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Die Geschichten der jungen, alten Stadt

Der Regensburger Almanach für 2016 ist erschienen. In fast 40 unterhaltsamen Beiträgen beleuchtet er die Stadtentwicklung.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Herausgeber Prof. Dr. Peter Morsbach, OB Joachim Wolbergs und Josef Roidl, der Verleger des Battenberg Gietl Verlags und MZ Buchverlags, (v. l.) präsentierten den Regensburger Almanach 2016.
Herausgeber Prof. Dr. Peter Morsbach, OB Joachim Wolbergs und Josef Roidl, der Verleger des Battenberg Gietl Verlags und MZ Buchverlags, (v. l.) präsentierten den Regensburger Almanach 2016. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Jugendlich frisch begann die Präsentation des 48. Regensburger Almanachs: Die Schülerband des Albertus-Magnus-Gymnasiums stimmte die zahlreichen Ehrengäste im Auditorium des Thon-Dittmer-Palais am Mittwochabend auf einen heiteren Abend ein. Verleger Josef Roidl vom Battenberg Gietl Verlag, Herausgeber Prof. Dr. Peter Morsbach und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs hoben zu launigen Reden an – und spendeten vor allem den Machern des Regensburger Almanachs, den Autoren, Fotografen und Verlagsmitarbeitern, Respekt.

„Wie leben alte und junge Menschen in einer Stadt, die einen noch vor zwanzig Jahren unvorstellbaren Aufschwung genommen hat, der augenscheinlich noch nicht an seinem Ende angekommen ist.“

Herausgeber Peter Morsbach über die Grundfrage, die der Regensburger Almanach 2016 stellt

„Regensburg ist alt und jung zugleich“ ist der Titel des Regensburger Almanachs 2016. Mit dem leicht abgewandelten Geburtstagsständchen „Veronika, der Lenz ist da“ wollten die Jüngsten im Saal, das Ensemble des AMG, eigentlich das 95-jährige „Spargelwei vom Neupfarrplatz“, Christine Hünn beehren, der eines der Porträts im Buch gewidmet ist. Doch diese hatte kurzfristig abgesagt. Also wurde der zweitälteste Porträtierte, Oswald Richter (94), Seniorchef der Firma „Tusch und Richter“, musikalisch, mit einem Blumenstrauß und Applaus gewürdigt. Viel Applaus bekamen auch die Redner: Roidl, der sich als Fan des gedruckten Wortes outete, lobte Morsbach, der seine Autoren „überredet habe, gebettelt, redigiert und recherchiert und das Kunstwerk vollbracht habe, zuverlässig und pünktlich zu sein. „Die Auswahl der Beiträge ist großartig!“

Liebe zur Heimatstadt

Dem stimmte OB Wolbergs voll zu. Er sah die wichtigen Themen im Almanach vertreten, wie die Gedanken und Erlebnisse der jungen Flüchtlinge oder auch die internationale Jugendkonferenz in Regensburg, in der rund 100 junge Menschen aus aller Welt ihre Zukunftsvisionen darlegten. „Ich liebe den Almanach!“, bekannte Wolbergs. Er spiegle die Liebe der Autoren zu ihrer Heimatstadt wider.

Bald 75 Jahre Altersunterschied haben die 95-jährige Spargelverkäuferin Christine Hünn und ihre Kundin. Der Almanach widmet dem „Spargelwei vom Neupfarrplatz“ eine Geschichte.
Bald 75 Jahre Altersunterschied haben die 95-jährige Spargelverkäuferin Christine Hünn und ihre Kundin. Der Almanach widmet dem „Spargelwei vom Neupfarrplatz“ eine Geschichte. Foto: Gerald Richter / Battenberg Gietl Verlag

Der Regensburger Almanach ist längst eine Institution. Wichtige Geschehnisse, bedeutende Persönlichkeiten, herausragende Entwicklungen, gesellschaftliche Trends, Tops und Flops – greift das Buch auf und beleuchtet sie kenntnisreich und unterhaltsam, vor dem Hintergrund der unermesslich reichen Geschichte dieser Stadt. Morsbach stellte in seiner witzigen Rede einige der Almanachthemen vor, als „geistiges Magenkratzerl“, wie er sagte. Die Beiträge der jungen Autorinnen Maria Terhart und Laura Abt, Gewinnerinnen eines DEZ-Schreibwettbewerbs, „die in einer Epoche aufwachsen, die 70 Jahre keinen Krieg erlebt hat,“ treffen in dem soeben im MZ Buchverlag (Battenberg Gietl Verlag; 231 Seiten, 29,90 Euro) erschienenen Almanach auf die Geschichte von Amanuel Yemane, der nach einer neun Monate dauernden, gefährlichen Flucht alleine von Eritrea nach Regensburg kam und seine Erlebnisse fesselnd schildert. Unglaublich, wie viel Talent und Intelligenz in solchen Ländern verschleudert werde, weil die jungen Menschen keine Chance haben, sagte Mordbach.

Wohnmobil in Fußballform

Namhafte Autoren – von Maria Baumann, Lu Teichmann, Michael Eibl, den MZ-Autoren Michael Scheiner, Gerd Otto, Andreas Meixner und Claus-Dieter Wotruba bis hin zum Kulturreferenten Klemens Unger – zeichnen in den fast 40 Beiträgen des Regensburger Almanachs 2016 ein beredtes Bild der aktuellen Stadtgesellschaft ebenso wie der historischen Geschehnisse und Persönlichkeiten, die bis in die heutige Zeit nachwirken. Da gibt es für jede Interessenslage Lesestoff. Manches wirkt skurril, schier unglaublich. Eginhard König zum Beispiel erinnert mit seinem Ballonauten-Tagebuch an die zwei Regensburger Fußballer Jakob Schmid und Franz Perzl, die von Mai 1932 bis August 1933 mit einem Wohnmobil in Fußballform durch die Lande zogen.

Sinnbild für die Begegnung von Jung und Alt aus dem Regensburger Almanach: Teilnehmer der ersten internationalen Jugendkonferenz stellten im Historischen Reichssaal Zukunftsvisionen vor.
Sinnbild für die Begegnung von Jung und Alt aus dem Regensburger Almanach: Teilnehmer der ersten internationalen Jugendkonferenz stellten im Historischen Reichssaal Zukunftsvisionen vor. Foto: Stadt Regensburg/ MZ Buchverlag im Battenberg Gietl Verlag GmbH

In Nostalgie schwelgen können die einen, über Anarchistisches staunen die anderen bei Katharina Lenz’ Streifzug durch die Regensburger Studentenkneipen der 1970er Jahre. Wem die „Tangente“ als musikalischer Mittelpunkt für alle noch etwas sagt, der ist hier richtig. Musik spielt in diesem Almanach überhaupt eine wichtige Rolle: Vom Spatzen-Quartett über den legendären Jazzclub Kneiting bis zum „Haus der Musik“ – und damit wieder zum Thema Jugend in altem Gemäuer – reicht die Palette der Themen.

Blätterei im neuen Almanach

  • Gesellschaft

    Wer lebt in dieser Stadt? Wer begeistert sich wofür? Wer trägt das gesellschaftliche Leben, unterstützt Vereine, Sport, Kunst und Kultur? Die Jahn-Fans und ihre Leidensfähigkeit nimmt der Regensburger Almanach 2016 ebenso unter die Lupe, wie die Situation junger Flüchtlinge in Regensburg. Sie schildern, wie sie in dieser Stadt leben und was sie sich erhoffen.

  • Geschichte

    Das Thema „Regensburg ist alt und jung zugleich“ verweist auf die Geschichte. Dementsprechend groß ist der Anteil an Erinnerungen an frühere Zeiten. Während am Donaumarkt das Museum der Bayerischen Geschichte entsteht, erinnert der Almanach an die Entstehung des Platzes durch den Abbruch kriegszerstörter Häuser.

  • Persönlichkeiten

    Der Maler Peter Wittmann und der Wirtschaftsexperte Wolfgang Wiegard gehören zu den Regensburger Persönlichkeiten, denen der Almanach Porträts widmet. Mit einem Nachruf wird des La-Sfera-Musikers, Musikwissenschaftlers, Autors und MZ-Kritikers Randolf Jeschek gedacht, der selbst mehrmals den Regensburger Almanach bereichert hat.

  • Prominenz

    Die Olympia-Gewinner Christian Reitz und Monika Karsch sind Regensburger Stars des Jahres 2016. Prominenz vergangener Jahrhunderte beleuchtet der Artikel über Fürst Albert von Thurn und Taxis I. (1888-1952), der herrliche Fotos wie die des passionierten Jägers Fürst Albert enthält.

Nicht jedes Almanach-Thema ist locker und leicht. Regensburg ist und war keine Insel der Seligen, war auch Ort des Terrors und der Gewalt. Thomas Muggenthaler lässt in zwei bewegenden Nachrufen Zbigniew Kolakowski und Tadeusz Sobolewicz zu Wort kommen, die im „Restaurant“ Colosseum, einem Außenlager des KZ Flossenbürg, inhaftiert waren.

Während am Donaumarkt das Museum der Bayerischen Geschichte entsteht, erinnert der Almanach an die Entstehung des Platzes durch den Abbruch kriegszerstörter Häuser.  Foto: Stadt Regensburg/Bilddokumentation/Battenberg Gietl Verlag.
Während am Donaumarkt das Museum der Bayerischen Geschichte entsteht, erinnert der Almanach an die Entstehung des Platzes durch den Abbruch kriegszerstörter Häuser. Foto: Stadt Regensburg/Bilddokumentation/Battenberg Gietl Verlag.

Mathilde Vietze schildert ihre Kindheit am Fluss. Der Beitrag ist, wie so viele im Almanach, von herrlichen, aussagekräftigen Bildern aus früherer Zeit begleitet. Wolfgang Sollers Zeitreise „Die Luftfahrt in Regensburg von den Anfängen bis zu ihrem Ende“ reicht noch viel weiter zurück, bis ins Jahr 1784. Und auch Reiner Vogels Spaziergang durch den Stadtpark atmet Geschichte.

Weiter, immer weiter

Wie sich Regensburg aktuell verändert, beschreibt Rolf Thym in seinem Text „Weiter, immer weiter“. Dass Bauboom keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist, findet sich in Bernd Edtmaiers Rückblick auf umgesetzte und geplante Bauprojekte seit den 60er-Jahren. Über die wirtschaftliche Entwicklung in all den Jahrzehnten gibt auch das Porträt des Regensburger Firmenchefs Oswald Richter Auskunft, der nach dem zweiten Weltkrieg begann, mit Schweißapparaten zu handeln und ein international operierendes Unternehmen schuf.

Mehrere Dutzend Autoren, links Laura Abt und Amanuel Yemane, signierten in einem Nebenraum den Gästen ihren Regensburger Almanach.
Mehrere Dutzend Autoren, links Laura Abt und Amanuel Yemane, signierten in einem Nebenraum den Gästen ihren Regensburger Almanach. Foto: altrofoto.de

Sport, Politik, Wirtschaft und Kultur – der Almanach, für den Künstler Roman Pionke als Titelbild eine großartig schillernde Stadtansicht mit Steinerner Brücke und Dom gemalt hat, wartet in allen Gebieten mit interessanten Geschichten auf. Am Wichtigsten sind aber die Menschen, wie auch Wolbergs betonte. Von Christine Hünn, dem „Spargelwei vom Neupfarrplatz“, bis zum unangepassten Maler Peter Dorn ermöglicht der Almanach eine Vielzahl interessanter Begegnungen – mit Jung und Alt.

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