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Kirche

Müller rühmt die Regensburger Rede

Der Kardinal nennt Benedikts Worte eine „Sternstunde“. Prophetisch habe er Gesellschaftskrise und Terrorismus beleuchtet.
Von Christine Straßer, MZ

Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI., die vor zehn Jahren für Aufregung sorgte, aus heutiger Sicht beleuchtet. Foto: Straßer
Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI., die vor zehn Jahren für Aufregung sorgte, aus heutiger Sicht beleuchtet. Foto: Straßer

Regensburg.Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat die Regensburger Rede von Benedikt XVI. als „Sternstunde der großen deutschen Universitätstradition“ gewürdigt. Die Vorlesung sei vor genau zehn Jahren „das rechte Wort, zur rechten Zeit, am rechten Ort“ gewesen. Müller trat am Dienstagabend im Regensburger Dom angesichts einer Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des Verlusts einer verbindenden Idee für „einen ehrlichen Austausch zwischen den Kulturen in Ehrfurcht und gegenseitigem Respekt voreinander“ ein. Geradezu prophetisch habe Benedikt diese Themen bereits beleuchtet. So war es für Müller ein Leichtes, aktuelle Zeitbezüge herzustellen.

Papst Benedikt XVI. sprach vor zehn Jahren an der Regensburger Universität. Archivfoto: dpa
Papst Benedikt XVI. sprach vor zehn Jahren an der Regensburger Universität. Archivfoto: dpa

Papst Benedikt XVI. hatte am 12. September 2006 eine Vorlesung an der Regensburger Universität gehalten. Es war die einzige große Rede während seines fünftägigen Besuchs in der bayerischen Heimat. In der islamischen Welt löste er mit seinen Worten heftige Reaktionen aus. Benedikt zitierte einen spätmittelalterlichen byzantinischen Kaiser, der scharfe Kritik am Islam übt.

Terroristen folgen Teufelsstimme

Im Jahr 1391 sagte der byzantinische Kaiser Manuel II. in einem Gespräch mit einem gelehrten Muslim: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Davor hatte ein Papst lange nicht mehr einen derart islamkritischen Satz zitiert, ohne sich umgehend sehr deutlich davon zu distanzieren.

Papst Franziskus hat Gerhard Ludwig Müller am 22. Februar 2014 zum Kardinal erhoben. Impressionen aus Müllers Zeit als Regensburger Oberhirte sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Vom Regensburger Bischof zum Kardinal

Im Irak brannte eine Papstpuppe

Den allerwenigsten Zuhörern an der Regensburger Universität vor zehn Jahren war bewusst, welchen Sprengstoff der Papst aufs Tablett brachte. Aber zwei Tage später hagelte es dann nicht nur Kritik an der Rede. Die Türkei forderte eine Entschuldigung. Im Irak brannte eine Papstpuppe. In Kaschmir beschlagnahmte die Polizei Zeitungen, in denen über die Rede berichtet wurde, weil sie Unruhen befürchtete.

Beim Domforum wurde die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. gewürdigt. Gastredner war Kardinal Gerhard Ludwig Müller (2.v.l.). Foto: Straßer
Beim Domforum wurde die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. gewürdigt. Gastredner war Kardinal Gerhard Ludwig Müller (2.v.l.). Foto: Straßer

Müller, der in seiner Zeit als Regensburger Bischof das Domforum ins Leben gerufen hatte, trat nun auf Einladung von Bischof Rudolf Voderholzer als elfter Gastredner auf und ging in seinem Vortrag auch auf diese Kontroverse ein. Ein Halbsatz, ein unverstandener Gedanke seien aus einem großen Zusammenhang gerissen worden, kritisierte er.

Der heutige Präfekt der römischen Glaubenskongregation nahm seinerseits das Zitat des bereits von Benedikt erwähnten byzantinischen Kaisers auf, wonach Gott kein Gefallen an Blut hat. Heute würde man Müller zufolge von „destruktiver Gewalt“ und „terroristischen und kriminellen Taten“ sprechen. „Ein Krieg kann niemals heilig sein“, führte der Kardinal weiter aus. „Es kann Gott nicht gefallen, wenn seine Geschöpfe übereinander herfallen.“ Terroristen folgten der Stimme des Teufels.

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.

Papst Benedikt XVI.

Dabei ging es dem Papst in seiner Ansprache gar nicht um das Thema Gewalt und Islam, zumindest stand es nicht im Zentrum. Für ihn war das Zitat vielmehr Ausgangspunkt seiner Überlegungen zur Verbundenheit von Glauben und Vernunft. Bemerkenswert an der Regensburger Rede war dabei, dass Benedikt gerade die Vernunft in so großem Maß rühmte. Er sagte: „Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“ Angesichts der Herausforderungen, die der Dialog mit anderen Kulturen und Religionen beinhaltet, sollten – so führte es Benedikt XIV. aus – Vernunft und Glauben nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Ohne Gottes Frieden in unseren Herzen könne die globale Krise nicht gemeistert werden, wie es Kardinal Müller zehn Jahre später ausdrückte. Den Gedanken, wonach Vernunft und Glaube untrennbar sind, legte er umfassend dar. Müllers Ausgangspunkt war der ursprünglichste Gedanke der Vernunft. Dieser sei „das Staunen, dass es mich und die ganze Weltüberhaupt gibt“.

Das Wesentliche der religiösen Erfahrung ist Müllers Ausführungen zufolge „das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und das unendliche Vertrauen in seine Vorsehung.“ Mehr noch: „Religion ist das Urvertrauen, dass der, der mich ins Dasein gerufen hat, alles auch zu einem guten Ende führt.“

Schaffen wird das?

Beim Domforum wurde die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. gewürdigt. Gastredner war Kardinal Gerhard Ludwig Müller (2.v.l.). Foto: Straßer
Beim Domforum wurde die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. gewürdigt. Gastredner war Kardinal Gerhard Ludwig Müller (2.v.l.). Foto: Straßer

Müller ging auf die weltweite Flüchtlingskrise ein – und ohne sie beim Namen zu nennen, auf den umstrittenen Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Wir schaffen das!? Gewiss – aber nur, wenn wir uns klar machen, dass wir geschaffen sind, das heißt: dass wir uns für das Wohl und Wehe unserer Brüder und Schwestern jetzt im Gewissen und am Jüngsten Tag einmal vor dem Richterstuhl Gottesverantworten müssen“, sagte Müller.

„Liebe und Versöhnung, nicht Hass und Vergeltung führten in die Zukunft“, betonte Müller. Das sei die bleibende Botschaft der Regensburger Vorlesung, formulierte er abschließend.

In dem gerade erschienenen Interviewband „Letzte Gespräche“ mit dem Journalisten Peter Seewald übt Benedikt auch Selbstkritik. Er räumt beispielsweise ein, dass er die politische Brisanz seiner Rede unterschätzt habe. Zugleich widerspricht er Darstellungen, er habe bewusst einen Eklat herbeiführen wollen.

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