MyMz
Anzeige

Teilhabe

Das Bündnis für inklusive Arbeit steht

17 namhafte Institutionen unterzeichneten die „Regensburger Erklärung“. Sie soll Jobs für Menschen mit Handicap schaffen.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Oberbürgermeister Joachim Wolbergs machte den Anfang und unterzeichnete vor den anderen Unterstützern die „Regensburger Erklärung“. Fotos: Lex
  • Die Musikgruppe „Werkstattexpress“ sorgte bei der Unterzeichnung für hervorragende Stimmung. Foto: Lex

Regensburg. So gut gelaunt und fetzig das Bandprojekt „Werkstatt-Express“ der Lebenshilfe Regensburg musikalisch auf den Festakt im Salzstadel an der Steinernen Brücke einstimmte, so nachdenklich und bestimmt waren die folgenden Reden am Mittwochnachmittag gehalten: Die Willenserklärung ist nicht genug, betonten die Schirmherren Oberbürgermeister Joachim Wolbergs und Landrätin Tanja Schweiger und weitere Sprecher. Es müssen Taten folgen, um möglichst vielen Menschen mit Behinderung eine selbstverständliche Teilhabe am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Kurz: Es müssen Jobs geschaffen werden. Und dafür müssen sich nicht die Menschen mit Behinderung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen, sondern die Gesellschaft muss sich verändern, betonte Wolbergs gleich zu Beginn der Veranstaltung.

Mehr als 100 Gäste hatten sich im Kränchersaal im zweiten Stock des Stadels in der Weiße-Lamm-Gasse versammelt, um bei der Unterzeichnung der „Regensburger Erklärung“ dabei zu sein, mit der die zwei Schirmherren und 15 Paten der Aktion ihr „Bündnis für einen inklusiven Arbeitsmarkt“ besiegelten.

Schwieriger Wechsel

Initiiert hatte die Regensburger Erklärung der Arbeitszirkel „Inklusiver Arbeitsmarkt“ des Projekts „Regensburg inklusiv“, in dem sich Einrichtungen wie die Regensburger Werkstätten der Lebenshilfe, der Integrationsfachdienst Oberpfalz, Retex, die Katholische Jugendfürsorge und der Werkhof engagieren, also Institutionen, die wissen, wie schwierig es ist, als Mensch mit Behinderung auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Quote der Beschäftigten, die von einer Behindertenwerkstatt in die Arbeitswelt wechseln können, lag in den letzten Jahren bei nur einem Prozent, erklärte Arbeitskreis-Sprecher Rolf-Dieter Frey von der Lebenshilfe.

Die Regensburger Erklärung

  • Ziele

    Die „Regensburger Erklärung: Lokales Bündnis für einen inklusiven Arbeitsmarkt“ hat folgende Ziele: die Beschäftigungschancen von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Abeitsmarkt zu verbessern, die Zusammenarbeit und Kooperation von Unternehmen mit Einrichtungen der Behindertenhilfe zu fördern, Inklusion mit seinen Hauptzielen – Barrierefreiheit, Selbstbestimmung, Teilhabe – im Bereich des Arbeitslebens als Leitgedanke zu verankern, Netzwerk- und Informationsarbeit zu leisten und weitere Unterstützer für das Bündnis zu gewinnen. Die Unterzeichner der „Regensburger Erklärung“ unterstützen im Rahmen ihres Einflussbereiches die nachhaltige und kontinuierliche Umsetzung der Ziele.

  • Unterstützer:

    17 Vertreter der folgenden Körperschaften, Institutionen und Wirtschaftsunternehmen unterzeichneten am 29. April das Bündnis: Stadt Regensburg, Landratsamt Regensburg, Bezirk Oberpfalz, Continental Automotive GmbH, Evang.-Lutherischer Kirchenkreis Regensburg, Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Hanshans Meisterbetrieb, Industrie- und Handwerkskammer Regensburg für Oberpfalz / Kelheim, Jäger Metallverarbeitung GmbH, Katholische Jugendfürsorge des Diözese Regensburg e.V., Diözese Regensburg, Krones AG, Mittelbayerischer Verlag KG, Osram GmbH, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg und das Zentrum Bayern Familie und Soziales Regionalstelle Oberpfalz.

„Es ist alles schön leicht geredet, aber morgen beginnt die Arbeit!“, betonte Wolbergs. Die Stadt sei kein Vorreiter. „Wir können eine Menge mehr machen.“ Es gehe darum, Menschen mit Handicap im ersten Arbeitsmarkt unterzubringen – „ganz normal, weil es zur Würde des Menschen gehört, dass kein Unterschied gemacht wird zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.“

Wolbergs wünscht sich eine Entwicklung der Stadt zur „inklusivsten Stadt, zur inklusivsten Region“. Auch Schirmherrin Tanja Schweiger betonte, wie wichtig es sei, Inklusion regional zu denken und anzugehen. „Wir als öffentliche Verwaltung müssen unseren Beitrag leisten“, sagte Schweiger und bezog sich nicht nur auf die Barrierefreiheit des neuen Landratsamts, sondern gerade auch an die Verantwortung als Arbeitgeber.

Irmgard Badura (r.), die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, schrieb eine Widmung auf die Erklärung.
Irmgard Badura (r.), die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, schrieb eine Widmung auf die Erklärung. Foto: Lex

„Am Besten wäre es, wenn wir das Wort ,Inklusion‘ irgendwann nicht mehr brauchen würden“, sagte der Bezirkssprecher der Oberpfälzer Werkstatträte, Joachim Gradl. Er schilderte die Ängste von Menschen mit Behinderung, die den geschützten Raum der Werkstätten verlassen, und forderte einerseits eine gute Begleitung der Betroffenen am Arbeitsmarkt, andererseits ein Rückkehrrecht in die Werkstätten.

Für das Bündnis werben

Die „Regensburger Erklärung“ sei eine moralische Absichtserklärung, die dem Bündnis aus Vertretern von Unternehmen, Politik, Behörden und Verbänden als Grundlage diene, sagte Frey. Sie sei aber nur der Startschuss vor einer Menge Arbeit. Denn das Bündnis werde sich daran messen lassen müssen, ob auch für Menschen mit schwereren Behinderungen eine Teilhabe am Arbeitsmarkt möglich wird. Frey forderte deshalb die Paten der Aktion auf, die Erklärung in ihren Betrieben auszuhängen und aktiv dafür zu werben.

Wie wichtig die „Regensburger Erklärung“ auch überregional genommen wird, zeigte Irmgard Badura, die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, die extra angereist war, um das Dokument mit einer Widmung zu versehen. Die Vertreter von 17 Institutionen setzten anschließend ihre Unterschriften unter die Erklärung: von den beiden Schirmherren über kirchliche Träger von Behinderteneinrichtungen, Kammern, der Ostbayerischen Technischen Hochschule, Unternehmen wie Conti, Krones, Osram und dem Mittelbayerischen Verlag bis hin zum Hanshans Meisterbetrieb. Die Schreinerei in Hainsacker hat mit Dominik Fritsch einen Mitarbeiter der Regensburger Werkstätten der Lebenshilfe als Beschäftigten ins Unternehmen integriert.

Erfolgreiche Beispiele

So sieht die Regensburger Erklärung aus: Ein Kreis aus Unterzeichnern und Paten engagiert sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt.
So sieht die Regensburger Erklärung aus: Ein Kreis aus Unterzeichnern und Paten engagiert sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt. Foto: Lex

Robert Hanshans und Dominik Fritsch berichteten unter dem Punkt „Best Practice“ von ihren Erfahrungen. Fritsch beschrieb seine Aufgaben im Unternehmen und lobte die gute Begleitung: „Ich bin immer mit einem Mitarbeiter fest zusammen. Der Kollege hilft!“ Wie wichtig eine gute Vorbereitung und Begleitung ist, bestätigte Robert Hanshans, der andere Arbeitgeber ermutigte, die Zusammenarbeit mit Menschen mit Handicap auszuprobieren. Durch die Lebenshilfe habe er eine tolle Unterstützung erhalten. Für Informationen für Arbeitgeber wird auch der Arbeitszirkel von „Regensburg inklusiv“ in Nachfolgeveranstaltungen sorgen, kündigte Frey an.

„Dominik ist ein Gewinn, keine Belastung. Er kommt auch bei den Kunden gut an“, lobte Hanshans. „Das klappt einfach“. Auch Peter Wichelmann, Leiter der Personalabteilung der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese, und Sebastian Müller, Leiter des Büros für leichte Sprache „Sag’s einfach“, schilderten ihre Zusammenarbeit als fruchtbar. „Wir brauchen den richtigen Mitarbeiter an der richtigen Stelle“, sagte Wichelmann im Gespräch mit Frey und dem Projektleiter von „Regensburg inklusiv“, Thomas Kammerl, der auf amüsante Art durch die Veranstaltung geführt hatte. „Wir hatten bestimmte Anforderungen“, erklärte Wichelmann, und für diese sei der mehrfachbehinderte Sebastian Müller am geeignetsten gewesen.

„Behinderung ist nur ein Merkmal. Es sagt nichts über die Persönlichkeit eines Menschen aus“, betonte Müller. „Scheuen Sie sich nicht, Menschen mit Mehrfachbehinderung einzustellen. Es lohnt sich für alle Beteiligten!“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht