MyMz
Anzeige

Katholikentag

Pilgern zu den Schattenseiten des Lebens

Dominik hat alles verloren und ist auf der Straße gelandet. Den Katholikentagsbesuchern zeigt er Orte der Sorge und den Platz, wo er Hilfe fand.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Die Teilnehmer der Tour erinnerten an das Leben von Rosina Röhrl. Wegen einer psychischen Erkrankung wurde sie 1941 von den Nazis ermordet. Foto: Pfeifer

Regensburg.Dominik wird uns begleiten. Mit seinem großen Kreuz, das über seinem kleinen Bauchansatz baumelt, halten wir ihn sofort für einen Geistlichen. Aber es ist noch ein langer Weg hin zu diesem Wunsch, sagt er. Dominik war früher Fachlehrer für Architektur, dann verlor er in seiner Wahlheimat Großbritannien alles, was man für ein sorgenfreies Leben braucht. Am Ende stand Dominik auf der Straße. Doch er fand Menschen, die ihm neue Wege aufzeigten. Dorthin will er die Gruppe heute führen.

Es sind Plätze, die man zwischen den prächtigen Kirchen der Stadt gerne mal übersieht. Mahnmale, an denen man in der Hektik vorbeiläuft, ohne sich Gedanken zu machen. Bei der Pilgertour „Die Sorgen liegen auf der Straße“, die der Katholischen Frauenbund zusammen mit der Organisation „In via“ beim Katholikentag anbietet, wird das manchem der 15 Teilnehmer sehr deutlich. „Ich bin gestern an diesem Stolperstein für Rosina Röhrl achtlos vorbeigelaufen, sagt Beatrix Oberle aus Eutingen und schüttelt fassungslos den Kopf. „Ich habe ihn gesehen, aber nicht wahrgenommen. Jetzt, wo ich die Geschichte dahinter kenne, wird mir erst bewusst, dass es uns im Alltag an Achtsamkeit fehlt“.

Erste Anlaufstelle Bahnhofsmission

Die Führung beginnt am Hauptbahnhof, vor der Bahnhofsmission. Bereits 1896 wurde sie in Regensburg gegründet. „Menschlichkeit für alle“ werde hier praktiziert, sagt Angelika Köppel, die die Tour für „In via“ begleitet. Die Bahnhofsmission ist oft erste Anlaufstelle für Fremde. Hier gibt es etwas zu essen, einige Schlafplätze, aber vor allem Ansprechpartner, die in allen Lebenslagen weiterhelfen. Während des Katholikentags wurde die Mannschaft deutlich verstärkt. Mit Gummibärchen begrüßen sie die Reisenden, helfen Kranken und Behinderten, versorgen im Trubel Gestrandete mit Informationen. Mit der Litanei „für die draußen“ zieht die Gruppe von hier aus los auf diesen ungewöhnlichen Pilgerweg.

„Manchmal ist die Kirche wie der Vater des verlorenen Sohnes der die Türen offen lässt, damit der Sohn, wenn er zurückkommt, ohne Schwierigkeiten eintreten kann“, liest Dominik aus der Enzyklika „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus. Dominik ist bereits durch diese Tür getreten. Als er die Schattenseiten des Lebens kennenlernte, erinnerte er sich an seinen Wunsch aus Kindertagen: Priester zu werden. In einer katholischen Gegend wollte er neu Fuß fassen, wie er sagt. Und so landete er in Regensburg. Im Strohhalm, der sich seit 15 Jahren in Regensburg für obdachlose und hilfsbedürftige Menschen engagiert, fand er Menschen, die ihn auf dem Weg unterstützen. Auch an diesen Ort wird uns Dominik bringen. Doch zunächst stehen wir vor der Adresse „Unter den Schwibbögen 21“, dort, wo das Leben von Rosina Röhrl begann.

Wegen einer psychischen Erkrankung wurde sie im Alter von 50 Jahren mit den anderen Mitbewohnern aus dem Paulusstift Neuötting ins Tötungslager Hartheim bei Linz gebracht und 1941 von den Nazis ermordet. „Desinfektion des deutschen Volkes“, hieß das damals, sagt Angelika Köppel. Sie legt eine weiße Rose auf den Stolperstein und bittet die Gruppe nun schweigend Richtung Stadtamhof zu laufen – was den Teilnehmern allerdings nicht gelingt.

„Verurteilen Sie nicht“

Am Straßenrand steht der Gedenkstein für das Flossenbürger KZ-Außenlager Colosseum, in dem 400 Gegangene teils jüdischen Glaubens, erniedrigt, misshandelt, ausgebeutet und auch getötet wurden. Beim Katholikentag erklingt vor diesem Gebäude fröhliche Musik. Menschentrauben ziehen durch die Katholikentagsmeile. Es ist schwierig, an diesem Platz innezuhalten. Deshalb wechselt die Gruppe in den Innenhof des Katharinenspitals, um mit dem Lied des von den Nazis ermordeten evangelischen Theologen und Pastors Dietrich Bonhoeffer „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ den Opfern des Naziterrors zu gedenken.

Entlang der Donau führt Dominik die Teilnehmer zum „Strohhalm“, wo schon Gründer Josef Troidl wartet. Seit 15 Jahren engagiert er sich nach persönlichen Schicksalsschlägen für Menschen, die am Rande der Gesellschaft gelandet sind. „Verurteilen sie niemals jemanden, der auf der Straße lebt“, mahnt er die Gäste. Gleichzeitig richtet er an sie die Bitte, die Botschaft des „Strohhalms“ auch an ihre Wohnorte zu bringen. „Informieren Sie sich über unsere Arbeit und tun sie es uns gleich – dort, wo sie herkommen.“

Beatrix Oberle, die sich ganz spontan entschieden hatte, den Pilgerweg mitzulaufen, sieht hier den Auftrag der Kirche. „Die Katholikentagsbesucher strömen zu Vorträgen der Politiker und anderer Prominenter, doch in solchen Begegnungen erfährt man, wo Glaube wirklich praktiziert wird.“ Dort, wo Menschen wie Dominik nicht auf der Schattenseite des Lebens bleiben, weil sie Menschen wie Josef Troidl finden, die zeigen, was Christsein im Alltag bedeutet.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht