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Benedikt XVI. bricht sein Schweigen

Papst im Ruhestand bekennt Fehleinschätzung bei Regensburger Rede. Er äußert sich auch zu Schwulen-Netzwerk im Vatikan.
Von Christine Schröpf, MZ

Der frühere Papst Benedikt gibt in einem neuen Interviewband Einblick in sein Leben.
Der frühere Papst Benedikt gibt in einem neuen Interviewband Einblick in sein Leben. Foto: dpa

Rom. Der frühere Papst Benedikt, seit seinem Amtsverzicht 2013 mit Rücksicht auf seinen Nachfolger öffentlich nahezu verstummt, bricht sein Schweigen: Im Interviewband „Letzte Gespräche“ mit dem Journalisten Peter Seewald äußert er sich zur umstrittenen Regensburger Rede, die 2006 zu Aufruhr in der islamischen Welt sorgte, zu den Konflikten mit der erzkonservativen Piusbruderschaft und Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson, zu Homosexuellen-Netzwerken im Vatikan – aber auch zu ganz privaten Momenten. Als seinen spirituellen Lieblingsort nennt er den Marienwallfahrtsort im oberbayerischen Altötting.

Kritik an Kirche in Deutschland

Das Buch erscheint an diesem Freitag. Benedikt XVI. räumt darin ein, die politische Bedeutung der Regensburger Rede unterschätzt zu haben. Joseph Ratzinger hatte während seiner Bayernvisite 2006 bei einem Vortrag an der Universität Regensburg aus einem Dialog zwischen Kaiser Manuel II. Palaeologos und einem gelehrten Perser im 14. Jahrhundert zitiert. „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“, lauteten die Worte, die eigentlichen einen Dialog mit anderen Kulturen anstoßen sollten, tatsächlich aber für Verwerfungen sorgten. Benedikt widerspricht, dass er auf die Brisanz dieser Äußerungen zuvor hingewiesen worden war und somit bewusst einen Eklat provoziert habe. Das Signal sei ein anderes gewesen. „Der Kaiser, der hier zitiert wird, stand bereits unter der Obermacht der Moslems – und trotzdem gab es die Freiheit, dass er Dinge sagen konnte, die man heute nicht mehr sagen könnte.“

Der Journalist und Papst-Biograph Peter Seewald veröffentlicht in dieser Woche seinen vierten Interviewband mit Papst Benedikt. Foto: dpa/Archiv
Der Journalist und Papst-Biograph Peter Seewald veröffentlicht in dieser Woche seinen vierten Interviewband mit Papst Benedikt. Foto: dpa/Archiv

Benedikt bezieht auch zu innerkirchlichen Vorgängen Stellung. Pädophile Priester, intransparente Finanzen und Korruption bezeichnet er als „Schmutz in der Kirche“, gegen den er angekämpft habe. „Ich wollte natürlich mehr tun, als ich konnte“, sagt er dazu. Er verweist aber darauf, dass er Hunderte pädophile Priester entlassen und eine Schwulen-Seilschaft gekappt habe. Es habe sich um eine kleine Gruppe von höchstens fünf Männern gehandelt. „Ob sich wieder was bildet, weiß ich nicht. Jedenfalls ist es nicht so, dass es von solchen Sachen wimmeln würde.“ Freimütig räumt er an anderer Stelle jedoch ein, dass es mit seiner Menschenkenntnis nicht zum Besten stehe.

Schlecht von Mitarbeitern beraten fühlt sich Benedikt XVI. im Rückblick in der Frage der Piusbrüder. 2009 hatte er die Exkommunikation von Bischof Williamson aufgehoben, danach war publik geworden, dass dieser den Holocaust leugnete. Als Folge habe ihn eine „riesige Propagandaschlacht“ getroffen, sagt der frühere Papst.

Kritik an Kirchensteuer

Ein hartes Urteil fällt er über die katholische Kirche in Deutschland. „In Deutschland haben wir diesen etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten.“ Kirche sei für diese Menschen „nur der Arbeitgeber, gegen den man kritisch steht“. Eine Skepsis, die schon bei Benedikts Deutschlandsbesuch im Jahr 2011 in der Rede in Freiburg angeklungen war. Dort hatte er Kirchenrepräsentanten mit einem Plädoyer für „Entweltlichung“ irritiert.

Ratzinger äußert sich im Interviewband auch mahnend zur deutschen Kirchensteuer, die er zwar grundsätzlich für sinnvoll hält. „Aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar.“

„Nein. Nein, nein. Ich sehe jeden Tag, dass es richtig war.“

Benedikt XVI. zur Frage, ob er seinen Amtsverzicht bedauert

Das Buch „Letzte Gespräche“ ist der vierte Interviewband, den der Journalist Peter Seewald mit Benedikt XVI. verfasst hat. Zuvor erschienen „Salz der Erde“ (1996), „Gott und die Welt“ (2000) und „Licht der Welt“ (2010). Seewald, der in Niederbayern in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen ist, sich aber in den 1968er-Jahren stark von der Kirche entfernt hatte, fand nach eigenen Worten durch die Begegnungen mit Benedikt zum Glauben zurück. „Je länger ich mich mit Joseph Ratzinger befasste, umso mehr imponierten mir seine Souveränität, seine Leidenschaft, sein Mut, mit unzeitgemäßen Gedanken gegen den Strich zu bürsten“, formuliert es Seewald selbst.

Der emeritierte Papst, inzwischen 89 Jahre alt, lebt seit seinem Rücktritt zurückgezogen im Kloster Mater Ecclesia im Vatikan. Seine Kräfte schwinden. Auf dem linken Auge sei er seit Jahren erblindet, schreibt Seewald. Beim letzten Treffen am 23. Mai im Vatikan erschien ihm Ratzinger abgemagert, mit mönchischen Zügen. „Es war faszinierend zu sehen, dass der kühne Denker, der Philosoph Gottes (...) am Ende angekommen ist, wo Intellekt allein nicht genügt, in Stille und Gebet, der Herzmitte des Glaubens“, sagt Seewald.

Mit sich selbst aber ist „Benedetto“ ganz offensichtlich im Reinen. Den Rücktritt 2013 hat er keine Sekunde bereut. „Nein. Nein, nein. Ich sehe jeden Tag, dass es richtig war.“

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