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Fund

Erneuter Skelettfund bei Suzie-Wong-Club

Die Partygäste tanzten über den Mittelalter-Gräbern. Noch spannender finden Archäologen aber Anzeichen germanischer Siedler.
Von Micha Matthes und Mathias Wagner, MZ

  • Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern. Foto: mt
  • Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern. Foto: mt
  • Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern. Foto: mt

Regensburg.Die Sonne prallt auf den graubraunen Erdboden am Jesuitenplatz. Die Luft ist noch kühl, keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Normalerweise durchbrechen um diese Zeit in der Obermünsterstraße schon das Röhren der Bagger und das Bersten von Steinen die Stille. Denn zuletzt wurde hier der Club Suzie Wong abgerissen. Eigentlich sollte dort zügig ein Gebäude fertiggestellt werden, das unter anderem einen Supermarkt und ein Hotel beherbergt. Jetzt stocken die Arbeiten. Der Bau könnte sich verzögern. Stattdessen kniet am Vormittag an gleicher Stelle eine Archäologin auf dem Boden und pinselt vorsichtig Erde von einem menschlichen Skelett, das sich von dem dunklen Erdfeld abhebt.

Bei Aushubarbeiten hatten Bauarbeiter in der vergangenen Woche die Knochen unmittelbar unter der ehemaligen Tanzfläche bzw. Garderobe des unterdessen bereits abgerissenen Regensburger Clubs entdeckt. Vor dem Eingangsbereich der Diskothek waren im Oktober schon einmal drei Skelette gefunden worden. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) hatte die Funde damals gesichert und in die Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie nach München gebracht. Mit den erneuten Funden wird nun in gleicher Weise verfahren. Zu der bislang insgesamt gefundenen Zahl der Skelette sagt Bauherr Florian Schürger: „20 sind es wohl nicht, aber sicherlich sechs bis acht.“

Erneut Skelette vor Suzie-Wong-Club gefunden

Die gleichen Spezialisten, die am Montag die Ausgrabungen untersuchen, hatten bereits im Oktober eine Theorie geäußert. Sie vermuteten, dass die ersten Funde aus dem Mittelalter stammen könnten. „Die Archäologen stießen zunächst auf Gräber, die zum Friedhof des einstigen Benediktinerinnenklosters Mittelmünster gehören dürften, das 983 von Bischof Wolfgang gegründet und im 16. Jahrhundert aufgelöst wurde“, bestätigt Alexandra Beck, stellvertretende Pressesprecherin des BLfD. Im 10. Jahrhundert wurde der Heilige Wolfgang zum Oberhaupt der Kirche in Regensburg geweiht. Bekannt ist der Bischof auch dafür, dass er 975 eine Domschule mit Chor gründete, aus dem die heutigen Regensburger Domspatzen hervorgingen. „Da die anthropologische Untersuchung der Skelette erst nach Abschluss der Grabung stattfinden wird, kann man zu Geschlecht und Alter der Verstorbenen bislang keine genaueren Angaben machen“, sagt Beck.

Fragmente verweisen auf Germanen

Noch interessanter als diesen ersten Bestattungsplatz finden die Spezialisten aber die tieferliegenden Siedlungsschichten: „Erhalten haben sich zwischen Leitungsgräben und modernen Störungen die Reste von zwei Mannschaftsunterkünften des einstigen römischen Militärlagers, das 179 nach Christus von der III. italischen Legion errichtet wurde“, erklärt Beck. Die Unterkünfte seien ursprünglich aus Holz errichtet worden, weshalb oft nur unscheinbare Erdverfärbungen den Archäologen Aufschluss bieten. Später habe man die Unterkünfte als Fachwerkbauten auf Steinsockeln, die als Mäuerchen zum Teil in der Ausgrabungsfläche zu sehen sind, errichtet. „Besonders spannend sind die relativ unspektakulär wirkenden Gruben und Schichten über diesen römischen Resten: vereinzelte Keramikfragmente deuten darauf hin, dass germanische Siedler nach Abzug der römischen Truppen dieses Areal bewohnten.“

Gerechnet hatten die Archäologen zunächst wohl nur mit den Funden auf Höhe des ehemaligen Eingangsbereichs der Diskothek. Die neu entdeckten Gräber befinden sich nun quasi mitten im ehemaligen Club. Bis zum Montag verdeckte noch ein Zelt die Grabfelder. Jetzt ist die Sicht frei.

Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern.
Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern. Foto: mt

Für die Anlieger sind die Ausgrabungen keine große Überraschung mehr. Clubbesitzer Peter Artmann, der früher das Suzie Wong gemietet hatte, nimmt die erneuten Funde nur noch im Vorbeigehen mit einem Schmunzeln wahr. Auch zwei Parkhausaufseher halten die Funde schon für selbstverständlich. Die Archäologinnen hätten Viktor Velk und seinem Kollegen Arnold Wentel erklärt, dass sich an der Stelle früher ein Kloster befunden habe. „Es ist ja nicht überraschend, dass da auch jemand begraben wurde“, sagt Velk. „Spannend ist es natürlich trotzdem.“ Ab und zu werde er von Parkhauskunden auf die Skelette angesprochen, sagt Wentel. „Manche gehen automatisch zur Baustelle und schauen, ob dort etwas gefunden wurde.“

Der Inhaber von Buddies Burger Bar kehrt am Vormittag den Platz, um dann Tische aufzustellen. „Beim ersten Mal kamen Leute gezielt her und da war es auch im Restaurant großes Gesprächsthema“, sagt Daniel Schnarr. „Jetzt weiß es eigentlich jeder und die Aufregung hat sich gelegt.“ Die Gespräche drehten sich nun eher darum, wann die Baustelle weg ist.

Baustelle liegt noch im Plan

Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern.
Erneut haben Experten Knochen am Jesuitenplatz gefunden. Der Club Suzie Wong befand sich bis vor Kurzem noch direkt über den Gräbern. Foto: mt

Für Bauherren sind solche Funde oft eine schlechte Nachricht. Wenn unter einem Grundstück ein Bodendenkmal vermutet wird, müssen sie bestimmte Auflagen erfüllen. Sie bekommen nur dann eine Baugenehmigung, wenn sie die Archäologie im Boden dokumentieren lassen. Florian Schürger, der das Projekt am Jesuitenplatz entwickelt, nimmt die erneuten Funde aber gelassen. „Natürlich halten uns die Skelette ein bisschen auf. Noch liegen wir aber im Plan. Wir haben auf der Baustelle verschiedene Teilbereiche. Die Funde liegen eher zum Zentrum hin. Wir konnten derweil im hinteren Bereich weiterarbeiten und hoffen, dass wir jetzt zügig vorankommen.“

Zur Sondierung verpflichtet

  • Wenn unter einem

    Grundstück ein Bodendenkmal vermutet wird, müssen Bauherren bestimmte Auflagen erfüllen.

  • Sie müssen

    selbstständig eine Fachfirma engagieren und bezahlen, die Sondierungsgrabungen bzw. Ausgrabungen vornimmt.

  • In Regensburg

    sind quasi im Gebiet der gesamten Innenstadt Bodendenkmäler kartiert. Oberste Priorität hat hier der Denkmalschutz.

  • Die Funde gehören

    demjenigen, der die Grabung in Auftrag gibt. Knochenfunde werden nach der Dokumentation aber erneut bestattet.

An der Stelle des ehemaligen Suzie-Wong-Clubs sollen bis 2018 ein Nahversorger und ein Hotel entstehen. „Über den genauen Zeitplan können wir erst Aussagen machen, wenn die archäologischen Arbeiten abgeschlossen sind und wir eine Baugenehmigung haben.“ Derzeit laufe noch die Beteiligung der Fachstellen. „Wir wissen auch nicht, was wir noch alles finden.“

Der Bauherr hat mit den Ausgrabungen gerechnet. Überrascht habe ihn aber, dass die ersten Skelette nur 30 Zentimeter unter dem Kopfsteinpflaster gefunden wurden. „Dass die Gräber aus dem Mittelalter so hoch liegen – direkt unter dem Pflaster, auf dem jahrelang immer wieder so viele junge Leute standen –, das ist schon ein bisschen interessant.“ In den 1960er-Jahren hatte es wohl schon einmal eine Abgrabung auf dem Platz gegeben. Aus diesem Grund liege auch die Römerschicht an dieser Stelle heute nicht so tief, wie vielleicht an anderer Stelle in Regensburg.

Alle Clubs und Bars im Obermünsterviertel finden Sie auf Mittelbayerische Maps:

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