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Bildungspolitik

Einer schafft an und die anderen mosern

Beim Thema Bildung klaffen Gräben zwischen den Parteien. Am Übertritt wird sich nichts ändern – stellt das Ministerium fest.
Von Thomas Kreissl, MZ

Eine Grundschülerin grübelt an der Tafel über einer Rechenaufgabe. Die bayerischen Politiker sind sich beim Thema Bildung nicht einig.
Eine Grundschülerin grübelt an der Tafel über einer Rechenaufgabe. Die bayerischen Politiker sind sich beim Thema Bildung nicht einig. Archivfoto: dpa

Regensburg.Kurt Bauer ist pensionierter Gymnasiallehrer. Ihn treibt eine Frage um, die so oder ähnlich immer wieder auftauchte in den letzten Tagen, in denen sich Eltern, Lehrer, Bildungsexperten und MZ-Autoren mit dem Thema Grundschule beschäftigten. „Warum ist uns die 4. Klasse so heilig?“, fragte Bauer am Dienstagabend bei der Podiumsdiskussion zur Grundschule in unserem Medienhaus. Denn pädagogische Gründe sieht er nicht hinter der Entscheidung, dass der Übertritt schon nach vier Jahren Grundschule erfolgen soll. Tatsächlich war es seinen Worten zufolge ein Kompromiss zwischen Politikern, der im Jahr 1924 geschlossen wurde und an dem heute noch festgehalten wird.

Die Politik kommt so manches Mal ins Spiel bei den Gesprächen und Diskussionen zum Thema Grundschule. Etwa dann, wenn BLLV-Funktionär Heinz Wagner den Übertritt ganz dem Elternwillen überlassen will. Dann, wenn Erziehungsberater Dr. Hermann Scheuerer-Englisch gerne Gemeinschaftsschulen in Bayern hätte. Oder dann, wenn Konrektorin Mirjam Thurn darüber sinniert, dass sie eigentlich ganz gut auf Noten verzichten könnte und sich auch eine Verlängerung der Grundschulzeit vorstellen kann. All das geht nicht in Bayern. Es ist politisch nicht gewollt .

Kommentar

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Bildungsminister Dr. Ludwig Spaenle von der CSU hält an der Dreigliedrigkeit des Bildungssystems ebenso fest wie an der Notengebung oder dem Übertritt nach der 4. Klasse. „Eine Änderung des Übertrittsverfahrens ist nicht vorgesehen“, heißt es auf Anfrage unseres Medienhauses aus dem Ministerium. Im Gegenteil: Nach Auskunft von Sprecherin Elena Schedlbauer schaffen die derzeitigen Regelungen vergleichbarere Bedingungen an den Schulen und tragen zu mehr Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit in der bayerischen Schullandschaft bei. Und sie tun das, ohne den notwendigen pädagogischen Freiraum einzuschränken, erklärt die Sprecherin.

Thomas Gehring, bildungspolitischer Sprecher der Grünen
Thomas Gehring, bildungspolitischer Sprecher der Grünen

„Hier wird eines der letzten ideologischen Gefechte ausgetragen.“

Thomas Gehring, bildungspolitischer Sprecher der Grünen

Ihren Worten zufolge habe es sich bewährt, dass eine Differenzierung zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet. An den weiterführenden Schulen würden so vergleichsweise homogene Lerngruppen ermöglicht. Bestätigt sieht sich das Ministerium durch die Ergebnisse einer Onlinebefragung, zu der alljährlich Schulleitungen, Lehrkräfte und Klassenelternsprecher der Jahrgangsstufe 4 aufgerufen sind. „Die Auswertungen haben gezeigt, dass die Mehrzahl der Befragungsteilnehmer die Maßnahmen begrüßt“, erklärt Schedlbauer.

Lesen Sie außerdem von MZ-Redakteur Heinz Klein zum Thema: Mit Laptop, Lehrer und Lerninseln

Zudem verweist sie auf die hohe Durchlässigkeit im bayerischen Schulwesen. Die erste Schulwahl nach der Grundschule bedeute keineswegs eine abschließende Entscheidung über die schulische Laufbahn und den Schulabschluss. Vielmehr könne eine solche Entscheidung entsprechend der Entwicklung des Kindes modifiziert werden.

Martin Güll, bildungspolitischer Sprecher der SPD
Martin Güll, bildungspolitischer Sprecher der SPD

„Auf keinen Fall darf eine Trennung nach der 4. Klasse erfolgen.“

Martin Güll, bildungspolitischer Sprecher der SPD

Eine gänzlich andere Sicht auf das Thema Übertritt haben die Oppositionsfraktionen im Bayerischen Landtag. „Hier wird eines der letzten ideologischen Gefechte ausgetragen“, sagt dazu Thomas Gehring, der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion. Deshalb sieht er derzeit auch keine allzu große Chancen für einschneidende Veränderungen. Dennoch haben die Grünen hier eines der Hauptprobleme im Bildungssystem ausgemacht.

Zwei Punkte stehen dabei besonders im Fokus. So gelte es in der 4. Klasse die Fixierung auf Noten abzubauen, die es nach Auskunft von Gehring so in keinem anderen Bundesland gibt. Und dann geht es um ein längeres gemeinsames Lernen. „Das sechsjährige Gymnasium wäre ein wichtiger Schritt“, ist Gehring überzeugt. Allerdings sei die Umsetzung schwierg, weil auch andere entsprechend umgebaut werden müssten.

Gemeinschaftsschule als Lösung

Deshalb bevorzugen die Grünen eher das Modell einer Gemeinschaftsschule für die Jahrgangsstufen 5 bis 10. Das würde einerseits den Übertrittsdruck herausnehmen und wäre andererseits eine Lösung, um ein breites Schulangebot auch in ländlichen Bereichen vor Ort zu sichern. Bei vielen Kommunen sieht Gehring durchaus die Bereitschaft, solche Konzepte umzusetzen.

Die Gemeinschaftsschule ist auch für die SPD im Landtag eine Vision für das Bildungssystem der Zukunft in Bayern. Dabei favorisieren die Sozialdemokraten eine gemeinsame Schule von der 1. bis zur 10. Klasse, erklärt Martin Güll, der bildungspolitische Sprecher der Landtagsfraktion. Wichtig sei bei diesem System, dass alle drei Schularten angeboten werden und alle Abschlüsse möglich sind. Der SPD-Sprecher ist überzeugt, dass so der frühe Druck im Grundschulalter völlig abgebaut werden kann. „Auf keinen Fall darf eine Trennung nach der 4. Klasse erfolgen“, verdeutlicht Güll die Position der SPD. Denn die Grundschule habe keinen Selektionsauftrag.

Günther Felbinger, bildungspolitischer Sprecher der Freien Wähler
Günther Felbinger, bildungspolitischer Sprecher der Freien Wähler

„Für die Entwicklung des Kindes ist dies mit Sicherheit wenig förderlich.“

Günther Felbinger, bildungspolitischer Sprecher der Freien Wähler

Der Bildungspolitiker ist davon überzeugt, dass die Gemeinschaftsschule als neue Schulform auf kommunaler Ebene behutsam entwickelt werden kann und auch pädagogisch Sinn macht. Als Nebeneffekt könnten zudem ländliche Schulstandorte gesichert werden. Als Beispiel nennt er den Vorstoß von Bürgermeister Jürgen Sommer und engagierter Eltern in Donaustauf, die eine Gemeinschaftsschule als Modellprojekt etablieren wollten – allerdings am Veto des Kulturministeriums scheiterten.

