpers, eine Feier der Hingabe: Damit hat die für einen Raum der Stille ungewöhnliche Musikveranstaltung die Brücke zum Spirituellen geschlagen. Die Auflösung der – eigenen – Grenzen in der Ekstase, der völligen Hingabe ist in vielen Kulturen ein zentrales Element religiöser Riten und Praktiken. Vom verzückten Drehtanz der Derwischmönche über den Trancetanz der Voodoo-Religion bis zurück zum mittelalterlichen Veitstanz lässt sich dabei ein Bogen bis zur zeitgenössischen Clubmusik spannen. Ob man dazu, um auch – wieder – junge Leute anzusprechen, in die Kirche gehen muss, ist fraglich.

Erweiterung ins Unendliche

Die Akustik des aus dem Streben nach dem Erhabenen, dem Göttlichen errichteten Kircheraums ließ sich weitaus intensiver und durchdringender einen Abend zuvor mit dem Vokalensemble VocaMe erleben. Nur minimal verstärkt, boten vier Sängerinnen Lieder der Mystikerin Hildegard von Bingen und der frühmittelalterlichen Komponistin Kassia in inniger Harmonie dar. Unaufdringlich begleitet und rhythmisch unterstützt vom musikalischen Leiter Michael Popp auf Santur und Harfe, weiteten die klaren Stimmen von Sarah Newman und Gerlinde Sämann (Sopran), Sigrid Hausen und Petra Noskaiová (Mezzosopran) die erhabene Strenge der Architektur gewissermaßen ins Unendliche. Ihre Stimmen verwoben sich zu einem von manchen als „göttliche Harmonie“ empfundenen Zusammenklang und Ebenmaß des Ausdrucks, der anrührt.

Damit sind die Sängerinnen auf ihre Weise ebenso imstande den einen oder anderen Zuhörenden wegzubeamen, also in eine Umlaufbahn der Ekstase zu schicken. So gesehen, treffen die stilistisch und formal im harten Kontrast stehenden Musikarten in der Wirkung wieder aufeinander. Der Architektur sicher angemessener ist der natürliche Klang der Stimmen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht