MyMz
Anzeige

Soziales

Hospiz: 2500 schwere Wege mitgegangen

Sterbende brauchen Begleitung. Angehörige auch. Für die Frühchenbestattung wäre Petra Seitzer bis zum Äußersten gegangen.
Von Gabi Hueber-Lutz, MZ

Hand in Hand: Auf dem letzten Weg tut es gut, nicht allein zu sein.
Hand in Hand: Auf dem letzten Weg tut es gut, nicht allein zu sein. Foto: dpa

Regensburg.Der Regensburger Hospizverein wird am 24. September 25 Jahre alt. Von seinen Anfängen bei der Gründung in einem privaten Wohnzimmer bis hin zur Eröffnung des Johannes-Hospizes hat er mehr als 2500 Patienten während ihrer letzten Lebenszeit begleitet. Viele ehrenamtliche Hospizbegleiter arbeiten heute für den Verein. MZ-Autorin Gabi Hueber-Lutz sprach mit Petra F. Seitzer, der Vorsitzenden des Hospizvereins, über die Geschichte und die Erfahrungen der letzten 25 Jahre.

MZ: Der Regensburger Hospizverein gehört zu den ältesten in Bayern?

Petra F. Seitzer: „Ja, aktuell gibt es über 150 Hospizvereine in Bayern, wir sind der vierte, der gegründet wurde. Drei unserer sieben Gründungsmitglieder sind heute noch aktiv dabei. Ab 2003 wurde es einfacher, denn ab dann wurden Hospizvereine finanziell von den Krankenkassen gefördert.“

Warum das? Haben Krankenkassen einen Vorteil davon?

„Ja, die Krankenkassen haben schnell gemerkt, dass Hospizbegleitung viel dazu beiträgt, dass Sterbende zuhause bleiben können und damit weniger Kosten verursachen.“

Hat sich die Einstellung zum Sterben in den letzten 25 Jahren verändert?

„Wir sind keine Exoten mehr, die Hospizbewegung hat viel erreicht, und das Thema wird besser wahrgenommen. Man merkt das auch an den Hospizhelfern. Früher ließen sich Leute ausbilden, die selbst erlebt hatten, dass sich ein Angehöriger gut verabschieden konnte oder dass er jemanden gebraucht hätte. Jetzt kommen viele, die einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen und sich auch persönlich mit dem Sterben auseinandersetzen wollen.“

Petra Seitzer, Vorsitzende Hospizverein Regensburg
Petra Seitzer, Vorsitzende Hospizverein Regensburg Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de

Sie selbst arbeiten beruflich und ehrenamtlich für den Hospizverein?

„Mit der wachsenden Anzahl der Sterbebegleitungen wuchs auch die Notwendigkeit, das zu koordinieren und wir brauchten fest angestellte Kräfte. Am Anfang wurden die Hospizbegleiter an acht Abenden geschult, aber wir haben sehr schnell gemerkt, dass das nicht reicht und ein anderes Konzept erarbeitet. Heute läuft eine Schulung über 15 Abende, zwei Wochenenden und zwei Samstage.“

Wie sind Sie persönlich zu Ihrem Beruf gekommen ?

„Ich konnte wegen einer Krankheit meinen früheren Beruf als Religionslehrerin nicht mehr ausüben. Im Krankenhaus habe ich erlebt, wie Menschen gestorben sind und wollte etwas dazu beitragen, dass sich an der damals gängigen Praxis etwas ändert. Ich habe mir vorgenommen, im Bereich Hospiz zu arbeiten, sollte ich wieder gesund genug werden. Das mache ich jetzt seit vielen Jahren.“

Wie groß ist das Interesse an einer Ausbildung zum Hospizhelfer?

„Sehr groß. Für die Ausbildungen 2016 haben wir schon eine Warteliste. Menschen aus allen Gesellschafts- und Altersschichten lassen sich zu Hospizhelfern ausbilden.“

Was ist die wichtigste Qualifikation für einen Hospizhelfer?

„Hinhören und wahrnehmen können, was der Patient braucht. Der liebe Gott hat uns zwei Augen, zwei Ohren, aber nur einen Mund gegeben. Ein Hospizbegleiter muss auch sein eigenes Leben reflektieren können und sich mit seiner eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Und er muss den anderen lassen wie er ist und nicht in irgendwelche Richtungen ziehen oder schieben.“

Was meinen Sie damit?

„Zum Beispiel wäre es schön, wenn wir bei einer zerstrittenen Familie vermitteln könnten, aber wenn der Sterbende oder seine Angehörigen das nicht wollen, müssen wir das respektieren. Wir müssen die Situation nehmen wie sie ist, und das ist oft das Allerschwerste. Wir hatten auch schon Patienten mit Nazi-Vergangenheit, die das immer noch glorifiziert haben. Diese Patienten bestärken wir natürlich nicht in ihrer Anschauung, aber wir diskutieren auch nicht mit ihnen.“

Welche Meilensteine sehen sie in der Entwicklung des Hospizvereins?

„Wir haben sehr schnell gemerkt, dass nicht nur Sterbende, sondern auch Trauernde eine Begleitung brauchen. Daraus sind der Trauergesprächskreis, der offene Treff und das Trauercafé entstanden. Und daraus wiederum die Frühchenbestattung.“

Das war Ihnen ein Herzensanliegen?

„Die Not der Frauen mit Fehlgeburten war groß. Wir haben erlebt, wie jemand leidet, wenn er so ein Kindchen verliert. Was früher zum Teil mit diesen Frühchen geschah, war unsäglich und zutiefst unwürdig. Ich habe so viele Recherchen zu diesem Thema betrieben und ich wäre bis zum Teufel gegangen, damit sich da etwas ändert. Aber ich musste nur bis zum Landtag. Die entsprechende Petition ging im zweiten Anlauf durch und in Kooperation mit Donum Vitae gibt es jetzt die Frühchenbestattung. Und ein weiterer Meilenstein war dann natürlich der Bau des Johannes-Hospizes. Das hat uns sieben Jahre beschäftigt.“

Wie ist die Stimmung in einem Haus, in dem naturgemäß viel gestorben wird?

„Wir haben ein schönes Miteinander, machen gemeinsame Aktionen wie Grillen. Jeder Patient nimmt teil, soweit er mag und kann. Gerade Tumorpatienten sind oft noch bis wenige Tage vor ihrem Tod mobil.“

Gehen Hospizpatienten bewusster mit dem Tod um?

„Nicht unbedingt. Die Patienten wissen, wo sie sind, aber es gibt Menschen, die nicht über den nahen Tod reden wollen oder hoffen, dass es eine Wende gibt.“

Haben Sie das schon erlebt?

„Sehr selten, aber manchmal gibt es tatsächlich einen Aufschub und geschenkte Zeit. Während 25 Jahren ist es zweimal vorgekommen, dass ein Tumor wieder verschwand.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht