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Forschung

Der Dom – geplant bis ins Detail

Ob Türme oder Gewölbe: Die Konstruktion des Regensburger Wahrzeichens ist meisterlich. Prof. Manfred Schuller erklärt, wieso.
von Heike Haala, MZ

Die Mauern: Zwei Schalen verleihen Stabilität

Der Dom sieht fleckig aus. Sein Mauerwerk ist weiß, teils grünlich, die Fugen verlaufen unregelmäßig. Wer ihn zum ersten Mal sieht, könnte annehmen, das Regensburger Wahrzeichen wurde ab den 1270er-Jahren stückweise oder sogar in planerischer Willkür aus dem mittelalterlichen Boden gestampft. Das stimmt aber nicht. Dieser Meinung ist Prof. Manfred Schuller. Er ist Dom-Experte und hat nun zusammen mit Prof. Achim Hubel den letzten Band eines Standardwerks herausgegeben, das die aktuelle Forschung zu St. Peter auf den Punkt bringt. „Der Dom ist vom Fundament bis in die Turmspitzen ein Werk solider Planung“, sagt Schuller. Diese Planung ist auch der Grund für das fleckige Mauerwerk (Foto: dpa) etwa an der Westfassade: Denn in den Dom-Steinbrüchen bei Kapfelberg in der Nähe von Kelheim gab es sowohl helle Kalk- als auch dunklere Grünsandsteinschichten. Die Arbeiter schlugen die Steinquader stets so groß wie nur irgend möglich aus jeder dieser Schichten heraus und transportierten sie auf die Baustelle. Dort errichteten sie mit Kränen und Gerüsten aus Holz die steinernen Innen- und Außenhäute des Doms. Die Zwischenräume füllten sie mit Bruchsteinen auf und gossen Kalkmörtel hinein, so dass ein stabiler Verbund dieser beiden Mauerwerke entstand. So steht der Dom bis heute da.

Lesen Sie hier einen Beitrag zu den Forschungen am Regensburger Dom.

Die Pfeiler: Sie lassen die Kathedrale emporstreben

Die Pfeiler wurden aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. Foto: dpa
Die Pfeiler wurden aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. Foto: dpa

Der bis zu 32 Meter hohe Innenraum des Doms verdankt seine imposante Wirkung auch den Pfeilern (Foto: dpa). Filigran und leicht lassen diese Bauteile den Innenraum der Kathedrale in die Höhe streben. Das ist möglich, weil sie akribisch im Erdboden verankert wurden. Die Fundamente, besonders der Pfeiler im westlichen Teil des Innenraums, sind gigantisch. Sie reichen bis zu elf Meter tief in die Erde und gründen erst auf der Schicht der Donaukiesel im Untergrund. Nur so können sie das Gewicht der beiden Türme tragen, die bis zu 105 Meter über dem Domplatz in die Höhe ragen. Zwar wirken die Pfeiler wie steinerne Stämme aus einem Guss, doch bestehen sie aus vielen Einzelteilen. Die bereiteten die Steinmetze auf den Millimeter genau vor, erst dann wurden sie verbaut. Wie im Mauerwerk befindet sich in ihnen ein Mix aus Bruchstein und Mörtel. Um die Pfeiler zu errichten, benutzten die Steinmetze gerade einmal zwölf verschiedene Werkzeuge. „Das reicht, um einen Dom zu bauen“, sagt Schuller. Dazu gehörten Spitz- und Flachmeißel, Hämmer aus Holz und Eisen, Spitzhacken und Beile mit Zähnen. „Diese Instrumente wurden seit der Antike auf Baustellen verwendet“, sagt Schuller.

Die Bögen und die Gewölbe: Ein gotischer Balanceakt

Die Gewölbe und Bögen sind ein gotischer Balanceakt Foto: dpa
Die Gewölbe und Bögen sind ein gotischer Balanceakt Foto: dpa

Stein für Stein mit einfachsten Mitteln in die Höhe zu mauern, ist das eine. Allerdings sähe der Dom dann aus wie ein steinerner Klotz, in seinem Inneren wäre es stockdunkel. Ihre Leichtigkeit und Helligkeit verdankt die Kathedrale auch ihren spitzbögigen Fensterbahnen und den Gewölben (Foto: dpa). Um diese Bauteile zu errichten, mussten die Planer einen gotischen Balanceakt vollbringen. Das war nur mit Hilfe von Gerüsten möglich, die, ob spitz oder flach, an jeden Bogen und jede Wölbung angepasst wurden. Erst wenn die Arbeiter den letzten Stein am Scheitel eines jeden Bogens einsetzten, konnten sie überprüfen, ob die kühne Konstruktion auch ohne Holzgerüst stehen bleibt. Ungleich aufwendiger war der Bau der vielen Gewölbe im Dom. Das funktionierte nach dem „System Gotik“. Auch sie wurden mit Hilfe von angepassten Gerüsten errichtet. Zunächst bauten die Arbeiter ein Viereck aus Bögen. Dieses Bogen-Viereck überspannten sie mit zwei weiteren diagonalen Bögen. Damit stand das Skelett der Gewölbe. In die dreieckigen, leeren Zwischenräume mauerten sie segelartige Gebilde aus Backstein. So luftig sie sich auch blähen, diese Segel bestehen aus einer bis zu 30 Zentimeter dicken Schicht aus Stein, die zum Teil eine Weite von bis zu 13 Metern überspannen.

Im Video sehen Sie, wie der Dom entstand:

Enstehung des Regensburger Doms

Das Strebewerk: Das Gegengewicht der Leichtigkeit

Das Strebewerk ist ein Gegengewicht zur gotischen Leichtigkeit. Foto: altrofoto.de
Das Strebewerk ist ein Gegengewicht zur gotischen Leichtigkeit. Foto: altrofoto.de

Wer A sagt, muss auch B sagen. Das galt auch schon für die Architekten des Regensburger Doms. In ihrem Fall bedeutete das: Ein an vielen Stellen durch flächige Fensterbahnen durchbrochenes Mauerwerk, auf dem ein massives Deckenkonstrukt aus gemauerten Gewölben lastet, braucht ein entsprechendes Gegengewicht. Sonst fällt es in sich zusammen wie ein Soufflé. Irgendwie mussten die Kräfte, die durch das Gewicht der Gewölbe entstehen, also ausgeglichen werden. Dazu spannten die Planer ein Strebewerk (Foto: altrofoto.de) über dem Dach der Seitenschiffe. Diese Steinstreben sind etwa vom Domplatz aus zu sehen. Sie leiten die Schwerkraft weg vom Mittelschiff in die Außenmauern und schließlich in das Fundament. Aber mit diesen Streben alleine ist es noch nicht getan. Auf ihnen sitzen kleine Türmchen, die nicht nur nett anzusehen sind. Ihr planerischer Nutzen resultiert aus ihrem Gewicht. Auf diese Weise verhindern sie, dass die Wände des Doms nach außen wegbrechen. Aber die Steinstreben haben auch noch einen anderen Nutzen. Sie sind Teil eines ausgeklügelten Systems, das Regen- und Schmelzwasser vom Dach des Doms in geregelten Bahnen ablaufen lässt. „Denn schon durch die schiere Fläche des Domdachs kommen große Mengen an Wasser zusammen“, sagt Schuller. So läuft das Regenwasser vom Dach des Doms über Rinnen an der Oberseite dieser Strebepfeiler in Laufgänge, die auch als Ablauf dienen. Früher schoss es von hier aus in die Wasserspeier, die heute allerdings nicht mehr im Einsatz sind: Diese Speier spritzten das Wasser weit vom Gebäude weg. „Das muss imposant gewesen sein“, sagt Schuller.

Die Türme: Wahrzeichen des Regensburger Doms

Die Turmspitzen stammen aus dem 19. Jahrhundert.  Foto: altrofoto.de
Die Turmspitzen stammen aus dem 19. Jahrhundert. Foto: altrofoto.de

Wer an die Regensburger Stadtsilhouette denkt, dem fallen unwillkürlich auch die beiden Spitzen (Foto: altrofoto.de) des Doms ein, die die Dachlandschaft der Altstadt krönen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts endeten diese Türme provisorisch als Dach noch 40 Meter näher am Erdboden. Erst dann schwangen sich Bauherren dazu auf, sie mit den beiden charakteristischen Helmen auf eine Höhe von bis zu 105 Metern zu ergänzen. Dieses Unterfangen war nur dank des soliden Fundaments unter dem Dom möglich. Die Bauherren aus dem 19. Jahrhundert überprüften es vor der Erweiterung genau auf seine Statik, sagt Dom-Experte Schuller. So hoch diese Türme jetzt auch sein mögen, im Dominnenraum wird der Besucher nicht erahnen, welche Steinlast über ihm in den Himmel strebt. Das ist möglich, weil die Türme an zwei Außenseiten auf der Außenmauer der Kirche lasten, den Rest ihres Gewichts tragen die zwei mächtigen Pfeiler im Westen des Mittelschiffs. „Wer genau hinsieht, wird auch bemerken, dass diese beiden Pfeiler etwas dicker sind als der Rest der Reihe“, sagt Schuller. Er weiß auch von einer Planungs-Variante des Doms mit einem weiteren Turm. Zusätzlich zu den Westtürmen sollte der, asymmetrisch im Grundriss stehend, im Norden der Kirche gebaut werden. Auch verfolgten die Konstrukteure lange Zeit das Ziel, den Kreuzungspunkt zwischen Lang- und Querschiff mit einem weiteren Turm zu bekrönen. Durch diesen sollte viel Licht in den Innenraum fluten und ihn auf diese Weise noch weiter erhellen. Allerdings wurden diese wohl schon sehr klaren Planungen aus dem 14. Jahrhundert aufgegeben. Heute befindet sich an dieser Stelle nur ein kleines, vom Grünspan verfärbtes Türmchen aus verzinktem Metall.

Das Dach: Viel Holz sorgt für trockene Zeremonien

Im Dachstuhl des Doms. Das Laufrad half, schwere Bauteile in die Höhe zu lupfen. Foto: Archiv
Im Dachstuhl des Doms. Das Laufrad half, schwere Bauteile in die Höhe zu lupfen. Foto: Archiv

Ab dem Ende der 1270er-Jahren bauten die Steinmetze an der Regensburger Kathedrale. Sie begannen im Osten mit dem Chor, wo der Altar steht, und arbeiteten sich fast zweihundertfünfzig Jahre lang nach Westen vor. Wo immer die Mauern von St. Peter aber in die Höhe schossen, galt der Grundsatz: Bevor der Innenraum ausgestaltet wird, muss das Dach über dem Bauwerk errichtet werden. Denn auf diese Weise verhinderten die Planer, dass die Feuchtigkeit durch Regen und Schnee die Gewölbe während ihres Baus gefährdete. An den Arbeiten für den Dachstuhl war eine Werkstatt beteiligt, deren Zimmerer auch auf einer anderen prominenten Baustelle schufteten: wenige Hundert Meter weiter am Alten Rathaus. Schuller ist sich da so sicher, weil im Holz beider Dachkonstruktionen (Foto: Archiv) identische Zeichen von Handwerkern gefunden wurden. Wie diese Werkstatt aber hieß und wer der Chef dort war, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Weil sich die Pläne der Regensburger für die Domtürme mehrfach änderten, musste auch die Dachkonstruktion diesen Plänen angepasst werden. So hatte sie zunächst eine mit 45 Grad wesentlich flachere Neigung. Auf ihr sollte eine Lichtkuppel errichtet werden, wie auch der Dom in Passau eine hat. Nachdem die Planer aber von dieser Idee abkamen, verpassten sie dem Dom ein Dach mit einer 60 Grad steilen Neigung. Das machte eine mehrstöckige Dachstuhlkonstruktion erforderlich, in der sich noch heute Holz aus der Bauzeit befindet. Im Dachstuhl gibt es heute außerdem noch ein Werkzeug, das den Bauarbeitern wertvolle Dienste leistete: Ein Heberad, in dem sie wie Hamster liefen. Mit jedem Schritt in diesem Rad lupften die Steinmetze schwere Bauteile in die Höhe.

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