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Stadthalle

Ernst-Reuter-Platz: Die Würfel fallen

Nach mehr als 30 Jahren Vorlaufzeit für ein Kultur- und Kongresszentrum in Regensburg steht eine wegweisende Entscheidung an.
Von Norbert Lösch, MZ

Das Kultur- und Kongresszentrum steht im Koalitionsvertrag und soll am Ernst-Reuter-Platz gebaut werden.
Das Kultur- und Kongresszentrum steht im Koalitionsvertrag und soll am Ernst-Reuter-Platz gebaut werden. Foto: Winter

Regensburg.Um kein anderes Vorhaben wird in Regensburg schon so lange und intensiv gerungen wie um den Bau eines Kultur- und Kongresszentrums. Seit die Stadt die Perspektiven einer Stadthalle mit einer Marktanalyse untersuchen ließ, sind sage und schreibe 32 Jahre ins Land gegangen. Dabei wünschen sich die Stadtspitze, der Stadtrat und nicht zuletzt die Bürger schon lange ein zentral gelegenes Kulturzentrum mit vielfältigen Funktionen. Ein solches könne den Ruf Regensburgs bei Konzert- und Kongressveranstaltern deutlich verbessern und zusätzlich dem Tourismus samt davon profitierenden Wirtschaftszweigen gut tun. Alles nachvollziehbar und oft gehört – Regensburg ist aber noch immer meilenweit von einer Grundsteinlegung entfernt.

Jetzt bahnt sich in Sachen RKK allerdings eine wichtige Entscheidung an: Noch in diesem Monat muss sich der Stadtrat festlegen, ob er die Option eines Erbpachtvertrags für das zuletzt favorisierte Kepler-Areal am Ernst-Reuter-Platz wahrnehmen will oder nicht. Auch darüber wird schon seit Jahren verhandelt, und zwar mit dem Evangelisch-lutherischen Pfründestiftungsverband, dem das Grundstück gehört.

Langes Ringen um Vertrags-Details?

Die Stadthalle war von Anfang an ein Politikum.
Die Stadthalle war von Anfang an ein Politikum. Foto: MZ-Archiv/Moosburger

Ob die Konditionen aus Sicht der Stadt stimmen und man auf der Basis dieses Pachtvertrags konkret in die Planung für eine Stadthalle samt neu organisiertem Umfeld am Ernst-Reuter-Platz einsteigen will, darüber müssen die Stadträte in der nächsten Plenumssitzung am 26. Oktober befinden. Eine Mehrheit dafür zeichnet sich ab, die Fraktionen gehen dieser Tage noch einmal in sich. Das erscheint vielen notwendig, zumal die Unterlagen mit den Vertragsdetails erst Mitte dieser Woche zugestellt wurden.

Der Sitzungstermin wurde vom üblichen Donnerstag einen Tag vorverlegt und tauchte im politischen Kalender der Stadt erst ganz spät auf. Fest steht wohl, dass über den wegweisenden Vertrag hinter verschlossenen Türen diskutiert wird. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs hatte bereits angekündigt, dass die Causa Kepler-Areal „wegen der Beteiligung Dritter“ in nichtöffentlicher Sitzung zu behandeln sei. Nicht zuletzt deswegen hat unsere Zeitung alle Stadtratsfraktionen vorab gebeten, ihre Position zu einer Stadthalle am Ernst-Reuter-Platz darzulegen. Und ganz aktuell hat Stadtrat Christian Janele (CSB) einen Eilantrag für die Sitzung am Mittwoch gestellt. Er stellt darin keine Beschlussvorschläge zur Abstimmung, sondern Fragen. Tenor: Braucht Regensburg überhaupt noch ein RKK, und ist der Ernst-Reuter-Platz tatsächlich der richtige Standort?

Komplex muss „entmietet“ werden

Das Kepler-Areal war am Ende der Sieger im Standort-Rennen.
Das Kepler-Areal war am Ende der Sieger im Standort-Rennen. Grafik: Stadt

Auch wenn sich eine deutliche Mehrheit für die Stadthalle am Ernst-Reuter-Platz abzeichnet: In trockenen Tüchern ist sie damit noch lange nicht. Denn zunächst muss der Komplex mit Studentenheim, Gastronomie, Geschäften und Dienstleistern „entmietet“ und danach abgerissen werden. Allein dafür fallen Kosten in Millionenhöhe an. Das ist aber nur der Anfang einer Investition, die sich laut einer einige Jahre alten Aufstellung auf mehr als 92 Millionen Euro summiert. Dagegen nimmt sich der größte Brocken der vergangenen Jahre, das neue Fußballstadion, mit rund 53 Millionen Euro geradezu bescheiden aus. Die reinen Erbpachtkosten hatte Baureferentin Christine Schimpfermann einst auf 7,5 Millionen Euro beziffert.

Der Ernst-Reuter-Platz ist aber nicht nur der wohl teuerste Standort für eine Stadthalle, er ist auch mit einigen Problemen behaftet. Weniger das nur 10000 Quadratmeter große Grundstück an sich, sondern das Umfeld macht den Stadtplanern seit langem Kopfzerbrechen. Straßenverläufe und die Verbindung zum Bahnhof sowie zur Südstadt müssen neu organisiert werden, zudem muss die bisherige Busdrehscheibe Albertstraße zum Bahnhof hin verlegt werden. Dass bei allen Planungen die Deutsche Bahn ein gewichtiges Wort mitredet, ohne sich an den Kosten beteiligen zu wollen, macht die Sache nicht einfacher. Zuletzt hatte die Rathaus-Koalition ein neues Busterminal für Regional- und Fernbusse ins Spiel gebracht. Das Hauptargument für diese Ergänzung eines zentralen Omnibusbahnhofs: Damit könnte die Situation vor dem Hauptbahnhof deutlich entzerrt werden. Das Untersuchungsgebiet zur Neuordnung des ÖPNV soll jedenfalls nach dem Willen des Stadtrats auch auf diese Fläche südlich der Gleise ausgedehnt werden. Das Grundstück müsste die Stadt aber erst von der Bahn erwerben.

Wie lange das RKK schon Thema in Regensburg ist, sehen Sie in unserer Chronologie:

Und dann wären da noch der Naturschutz und die Denkmalpflege. Auch ohne ein Hotel, das längst aus den Planungen herausgenommen wurde, muss das Grundstück verdichteter als heute bebaut werden, um dort eine Stadthalle mit für Regensburg angemessener Größenordnung hinzubekommen. Das bedeutet auf jeden Fall Eingriffe in den Baumbestand, auch wenn der Erhalt des denkmalgeschützten Alleengürtels an dieser Stelle erklärter Wille des Stadtrats ist. Wie das mit der Bebauung zu vereinbaren ist, wird noch zu diskutieren sein, wenn das Projekt erst einmal wirklich Gestalt angenommen hat.

Wie immer: Erst die Archäologen

Der Standort birgt zudem wahrscheinlich einige Bodendenkmäler. Die Archäologie vermutet dort Reste des mittelalterlichen Klosters Weih St. Peter, Kulturschichten der Zivilsiedlung des römischen Legionslagers und Zeugnisse von Bestattungen auf dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof.

„Es laufen gerade noch Verhandlungen, und wir müssen erst einmal die Entscheidung des Stadtrats abwarten.“

Jörg Heinzler, Leiter des Evangelisch-lutherischen Pfründestiftungsverbands

In Wartestellung ist derweil der Vertragspartner in München. Jörg Heinzler, als Leiter des Evangelisch-lutherischen Pfründestiftungsverbands für dessen Liegenschaften in Bayern zuständig, will sich zum Stand der Verhandlungen mit der Stadt Regensburg derzeit nicht groß äußern. „Ich sage nur so viel: Es laufen gerade noch Verhandlungen, und wir müssen erst einmal die Entscheidung des Stadtrats abwarten. Der kann ich nicht vorgreifen.“ Heinzler lässt sich noch entlocken, dass sich beide Seiten „relativ einig“ seien und die Laufzeit des Erpachtvertrags 99 Jahre beträgt, so er denn zustande kommt.

Voraussetzung für das Abtreten des Kepler-Areals an die Stadt Regensburg sei immer auch gewesen, dass es einen Ersatz für das Studentenwohnheim am Ernst-Reuter-Platz gibt, sagt der Vertreter des Grundstücksbesitzers. Für diesen sorgt das Evangelische Siedlungswerk (ESW): Auf dem Gelände der ehemaligen Nibelungenkaserne am Galgenberg soll ein Studentenwohnheim mit 126 Einheiten entstehen.

Die Stellungnahmen der Stadtratsfraktionen zur bevorstehenden Entscheidung lesen Sie hier:

SPD: Regensburg braucht ein Kongresszentrum

Norbert Hartl, SPD-Fraktionsvorsitzender: „Die SPD-Stadtratsfraktion steht zu der Aussage des Koalitionsvertrages, das RKK am Kepler-Areal zu realisieren. Trotz neuer kleinerer Säle, wie in der Zollinger Halle, der Continental Arena und im Museum der Bayerischen Geschichte, braucht eine Stadt wie Regensburg ein Kongresszentrum, welches in der nächsten Stadtratsperiode nach 2020 realisiert werden soll. Um Platz zu sparen und einen Teil der Bäume zu schonen, wird das RKK ohne Hotel errichtet. Für das notwendige Kongresshotel wurde das ehemalige HVB-Gebäude in der Maximilianstraße erworben. Der Bebauungsplan RKK wird mit Nachdruck weiter verfolgt, um Baurecht zu erlangen. Natürlich ist hierfür erforderlich, den Erbpachtvertrag Kepler-Areal mit der evangelischen Pfründestiftung abzuschließen, sobald Planungssicherheit vorhanden ist. Für den Bebauungsplan RKK sind als Rahmenbedingung die Verkehrsführung, die ÖPNV-Trasse in der Dr.-Martin-Luther-Straße und die Realisierungsschritte des ZOB endgültig abzuklären.“

CSU: ZOB Voraussetzung für den Bau des RKK

Hermann Vanino, Fraktionsvorsitzender der CSU: Die CSU-Fraktion steht für die schnellstmögliche Errichtung eines RKK, wie im Wahlprogramm der CSU festgelegt . Das RKK halten wir für eine der wichtigsten Infrastruktureinrichtungen in unserer Stadt, da wir uns davon viele positive Auswirkungen erwarten. Allerdings blieb nur der Ernst-Reuter-Platz als einziger Standort übrig, da der Donaumarkt zwischenzeitlich bebaut ist, der Standort „Altes Eisstadion“ von der Koalition ohne Not aufgegeben wurde und mit einem Parkhaus bebaut werden soll. Voraussetzung für den Bau des RKK ist ein Zentraler Omnibusbahnhof (ZOB) am Hauptbahnhof, dessen zügige Schaffung die CSU in ihrem Wahlprogramm ebenfalls gefordert hat. Wir sehen mit Sorge, dass die Umsetzung des ZOB nach dem Entwurf des IP 2016-2020 verschoben werden soll. Es besteht akuter Handlungsbedarf für den OB und seine bunte Koalition!

ÖDP: Klare Absage an ein „Millionengrab“

„Als ÖDP-Fraktion plädieren wir für mehr Kultureinrichtungen in den Stadtteilen statt eines zentralen RKK in der engen Altstadt. Immer wieder forderten wir eine Wirtschaftlichkeitsprüfung, um ein weiteres Millionengrab zu verhindern. Doch bis heute schweigt die Koalition hierzu. Die hohen Summen für das RKK-Projekt benötigen wir dringend für den Aufbau eines höherwertigen ÖPNV. Statt erneut in Baumbestand und Alleengürtel einzugreifen, sollten die zahlreichen Tagungs- und Kongressmöglichkeiten noch stärker vernetzt werden. Inzwischen wurden auch ohne RKK viele neue Räume geschaffen oder werden geplant: Schlachthof, Fußballarena, Leerer Beutel, Museum der Bayerischen Geschichte oder auch Hotels mit Tagungsbereichen. Am Ernst-Reuter-Platz brauchen wir eine leistungsfähige Mobilitätsdrehscheibe samt grünem Eingang vom Bahnhof in die Altstadt.“

Freie Wähler: Seit jeher der beste Standort

Ludwig Artinger, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler: „Die Koalitionsfraktionen haben in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass sie die Errichtung eines RKK am Ernst-Reuter-Platz als bedeutende Infrastruktureinrichtung für den Wirtschafts-, Hochschul- und Kulturstandort Regensburg mit aller Kraft weiter vorantreiben. Gerade für als uns Freie Wähler ist dies besonders wichtig, weil wir den Ernst-Platz-Platz als Standort für das RKK seit jeher als besten favorisiert haben. Dort ist mit Bahnhof und Busdrehscheibe eine optimale Anbindung gewährleistet, der Gast ist am „Entrée“ zur Altstadt, Regensburgs Schokoladenseite. Die Platzfolge Bahnhof bis Eingang Maximilianstraße kann vom motorisierten Individualverkehr durch Unterführungen befreit und zur Flaniermeile ausgestaltet und aufgewertet werden. Mit der Auslagerung des Hotels ist das notwendige Raumprogramm für ein RKK entschlackt und mit einer intelligenten und fantasievollen planerischen Umsetzung des Vorhabens kann auch den Bedenken der Naturschützer Rechnung getragen werden und dort am Ende mehr Grün vorhanden sein, als es jetzt noch der Fall ist.“

Die Linke: Befürchten einen weiteren „Klotz“

Richard Spieß, Fraktionsvorsitzender der Linken: „Wir werden den Verhandlungen mit dem Evangelisch-lutherischen Pfründestiftungsverband zustimmen, denn zweifellos ist an dieser Stelle eine Stadtreparatur notwendig. Wir befürchten allerdings, dass hier ein Klotz entsteht, der in autistischer Selbstbezogenheit die gebaute Umwelt und die Geschichte der Stadt ignoriert und in den alten Baumbestand eingreift, der aus unserer Sicht so weit wie möglich erhalten werden muss. Des Weiteren wäre kritisch zu fragen, welche finanzielle Belastungen das RKK (Bau und Betrieb) mit sich brächte, wie sich das hohe Verkehrsaufkommen nach einer Veranstaltung abwickeln lässt und ob nach Fertigstellung des Veranstaltungszentrums im Alten Schlachthof überhaupt noch ein weiteres benötigt wird. Zu prüfen wäre dann, ob dieses nicht in das Haus für Kunst/Kultur und Vereine, wie ursprünglich angedacht, umgewandelt werden könnte.“

CSB: Viel zu klein für eine große Halle

CSB-Stadtrat Christian Janele empfiehlt, die Notwendigkeit eines Kultur- und Kongresszentrums (RKK) noch einmal zu diskutieren: „Schließlich geht es um viel Geld.“ Im Hinblick auf die Steuerzahler müsse daher auch die Vereinbarung im Koalitionsvertrag, ein RKK zu realisieren, auf den Prüfstand. Er hält das Grundstück am Ernst-Reuter-Platz zudem „für viel zu klein für eine Halle, die für Großveranstaltungen über ca. 5000 Plätze verfügen muss.“ Auch stelle sich die Anbindung für den Individual-Verkehr als „äußerst problematisch“ dar. Sollte sich die Mehrheit im Plenum weiterhin für den Bau aussprechen, schlägt Janele das wesentlich größere Gelände direkt neben den Regensburg Arcaden oder das alte Eisstadion vor. „Wenn überhaupt ein RKK, dann dort.“

Grüne: Akzeptanz der Stadtgesellschaft wichtig

Margit Kunc, Fraktionsvorsitzende der Grünen: „Für uns Grüne gilt der Koalitionsvertrag und die aktuelle Beschlusslage. Die Regelung der Verkehrssituation mit zentralem Busbahnhof und höherwertigem ÖPNV-System muss zusammen mit dem RKK als Gesamtprojekt weiter entwickelt werden. Bei den weitergehenden Untersuchungen wurde deutlich, dass die Eingriffe in den Grünbestand größer werden können als angenommen. Wir befürworten daher, dass die Bürgerschaft in das weitere Verfahren mit einbezogen wird, weil wir annehmen, dass sowohl der Grünbereich vor dem Bahnhof als auch eine Stadtbahn nicht nur uns Grünen, sondern auch der Bevölkerung am Herzen liegen. Der Donaumarkt sollte uns Lehre genug sein, um die Bürgerschaft rechtzeitig mit einzubinden. Entscheidungen dieser Tragweite und Größenordnung brauchen die Akzeptanz der Stadtgesellschaft.“

Trotz wiederholter Anfrage gaben die FDP-Fraktion und Stadträtin Tina Lorenz (Piratenpartei) keine Stellungnahme ab.

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