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Den Weihnachtsstern kann er nur erahnen

Wegen einer Augenkrankheit ist Friedrich Schuhmacher fast blind. Trotzdem genoss er den Christkindlmarkt in Regensburg.
Von Julia Meidinger, MZ

Das Leuchten der bunten Dekoration kann sich Friedrich Schuhmacher nur noch vorstellen.
Das Leuchten der bunten Dekoration kann sich Friedrich Schuhmacher nur noch vorstellen. Foto: Meidinger

Regensburg.Die Augen hinter den getönten Brillengläsern Richtung Himmel gerichtet, steht Friedrich Schuhmacher auf dem Neupfarrplatz. Er scheint den Trubel auf dem Weihnachtsmarkt um ihn herum aufzusaugen. Wenn ein unerwartetes Geräusch neben ihm ertönt, erschrickt er. „In diesem Moment wünsche ich mir, sehen zu können“, sagt er mit einem traurigen Lächeln. Die bunten Lichter, die Krippenfiguren und das Karussell – Schuhmacher weiß, wie sie aussehen, denn er war nicht immer blind.

Der Rentner leidet an einer Makuladegeneration, seit über fünf Jahren ist er fast blind. „Fast, weil ich in den Augenwinkeln Bewegungen oder Lichter verschwommen wahrnehmen kann“, erzählt Schuhmacher. Er ist jetzt am Bratwurststand angelangt, den Weg hat er sich mit seinem Blindenstock gebahnt. An dessen Ende ist eine kleine Kugel befestigt, die ratternd über das Kopfsteinpflaster rollt und Schuhmacher vor Unebenheiten oder Hindernissen warnt. Der Blinde schließt die Augen und atmet genüsslich ein. Seine übrigen vier Sinne sind seit der Erblindung geschärft, seine Außenwelt nimmt er vor allem durch Gerüche wahr. „Vor allem die Weihnachtszeit mit ihren Düften genieße ich in vollen Zügen“, berichtet Schuhmacher. Er räuchere auch für sein Leben gerne, eine Leidenschaft, die seine Frau leider nicht mit ihm teile.

Der Blinde entscheidet sich für eine Knackwurstsemmel – ohne Senf. „Sonst verteile ich den Senf auf Schal und Mantel“, erklärt Schuhmacher und lacht laut. Er strahlt Lebensfreude aus, seine Witze unterhalten die ganze Gruppe. Seine Neugier ist ansteckend, Friedrich Schuhmacher will genau wissen, was um ihn herum passiert.

Ein Stand, an dem blumenförmige Kerzen verkauft werden, die in Gläsern schwimmen, fesselt den Blinden besonders. Seine Begleiter beschreiben ihm die Farben der blütenförmigen Formen und wie sie brennend an der Oberfläche schwimmen. Friedrich Schuhmachers Blick ist konzentriert, seine Stirn legt er in Falten – das hat er noch nie gesehen, er versucht es sich vor seinem inneren Auge vorzustellen. Schließlich gibt ihm die Verkäuferin eine Blüte in die Hand. Mit geschlossenen Augen lässt der Blinde seine Finger über die Rillen gleiten. „So eine nehme ich“, beschließt Schuhmacher. Bei der Farbauswahl lässt er sich beraten, er entscheidet sich für ein rotes Öl-Licht. „Für meine Kleidung habe ich zu Hause ein Farberkennungsgerät, damit ich nicht wie ein Kasperl herumlaufe. Das könnte ich jetzt auch gebrauchen“, bemerkt der Blinde.

Friedrich Schuhmacher hat sich mit seinem Handicap abgefunden. „Anfangs fällt man in ein sehr tiefes Loch. Doch ich habe Hilfe angenommen, zum Beispiel von den Menschen vom Blindenverband, mit denen ich heute auf dem Christkindlmarkt bin“, sagt Schuhmacher. Geholfen hat ihm auch ein Forschungsprojekt der Uni Regensburg, das nach Behandlungsmöglichkeiten für seine Krankheit sucht. „Viermal im Jahr lasse ich dort meine Gehirnströme messen und unterhalte mich mit den Ärzten. Meine Hoffnung ist, dass in vielleicht 20 Jahren anderen an MD erkrankten Menschen geholfen werden kann“, sagt Friedrich Schuhmacher.

Als sich der Neupfarrplatz langsam füllt, wird der Blinde unruhig. Das Gedränge verunsichert ihn. Trotzdem geht er gerne auf den Christkindlmarkt: „Allein wegen des Geruchs der gebrannten Mandeln.“

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