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Wirtschaft

Freibier soll in die Bauwüste locken

Gäste verirren sich höchstens noch in die Sackgasse Schwanenplatz. Für Gastronomen wird die Riesenbaustelle zur Katastrophe.
Von Micha Matthes, MZ

Die Stadt will den St.-Georgen-Platz und den Schwanenplatz verschönern. Bis es soweit ist, herrscht dort aber erst einmal Chaos. Aktuell gleicht der zentrale Bereich in der Altstadt einer Bauwüste.

Regensburg.Am St.-Georgen-Platz gibt es Freibier. Martin Seitel, der Geschäftsführer des Restaurants St. Erhard im Kolpinghaus, weiß sich nicht mehr anders zu helfen. „Die Gäste finden uns überhaupt nicht mehr, weil die Lage in der Ostengasse und am St.-Georgen-Platz so unübersichtlich ist“, sagt er. Deshalb lädt er nun am Donnerstag von 17 bis 18 Uhr zur Baustellenbesichtigung ein und spendiert dazu jedem Gast einen halben Liter Freigetränk.

Naturstein-Pflaster, ein Hopfengarten, eine neue Verkehrsführung: Die Stadt will den St.-Georgen-Platz und den Schwanenplatz verschönern. Bis es soweit ist, herrscht dort aber erst einmal Chaos. Aktuell gleicht der zentrale Bereich in der Regensburger Altstadt einer Bauwüste. Abgesehen davon, dass es ohnehin kein Durchkommen gibt, weil die Durchfahrt zwischen Thundorferstraße und Dachauplatz bis 30. September für Rad- und Autofahrer gesperrt ist, meiden viele Passanten die beiden Plätze auch einfach wegen des Baustellendrecks und der Lärmbelästigung. Zu spüren bekommen das vor allem die Gastronomen vor Ort.

Freisitz zwischen Baucontainern

Oliver Schutkowski ist Geschäftsführer der Quetschn, einer rustikalen Gaststätte mitten am Schwanenplatz.
Oliver Schutkowski ist Geschäftsführer der Quetschn, einer rustikalen Gaststätte mitten am Schwanenplatz. Foto: mt

Die Quetschn ist eine zünftige Gaststätte mitten am Schwanenplatz. Jetzt liegt das Wirtshaus im Auge des Sturms. Die Freisitze sind von meterhohen Baucontainern umzingelt. Dahinter wird gebohrt, gegraben und gefräst. „Seit April ist hier alles völlig dicht“, sagt Geschäftsführer Oliver Schutkowski. Einbußen von 70 Prozent habe er im Moment. Fast seine gesamten Rücklagen seien aufgebraucht. „Noch ein paar weitere solche Monate und ich muss Insolvenz anmelden.“

Nur noch Stammkunden besuchten derzeit sein Restaurant. „Jemand anderes findet sich hier ja gar nicht mehr zurecht“, sagt Schutkowski. Schon im Januar hatte der Gastronom einen Brief an Oberbürgermeister Joachim Wolbergs geschrieben, in dem er seine Bedenken und Verbesserungsvorschläge zu der Baustelle zu Papier brachte. Eine Antwort habe er nicht erhalten. Nach wie vor kassiert die Stadt von ihm 1500 Euro Miete für die Freisitze zwischen den Baucontainern. Zuletzt hatte Schutkowski die Zahlung einmal aus Protest ausgesetzt – und erhielt prompt eine Mahnung.

Die Freisitze des Restaurants Quetschn sind von meterhohen Baucontainern umzingelt. Dahinter wird gebohrt, gegraben und gefräst.
Die Freisitze des Restaurants Quetschn sind von meterhohen Baucontainern umzingelt. Dahinter wird gebohrt, gegraben und gefräst. Foto: mt

Dem Geschäftsführer des Restaurants Goldener Ochs von schräg gegenüber geht es ähnlich. „Mit dem Auto oder dem Bus kommt niemand mehr. Und eigentlich bleibt die komplette Laufkundschaft aus“, sagt Filip Brecato. Nun überlege er, ob es nicht besser wäre, das Restaurant einfach für ein paar Wochen zuzusperren.

Am ersten Tag der Sperrung wäre Lothar Niebler, Inhaber von Niebler Orthopädie-Schuhtechnik, fast selbst nicht zu seinem Geschäft durchgekommen. „Langsam kennt sich halt niemand mehr aus“, sagt er. Die Einzelhändler hätten besser informiert werden müssen, was im Einzelnen auf der Baustelle passiert, sagt Thomas Goldfuss, Geschäftsführer von Geigenbau Goldfuss. „Bislang konnten wir uns aber immer gut mit den Bauarbeitern arrangieren, wenn etwas angeliefert wurde.“ Ähnlich wie das Geschäft „Emmys Bären & Puppen“ nebenan, ist der Instrumentenbauer aber nicht auf die Laufkundschaft angewiesen.

Bei der Museums-Baustelle ist es jeden Tag dasselbe Spiel: Immer wieder fahren Auto- und Radfahrer durch die zum Teil einspurige Ostengasse, bleiben am St.-Georgen-Platz stecken und müssen dann den Rückzug in den Stadtosten antreten.
Bei der Museums-Baustelle ist es jeden Tag dasselbe Spiel: Immer wieder fahren Auto- und Radfahrer durch die zum Teil einspurige Ostengasse, bleiben am St.-Georgen-Platz stecken und müssen dann den Rückzug in den Stadtosten antreten. Foto: mt

Die „Altstadtautobahn“ über den St.-Georgen-Platz ist zur Sackgasse geworden. Jetzt gibt es an der Zufahrt bei der Ostengasse jeden Tag dasselbe Spiel: Immer wieder fahren Auto- und Radfahrer durch die zum Teil einspurige Ostengasse, bleiben am St.-Georgen-Platz stecken und müssen dann den Rückzug in den Stadtosten antreten. Verirrt sich mal ein Lastwagen mit Hänger, wird das Wendemanöver am Schwanenplatz zum Schau- und Geduldspiel. Lieferverkehr und Paketboten müssen sich täglich neue Wege durch das Gassenlabyrinth östlich des Schwanenplatzes suchen. „Es ist eine Katastrophe, meine normale Tour durch die Ostengasse muss ich jetzt fast komplett zu Fuß erledigen“, sagt ein Paketfahrer am Mittwoch.

Schwanenplatz: Riesenbaustelle im Stadtosten

Die Neugestaltung überleben

Wenn die Neugestaltung 2018 fertig ist, werde der Schwanenplatz sicher ein schöner Fleck. „Alle Gastronomen werden davon profitieren“, sagt Martin Seitel, der Geschäftsführer des Restaurants St. Erhard. „Die große Kunst ist, bis dahin zu überleben ohne Personal entlassen zu müssen.“ Ungefähr 20 Prozent weniger Umsatz mache das Restaurant und Kongresszentrum durch die Baustelle. „Das ist viel Geld und gleichzeitig werden wir als Anwohner für die Verschönerung noch zur Kasse gebeten.“ Für den Ausbau und die Sanierung von Straßen verlangt die Stadt Zuzahlungen der Anwohner. Solche sogenannten Straßenausbaubeiträge können hohe Kosten für die Hausbesitzer bedeuten. Daher sollte es für die Gastronomen einen Ausgleich geben, findet Seitel. Der Stadt will er trotzdem keinen Vorwurf machen. Die Verantwortlichen seien sehr bemüht, dass alles glattlaufe, die Handwerker nähmen viel Rücksicht auf Lieferanten und Kunden. „Schwierig bleibt die Situation für uns aber trotzdem“, sagt Seitel.

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