Deshalb hat die SPD Ziele zum Übertritt formuliert, die ihr kurzfristig umsetzbar erscheinen: Das Übertrittszeugnis soll demnach abgeschafft und der Elternwille freigegeben werden. Gleichzeitig soll ein qualifiziertes Beratungssystem aufgebaut werden, das insbesondere auch die weiterführenden Schulen mit einbezieht. Martin Güll glaubt, dass dieser Ansatz in Bayern durchaus Chancen hat. Denn er bezweifelt, dass die an Durchschnittsnoten gebundenen Schullaufbahnempfehlungen überhaupt verfassungsrechtlich haltbar ist. Um das prüfen zu können, müssten allerdings Eltern dagegen klagen. Das ist bislang noch nicht geschehen.

Die Vortragsreihe

  • 7. März

    Am Dienstag, 7. März, beschließt ein Themenabend die pädagogische Reihe „Gebt Kindern Flügel – Abenteuer Grundschule“. Dr. Hermann Scheuerer-Englisch wird dabei als Familientherapeut in kurzen Impulsen Informationen zu Entwicklungspsychologie und Bindungen im Spannungsfeld Schule und Familie geben. Dazwischen stellt die Sozialpädagogin und Buchhändlerin Daniela Dombrowsky Bücher für Kinder und Eltern in dieser Altersstufe vor. Der Themenabend beginnt um 20 Uhr in der Buchhandlung Dombrowsky am St.-Kassians-Platz 6 in Regensburg. Der Eintritt kostet 5 Euro. Karten gibt es im Vorverkauf unter Tel. (09 41) 56 04 22 oder Mail: ulrich.dombrowsky@t-online.de .

  • Im achten Jahr

    Schon im achten Jahr findet heuer die pädagogische Reihe mit Vorträgen und Diskussionen statt. Veranstalter ist eine Kooperationsgemeinschaft, in der sich die Buchhandlung Dombrowsky, die Regensburger Eltern, Montessori Regensburg, die Erziehungsberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge und die Volkshochschule der Stadt Regensburg zusammengefunden haben.

  • Die Themenwoche

    Begleitet wird die Veranstaltungsreihe heuer von unserem Medienhaus mit einer Themenwoche, an der sich alle Lokalredaktionen beteiligt haben. Unter dem Motto „Abenteuer Grundschule“ sprechen MZ-Autoren dabei mit vielen Schülern, Eltern, Lehrern und Bildungsexperten.

Zumindest für diskussionswürdig halten auch die Freien Wähler (FW) eine längere gemeinsame Grundschulzeit. Das bestätigt ihr bildungspolitischer Sprecher Günther Felbinger, warnt aber gleichzeitig vor den enormen organisatorischen Auswirkungen auf die weiterführenden Schulen. „Eine solche Zerreißprobe durch diese enormen Veränderungen würde ich dem bayerischen Bildungssystem derzeit ersparen wollen“, betont der FW-Sprecher. Stattdessen bringt er für den Bereich der Grundschule eine Flexibilisierung für die 3. und 4. Jahrgangsstufen analog zu den bereits bestehenden Möglichkeiten in der 1. und 2. Klasse ins Gespräch. Die Klassen 3 und 4 könnten dann je nach individuellem Lerntempo in ein bis drei Jahren absolviert werden. So sei mit Blick eine Tempoverschärfung genauso möglich wie eine Temporeduzierung.

„Für Entwicklung nicht förderlich“

Der augenblickliche Druck am Ende der Grundschulzeit bereitet den Freien Wählern einiges Bauchgrummen, erklärt Felbinger. „Für die Entwicklung des Kindes ist dies mit Sicherheit wenig förderlich“, betont er. Was die Freien Wähler vor allem kritisieren, ist die große Anzahl an Proben in der 4. Klasse. Das mache die Grundschulzeit für viele Kinder zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Dennoch halten die Freien Wähler nichts davon, die Noten abzuschaffen und den Übertritt freizugeben. Dadurch werde das Problem nicht gelöst, ist der Bildungspolitiker mit Blick auf Studien und Erfahrungen aus anderen Bundesländern überzeugt.

Diese Grafik des Staatsministeriums für Bildung und Kultus gibt es einen guten Überblick:

Die Themenwoche

Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche „Abenteuer Grundschule“. Hier geht es zu unserem Spezial.

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