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Was bleibt vom Papst aus Bayern?

Am Ostersonntag feiert Benedikt XVI. seinen 90. Geburtstag. Schon jetzt gilt er als großer Vordenker seiner Zeit.
Von Christine Schröpf und Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Seit 2013 hat sich der emeritierte Papst Bendikt XVI. weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Kloster Mater Ecclesiae geht er aber weiterhin einem geregelten Tagesablauf nach. Er feiert die heilige Messe, empfängt Gäste, erledigt seine Korrespondenz und liest sehr viel. Foto: dpa
Seit 2013 hat sich der emeritierte Papst Bendikt XVI. weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Kloster Mater Ecclesiae geht er aber weiterhin einem geregelten Tagesablauf nach. Er feiert die heilige Messe, empfängt Gäste, erledigt seine Korrespondenz und liest sehr viel. Foto: dpa

Regensburg.Als Papst Benedikt XVI. im Februar 2013 in Rom verkündete, dass er aus Altersgründen das Papstamt nicht länger ausüben werde, da wurde viel über den Gesundheitszustand des damals 85-Jährigen spekuliert. Von einer schweren, akuten Erkrankung war die Rede. Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer äußerte damals große Besorgnis und rief zum Gebet auf. Doch Papst Benedikt XVI. hatte seine Entscheidung nicht im Angesicht des bevorstehenden Todes gefällt, er wollte eine starke Führung der katholischen Kirche, die er sich selbst unter den zunehmenden Belastungen des Alters nicht mehr zutraute.

Dr. Christian Schaller, Leiter des Papst-Benedikt-Instituts in Regensburg beschäftigt sich sehr intensiv mit dem Wirken des emeritierten Papstes. „Wer die Predigten von Joseph Ratzinger studiert, der erkennt, dass er ein Vordenker war.“ Damit eckte er an, sorgte bisweilen sogar für Aufruhr. In Erinnerung geblieben ist seine Rede aus dem Jahr 2006 an der Universität Regensburg. Damals zitierte er den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden.“ Dem Papst ging es um die Frage, ob Gewalt im Namen Gottes möglich ist. Damit sorgte er für Aufruhr in der muslimischen Welt – aber auch für Verletztheiten, die von ihm ungewollt waren. Heute gelten die Worte als Anregung zum interreligiösen Dialog.

Nach der Rücktrittsankündigung, die am Rosenmontag Deutschland erreichte, herrschte zunächst Fassungslosigkeit bei den Gläubigen. Doch Benedikt hat in vorausschauender Weise den Weg für nachfolgende Päpste geebnet, indem er nun vorlebt, wie eine Doppelspitze der katholischen Kirche funktionieren kann. „Er ist einer der großen Gelehrten des 21. Jahrhunderts“, sagt Schaller. Eine Meinung, die bislang nicht in allen theologischen Kreisen geteilt wird.

Im Herzen immer ein Pentlinger

Es ist eine Ehre für die Oberpfälzer, dass sich dieser große Kirchenmann, der nun an diesem Sonntag seinen 90. Geburtstag feiert, im Herzen als ein Oberpfälzer oder noch besser gesagt als ein Pentlinger fühlt. Dabei ist er streng genommen ein Oberbayer. Denn Marktl, Tittmoning und Traunstein waren seine ersten Lebensstationen. Doch in der Oberpfalz hat er Wurzeln geschlagen und nachhaltige Spuren hinterlassen. An der Universität Regensburg lehrte er in den 1970er Jahren als Professor, in Pentling vor den Toren der Stadt baute er sich ein Haus ganz nach seinen Wünschen. „Hier bin ich wirklich daheim“, hat er selbst einmal gesagt. Bürgermeisterin Barbara Wilhelm gehört am Ostersonntag zu den wenigen Gästen, die der emeritierte Papst empfängt. „Ja, Pentling, da freu ich mich. Pentling ist natürlich dabei“, soll der emeritierte Papst gesagt haben.

Hier verrät Privatsekretär Georg Gänswein, wie Papst Benedikt seinen Geburtstag verbringen wird:

Als Ratzinger 1981 als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom abberufen worden war, kehrte er im Sommer gerne in die Oberpfalz zurück. Hauptgrund war sein Bruder Georg Ratzinger, der frühere Domkapellmeister, der bis heute in Regensburg lebt. Auf dem Friedhof in Ziegetsdorf ist zudem das Grab der Schwester, Maria Ratzinger. Auch die Eltern wurden dorthin umgebettet.

Letzter Besuch im Häusl in Pentling: Papst Benedikt verabschiedete sich 2006 von seinem Zuhause. Foto: dpa
Letzter Besuch im Häusl in Pentling: Papst Benedikt verabschiedete sich 2006 von seinem Zuhause. Foto: dpa

Mit der Wahl zum Papst im April 2005 hörten die privatenUrlaube in Regensburg auf – zu groß die Zahl der Verpflichtungen, zu umfangreich auch der Sicherheitsaufwand, der nötig gewesen wäre. 2006, bei der offiziellen Bayernvisite, standen Regensburg und Pentling aber dann ein letztes Mal auf dem Besuchsprogramm. Benedikt XVI. wurde stürmisch gefeiert. Denn alle wussten, er würde niemals mehr zurückkehren. Das Haus in Pentling gehört inzwischen der Stiftung „Papst Benedikt“, die den Auftrag hat, sein umfangreiches Werk zu wahren und der Nachwelt zu erschließen. Das Gebäude, inzwischen behutsam renoviert, ist ein Zeitdokument. Es zeigt, wie bescheiden Ratzinger in Regensburg lebte. Auf Irdisches hat er nie großen Wert gelegt. Schaller sagt, dass sich auch hier die Verbundenheit zur Familie zeigt. So steht das Sofa, das schon die Eltern besaßen, im Häusl in Pentling. Wenn es allerdings um Bücher ging, konnte Ratzinger seinen Hang zur Bescheidenheit auch mal ablegen – davon zeugt die umfassende Sammlung.

Benedikt XVI. wird als der Papst der starken Worte in die Geschichtsbücher eingehen. Große Reden und Predigten prägten sein Pontifikat. Beim Deutschlandbesuch 2011 stieß er Debatten über die Rolle der Politik und die Stellung der Laien in der Kirche an. Er verstand es dabei stets, den Kern der Glaubensbotschaften einfach und klar zu vermitteln. Beim Anstoßen von Reformen in der Kirche war er kritischen Gläubigen allerdings nicht forsch genug und zu sehr in bayerischer Volksfrömmigkeit verhaftet. Sie hofften vergeblich auf Signale für wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle. Sie wünschten sich ein schärferes Vorgehen gegen Missbrauchsfälle. Sie beobachteten mit Argwohn Benedikts Entgegenkommen gegenüber den Piusbrüdern, das er selbst später in Bezug auf den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson bedauerte, wie er auch gegenüber dem Leiter des Papst-Benedikt-Instituts äußerte.

Beten, lesen, schreiben

Der größte Paukenschlag war Benedikts Rücktritt vom Papstamt im Februar 2013 – nie zuvor in der Neuzeit hatte ein Kirchenoberhaupt diesen Schritt getan. Lesen und beten zählt nun zu seinen wichtigsten Beschäftigungen. Er lebt zurückgezogen im Vatikan, im Kloster Mater Ecclesiae. Im Juli vergangenen Jahres besuchte er für zwei Wochen Castel Gandolfo, die Sommerresidenz des Papstes – an seiner Seite sein Bruder Georg. Der Aufenthalt habe sich allerdings wegen der weitläufigen Gänge als recht beschwerlich herausgestellt, weiß der Regensburger Prälat Heinrich Wachter, ein enger Freund der Familie. Ansonsten gehe es dem früheren Pontifex gesundheitlich gut. „Nur in der Bewegung ist er altersbedingt eingeschränkt. Geistig ist er nach wie vor aktiv.“

Sehen Sie hier Bilder aus einem bewegten Leben:

Das Leben von Papst Benedikt XVI.

Schaller weiß von seinen Besuchen beim emeritierten Papst, dass dieser nach wie vor einen geregelten Tagesablauf pflegt. Nach der Frühmesse, dem Frühstück und der Lektüre der Zeitung erledige er Korrespondenz und empfange Gäste. Auch der regelmäßige Spaziergang in den Vatikanischen Gärten, inzwischen unterstützt durch einen Rollator, gehört zu seinen Gepflogenheiten. „Er arbeitet nicht mehr an Büchern. Das, was er jetzt noch schreibt, wird nicht an die Öffentlichkeit gelangen“, sagt Schaller. Auch mit öffentlichen Äußerungen hält sich Benedikt seit seinem Rücktritt mit Rücksicht auf Franziskus zurück. Der große Kirchendenker mit bayerischen Wurzeln, der wohl noch viel zu sagen hätte, ist in Demut verstummt.

1987 wurde Kardinal Ratzinger von Bürgermeister Gerhard Klier zum Ehrenbürger Pentlings ernannt. Foto: Moosburger
1987 wurde Kardinal Ratzinger von Bürgermeister Gerhard Klier zum Ehrenbürger Pentlings ernannt. Foto: Moosburger

In Pentling wird dem Ehrenbürger am Ostersonntag in einem Festakt gedacht. Professor Wolfgang Beinert, ein Schüler Ratzingers, wird den Festvortrag halten. „Was wir ihm geben können, womit wir ihn begleiten dürfen, womit wir seine Last auf unsere Schultern ein wenig laden mögen, ist kritisches Mitdenken, mitbürgerliche Solidarität und gläubige Liebe in der Gemeinschaft Gottes.“ Worte nach der Papstwahl, denen sich die Pentlinger bis heute verpflichtet fühlen.

Lesen Sie hier eine Würdigung Ratzingers von Dr. Christian Schaller, dem Leiter des Papst-Benedikt-Instituts:

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