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Interview

„Rückenwind aus Rom spürbar“

Kardinal Reinhard Marx zieht eine positive Bilanz des Katholikentags und lobt die Kirche für ihre größere Bereitschaft, Kontroversen auszuhalten.
Von Gottfried Bohl und Ludwig Ring-Eifel (KNA)

Kardinal Reinhard Marx beim Abschlussgottesdienst des Katholikentages: Der Münchner Kardinal ist mit dem Katholikentag in Regensburg zufrieden. Foto. dpa

Regensburg.KNA: Kardinal Marx, der Katholikentag ist zu Ende. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Marx: Positiv! Erst war es kalt und regnerisch und man hat gemerkt, wie alle Teilnehmer trotzdem einen guten Katholikentag haben wollten. Und dann ist es besser geworden, und das war ein grandioser Abschluss. Ich bin sehr zufrieden.

Es war immer wieder vom Brückenbauen die Rede. Ist es gelungen, Gräben zu überwinden?

Der Katholikentag selbst ist ein Brückenbau. Es treffen sich die unterschiedlichsten Gruppen, das merken Sie auf der Kirchenmeile, bei den Foren, wo die Positionen aufeinander treffen und trotzdem eine Gemeinsamkeit da ist. Sie sehen das bei den Gottesdiensten mit den unterschiedlichen Frömmigkeitsformen. Der Katholikentag selbst ist eine Brücke, wo die Katholiken zusammenkommen und einigermaßen versöhnt miteinander umgehen und sich gegenseitig ermutigen, die Brücken nach draußen zu bauen.

Es gab im Vorfeld innerkirchlich einige Diskussionen, etwa beim Thema Schwangerschaftskonfliktberatung. Ist es gelungen, aufeinander zuzugehen?

Ich glaube, ja. Ich habe ja auch im ZdK noch einmal dazu gesprochen. Das ganze Thema des Lebensschutzes muss weiterhin auf der Agenda bleiben und wir müssen uns dem Thema widmen und ich hoffe, dass wir zukunftsfähige Antworten darauf finden und nicht nur Diskussionen der Vergangenheit führen.

Die Bundeskanzlerin hat gesagt, sie fürchtet um die christliche Prägung Europas. Teilen Sie diese Furcht?

Ja, sie hat es ganz gut formuliert. Sie sagt, wenn Menschen nicht mehr wirklich glauben, dass sie geborgen sind, wenn sie nicht mehr glauben, dass es letzte Antworten gibt, die nicht von Menschen gemacht sind, dann fehlt etwas im Zusammenleben der Menschen. Die Sorge kann man teilen. Aber sie hat uns ja auch ermuntert und ich bin genau ihrer Meinung: Es gibt auch eine sehr lebendige Kirche. Sie kann nicht so sein wie vor 100 Jahren. Wir haben keine homogenen kulturell-religiösen Gebilde mehr, aber die Kirche ist weiterhin in Europa eine kraftvolle Stimme und eine lebendige und junge Gemeinschaft.

Welche Impulse gehen von diesem Katholikentag in die Gesellschaft aus?

Dass sich Christen einmischen müssen. Ein Thema war zum Beispiel Europa. Ein Thema war auch der Klimawandel, und es ging es auch immer wieder um die Armutsfrage. Also es gehen schon Impulse aus. Nicht im Sinne einer Proklamation, wir haben keinen Katholikentag, der Resolutionen verabschiedet, wie das vielleicht im 19. Jahrhundert der Fall war, aber wir haben Themen gesetzt. Ich bin dem Zentralkomitee und dem Bischof von Regensburg dankbar, dass sie den Katholikentag veranstaltet haben.

Haben Sie einen Franziskus-Effekt gespürt?

Wenn jeder Journalist mich danach fragt, dann muss es diesen Effekt wohl geben. Alle fragen danach, alle reden darüber. Auf den Podien, aber auch abends beim Bier oder beim Abendessen, bei fast jedem Gespräch ist der Papst ein Thema. Also: Ein Rückenwind aus Rom war da, denn die große Mehrheit der Katholiken und auch der Nichtkatholiken sehen diesen Papst positiv.

Gehört zu diesem Franziskus-Effekt auch, dass kontroverser diskutiert wurde als sonst? Auf manchen Podien gab es Buh-Rufe kamen und Unmutsäußerungen. Kommt eine neue Konfliktkultur in die Kirche?

Das würde ich nicht so sehen. Ich bin ein erfahrener Teilnehmer, mindestens seit 1980. Auf fast allen Katholikentagen ist es auch kontrovers zugegangen. Dass Bischöfe ausgebuht wurden, ich auch, das alles hab ich schon erlebt. Das ist nicht neu. Ich habe eher den Eindruck, dass insgesamt in der Kirche eine größere Bereitschaft da ist, Kontroversen auszuhalten und das wäre auch mein Wunsch: Es ist wichtig, die verschiedenen Frömmigkeitsformen in Kontakt zu bringen und dass Menschen mit abweichenden Positionen nicht ausgegrenzt und weggeschoben werden. Da kann es ruhig mal hoch hergehen, aber es darf nie die Liebe verletzen. Wenn wir als Katholiken genauso streiten würden wie die politischen Parteien, die aufeinander losgehen, dann würden wir kein gutes Beispiel geben. Aber man soll auch nicht zu zimperlich sein. Es gehört mit dazu, dass auch mal applaudiert wird, oder dass einer mal ruft: „Aufhören!“

Ein Wort zur Ukraine. Warum war der drohende Krieg in der gar nicht so fernen Nachbarschaft kaum ein Thema auf dem Katholikentag?

Ich vermute, das Thema ist zu komplex. Wir können klar sagen, dass im Hinblick auf die Krim ein Rechtsbruch vorliegt. Aber die Lage in der Ostukraine zu beurteilen, das ist nicht so einfach. Und deswegen glaube ich, gibt es da eine gewisse Zurückhaltung. Aber wir müssen uns damit beschäftigen, wir müssen Solidarität zeigen mit denen, die für Freiheit und Frieden und Demokratie eintreten. Die Verbundenheit mit den Christen dort, das ist alles nicht so ganz einfach, und deswegen ist unser Ansatz zunächst einmal, für Frieden einzutreten. Und ich darf es als Bischof auch sagen: Wir müssen beten, dass dieses Land nicht in einen Bürgerkrieg gerät. Bürgerkriege sind die furchtbarsten Kriege, die man sich vorstellen kann, das wäre eine Katastrophe. Und deshalb müssen wir sehr intensiv beten!

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